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Lehrer müssen länger in die Schule

In einzelnen Fächern an der Bezirksschule wissen Praktikanten und neu diplomierte Lehrpersonen oft kaum mehr als ihre Schüler. Eine längere Ausbildung soll bei Lehrern die fachlichen Lücken nun schliessen.

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Aargauer Zeitung

Hans Fahrländer

Früher vertieften Bezirkslehrpersonen ihr Fachwissen an der Universität. Den pädagogischen Teil erwarben sie am Didaktikum. Seit Eröffnung der Pädagogischen Hochschulen (PH) ist die Lehrerausbildung hier konzentriert, Aargauerinnen und Aargauer besuchen in der Regel die PH Nordwestschweiz. Künftige Primar- und Oberstufenlehrpersonen machten bisher in der Regel den Bachelor-Abschluss (6 Semester). Das Schwergewicht lag auf der didaktischen Ausbildung, zur Vertiefung des Fachwissens blieb nur wenig Zeit.

Ausbildung ist allzu theorielastig

Monica Stettler unterrichtet Biologie und Mathematik an der Bez Frick. Vor der Babypause studierte sie Naturwissenschaften an der Uni, für den Einstieg als Bezlehrerin wurde sie zur «Nachqualifizierung» an die PH geschickt. «Der Fachunterricht war völlig ungenügend. Ich musste ein zusätzliches Fach, Physik, belegen, doch ich habe heute noch kaum eine Ahnung von Physik», erzählt sie. «Dafür war der pädagogische Teil überladen, ich hörte Dinge, die ich zum Schulegeben nie brauchen konnte.»

Update

Seit der Einführung der Fachhochschulen und der Pädagogischen Hochschulen als Teil von ihnen ist die Lehrerausbildung in der Schweiz konsequent tertialisiert, das heisst auf Hochschulstufe angesiedelt. Am Institut Sekundarstufe I werden Oberstufenlehrkräfte für alle Leistungszüge (Bezirks-, Sekundar- und Realschule) ausgebildet. Es gibt keine Typen-Lehrkräfte mehr, sondern nur noch Stufenlehrkräfte. Anerkennungsinstanz der Diplome ist die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK).

Renate Hoffmann, Mitglied der Schulleitung an der Bez Baden, betreut seit 25 Jahren Praktikantinnen und Praktikanten. Sie bestätigt aus Gesprächen mit ihnen: «Sie werden mit Theorie vollgestopft, sie erstellen so genannte Portfolios und wissen nicht wozu, sie freuen sich aufs Schulegeben, auf die Praxis. Auch der Aufenthalt im entsprechenden Fremdsprachengebiet wurde drastisch verkürzt.» Allerdings, so Renate Hoffmann: «Man darf die Schuld für die Lücken nicht nur bei der PH suchen, zum Teil ergreifen heute einfach die falschen, schlecht motivierten Leute diesen Beruf.»

Michael Killer unterrichtet seit 15 Jahren Mathematik, Chemie und Biologie an der Bez Baden. Er sagt: «Ich genoss an der Uni nicht nur eine gute Fachausbildung, ich war auch in der Forschung am Puls der Zeit. Das Studium gab mir nicht nur Grundlagen zum Unterrichten, sondern öffnete mir die ganze Welt der Fachwissenschaften.» Killer weiss: «An der PH gibt es Professoren, die nie Schule gegeben haben, die keine Ahnung haben, wie man mit einem 12- bis 15-Jährigen umgeht. Und die bilden künftige Oberstufenlehrer aus.»

Ursula Sauvin ist Bezlehrerin in Bremgarten und Präsidentin des kantonalen Berufsverbandes. Sie bestätigt: «Wir haben Fälle von fachlich schwachen PH-Absolventen im Verband besprochen. In der früheren Ausbildung dominierte das Fachliche. Nun hat es gekippt: Die Theorie dominiert, das Fachliche leidet.» Ursula Sauvin zweifelt, ob die Einheitsausbildung für alle Oberstufenlehrkräfte richtig ist: «Beim Reallehrer dominieren mehr pädagogische Problemstellungen, bei der Bezlehrerin ist vertieftes Fachwissen wichtig. Beide Berufe sind wohl gleichwertig - aber nicht gleich.»

Das Problem ist erkannt

Und was sagt man an der ins Schussfeld geratenen Hochschule zu diesen praktisch einhelligen Urteilen? Nach Auskunft von Professor Viktor Abt, Leiter des Instituts Sekundarstufe I und II an der PH Nordwestschweiz, wurde die Ausbildung der Oberstufenlehrkräfte 2009 revidiert. Erstens: Alle Oberstufenlehrkräfte machen den Master, studieren also fünf Jahre. Damit bleibt mehr Zeit auch für die Fachausbildung. Zweitens: Die PH bietet, entsprechend den unterschiedlichen Anforderungen in den Leistungszügen, drei verschiedene Wege zum Ziel an: Den integrierten Weg: In ihm halten sich fachwissenschaftliche und berufswissenschaftliche Ausbildung die Waage.

Den pädagogischen Weg: Er ist vor allem für Studierende geeignet, welche sich Problemklassen zu widmen gedenken.

Den konsekutiven Weg: Diese Studierenden kommen nach einem universitären fachwissenschaftlichen Bachelor für die Berufsausbildung an die PH.

Man kann weiterhin mit jedem Abschluss an jeder Oberstufe unterrichten. Doch Anstellungsbehörden werden mehr differenzieren und zum Beispiel «pädagogische» Absolventen für die Real-, «konsekutive» für die Bezirksschule wählen.

Bleibt zum Schluss die Frage: Warum haben die Praktiker von der Front von den Neuerungen an der Hochschule nichts gewusst? Wäre das eine Hol- oder eine Bringschuld gewesen?

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