Familienrechte

Leben in Polygamie – soll Geliebte gleiche Rechte wie die Ehefrau haben?

Schilder von Polygamie-Befürwortern in Salt Lake City im US-Bundesstaat Utah. (Archiv)

Schilder von Polygamie-Befürwortern in Salt Lake City im US-Bundesstaat Utah. (Archiv)

Nach einem Gutachten sollen unter anderem auch polygame Beziehungen der Ehe rechtlich gleichgestellt werden. Unter gewissen Umständen wären davon auch aussereheliche Beziehungen betroffen. Für einige könnte das teuer enden.

Ein Gutachten der Basler Rechtsprofessorin Ingeborg Schwenzer für das Departement von Bundesrätin Simonetta Sommaruga schlägt hohe Wellen. Das Familienrecht soll vom Begriff der Ehe abgekoppelt und auf «Lebensgemeinschaften», eine neutrale Umschreibung für jegliche Art von Beziehungen, ausgedehnt werden.

In diesem Sinne seien auch polygame Beziehungen, als Beziehungen unter mehreren Menschen, zu «verrechtlichen». Dies, auch hinsichtlich der «Zunahme der Zahl an Mitbürgerinnen und Mitbürgern islamischen Glaubens» in der Schweiz.

Der muslimische Pascha?

Tatsächlich ist in allen mehrheitlich muslimischen Ländern ausser Tunesien, der Türkei und Ländern der früheren Sowjetunion Polygamie erlaubt.  Professorin Andrea Büchler, Inhaberin des Lehrstuhls Privatrecht und Rechtsvergleichung der Uni Zürich, sieht in diesem Bereich aber wenig Handlungsbedarf. «Polygamie ist in der Schweiz nur sehr gering verbreitet.»

Das bestätigt auch Saida Keller-Messahli vom Forum für einen fortschrittlichen Islam: «Polygamie betrifft nur einige Fundamentalisten und gewisse Konvertiten.»

Gerade deswegen jedoch, ist für sie das Ansinnen nach Anerkennung polygamer Beziehungen Unfug. «Damit leistet man nur einem fundamentalistischen Islam Vorschub.», so Keller- Messahli. «Hinter polygamen Beziehungen stehen selten Liebesgeschichten, sondern solche voller Leid».

Wer sind sie, die Polygamen in der Schweiz?

Polygame Ehen sind in der Schweiz verboten. Deshalb gibt es sie nicht. Polygame Beziehungen, jedoch, gibt es zu Hauf. Laut Guy Bodenmann, Paar- und Familienforscher an der Universität Fribourg, geht man international von einer Untreuequote von 40 bis 50 Prozent aus. Nicht wenige der Seitensprünge dürften in einer längerfristigen «Aussenbeziehung» münden.

Und gerade in diesem Bereich birgt der Vorschlag von Ingeborg Schwenzer Zündstoff. Lässt sich nämlich beispielsweise eine mehrjährige Geliebte eines Mannes von diesem finanziell aushalten, so wäre sie rechtlich der Ehefrau quasi gleichgestellt.

Das Recht würde hier also in einen Bereich vorstossen, der von den Beteiligten gewollt rechtsfrei gehalten werden möchte.

Für den bekannten Luzerner Scheidungsexperten Benno Gebistorf wäre eine solche Praxis «weder praktisch durchführbar noch von der Gesellschaft wünschenswert.»
Dazu Uni-Professorin Andrea Büchler: «Es geht darum, den schwächeren Partner in einer Beziehung zu schützen.»

Staat soll sich raushalten

Dem entgegnet Scheidungsexperte Gebistorf, dass Konkubinatspaare einen lebendigen Anspruch hätten, dass sich der Staat aus ihren organisatorischen Belangen raushalte. Gerade diese Beziehungen seien darauf angelegt, dass sie eben nicht verrechtlicht würden. Zudem sei es extrem schwierig und willkürlich, familienrechtliche Folgen einer Beziehung an einem Zeitmass, hier drei Jahre, festzumachen.

Mit dem Begriff der «Lebensgemeinschaft» könnte auch aus den Liebesfreuden eines normalen Pärchen (ob gleichgeschlechtlich oder nicht) schnell justiziabler Ernst erwachsen. Denn Schwenzer Vorschlag würde einen Automatismus enthalten, von dem man sich explizit ausnehmen müsste. Das heisst, zu Beginn einer Beziehung wäre eine Art Vertrag zu unterzeichnen, man wolle auf die familienrechtlichen Folgen verzichten - analog zu einem Ehevertrag.

Mit dem Gutachten von Schwenzer ist die Diskussion um Moderniesierung des Familienrechts neu entfacht. Es soll als Diskussionsgrundlage einer Fachtagung mit Experten und Politikern Ende Juni dienen.

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