Lehrerausbildung in der Kritik

Lehrerausbildung: «Kein Rucksack, nur ein Znünitäschli»

Ältere Oberstufenlehrkräfte im progymnasialen Leistungszug haben noch alle an der Uni studiert.  Hartmann

Ältere Oberstufenlehrkräfte im progymnasialen Leistungszug haben noch alle an der Uni studiert. Hartmann

Eine Gruppe von Politikern und Lehrpersonen aus der Nordwestschweiz schlagen Alarm: Die fachliche Ausbildung komme an der Pädagogischen Hochschule Nordwestschweiz krass zu kurz.

Seit 2009 gibt es an der Pädagogischen Hochschule Nordwestschweiz (PH FHNW) zwei parallele Ausbildungswege für angehende Oberstufen-Lehrkräfte (Sekundarstufe I): den integrierten und den konsekutiven. Die integrierte Ausbildung wird vollständig an der PH absolviert: Fachwissenschaften, Didaktik und Pädagogik. Normaldauer für drei Fächer: 9 Semester. Die PH selber bezeichnet dieses Studium als «Königsweg».

Beim konsekutiven Weg (entsprich in etwa der früheren Lösung) erwirbt man einen Fachbachelor an der Uni und wechselt dann für die Pädagogik-Ausbildung an die PH. Doch dieser Weg dauert, je nach Anzahl Fächer, bis anderthalb Jahre länger. So verwundert es nicht, dass die grosse Mehrheit der angehenden Lehrpersonen den integrierten Weg wählt.

60 Prozent weniger Fachbildung

Nun schlägt eine Gruppe von Politikern und Lehrpersonen aus beiden Basel, dem Aargau und Solothurn Alarm. Ihre Kritik: Die fachliche Ausbildung komme beim integrierten Studiengang krass zu kurz.

So wurde die Fachausbildung in Französisch von früher 60 auf heute 23 Credit Points, das heisst um mehr als 60 Prozent, gekürzt. «Das ist kein Bildungsrucksack mehr, höchstens noch ein Znünitäschli», sagte der Basler CVP-Grossrat Oswald Inglin an einer Medienkonferenz in Basel.

Neben ihm gehören folgende Persönlichkeiten zur «Kerngruppe des Widerstands»: Bea Fünfschilling, FDP-Landrätin und Lehrerverbandspräsidentin Baselland, Daniel Goepfert, SP-Grossrat Basel, Peter Hägler, Erziehungsrat Aargau, Marc Joset, SP-Landrat Baselland, Martin Zwimpfer, Kantonsschullehrer in Olten, und André Vanoncini, Professor für Französisch an der Uni Basel mit Lehrauftrag an der PH. Joset und Inglin sind Mitglied der Interparlamentarischen Kommission (IPK) für die FHNW.

Forderung: Mindestens 60 Prozent

Die Gruppe stellt folgende Forderungen an die Hochschulleitung sowie an die Regierungen der vier Trägerkantone und die IPK:

Die Ausbildung zur Lehrkraft Sek I umfasst mindestens 60% Fachausbildung. Der Ausbau darf nicht auf Kosten der Praktika erfolgen. Ein Abbau könnte auf dem Gebiet der Pädagogik, besonders der wissenschaftlichen Forschung stattfinden.

Die Fachausbildung erfolgt auf dem konsekutiven Weg (Uni, dann PH) – oder auf einem «gemässigt konsekutiven Weg» (Uni und PH teilweise überschneidend, um die Gesamtstudiendauer zu reduzieren).

Studierende haben Gewähr, dass ihre fachliche Ausbildung als Vorleistung für ein universitäres Masterstudium anerkannt wird (Studienleistungen an der PH werden von den Unis nicht anerkannt).

Die vier Nordwestschweizer Kantone vereinheitlichen ihre Lehrerbildungs- und Anstellungspolitik.

Eine Abstufung der Ausbildung – zum Beispiel mehr Fachwissenschaft für den progymnasialen Zug – ist gemäss den Vorgaben der Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK) nicht mehr möglich. Sie will keine Typen-, sondern nur noch Stufenlehrkräfte.

Die vier Regierungen und Parlamente beraten 2011 den neuen Leistungsauftrag 2012/14 für die FHNW. In diesen politischen Prozess will sich die Gruppe mit ihren Forderungen einbringen. Ebenso möchte sie dem Ansinnen zuvorkommen, mit der Neuinstallierung des integrierten Studienganges auch noch in Solothurn diesen Weg zu zementieren.

Standortpoker statt Konzentration

Die Gruppe moniert einen eigentlichen «Standortpoker». Während in baulicher Hinsicht der Konzentrationsprozess mit vier Campus-Projekten zielstrebig vorangetrieben werde, finde die Schwergewichtbildung bei den Studiengängen nicht statt. Die Mehrfachführung des gleichen integrierten Studiengangs an mehreren Standorten (ein Wunsch auch der Kantonsregierungen von Aargau und Solothurn) lässt die Studierendenzahlen schrumpfen: Eigentlich müssten bis 60 Lehrveranstaltungen pro Semester gestrichen werden.

Doch das will die PH nicht. Stattdessen plant sie anstelle des üblichen Drei-Fächer- ein Vier-Fächer-Studium. «Damit würde die Ausbildung pro Fach gleich nochmals gerupft», hält die «Widerstandgruppe» lakonisch fest.

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