Alpinismus
Lawinenluther Munter: «Patrouille des Glaciers ist der grösste Blödsinn»

Morgen beginnt die Patrouille des Glaciers. Werner Munter, der Philosoph und grosse Reformer des Alpinismus bezeichnet das Rennen als «Verhunzung des Hochgebirges».

Daniel Fuchs, Arolla
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Werner Munter
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Werner Munter, Lawinenluther.
Werner Munter, Lawinenluther.
Der Mont Collon bei Arolla.
Werner Munter, Lawinenluther.

Werner Munter

Emanuel Per Freudiger

Werner Munter nimmt kein Blatt vor den Mund, als wir im Lärm der Helikopter über die Patrouille des Glaciers (PDG) zu sprechen kommen. Wir sitzen auf dem sonnigen Balkon auf über 2000 Metern über Meer in Arolla, wo Munter wohnt.

Er schenkt ein weiteres Glas Cornalin nach und atmet tief durch: «Die PDG ist der grösste Blödsinn, den man im Hochgebirge veranstalten kann, letztlich nichts anderes als die Verhunzung des Hochgebirges.» Warum? «Es wird eine Nachfrage befriedigt, die man aus meinem moralischen Ermessen nicht stillen sollte.» Päng! – Munter sagt’s fadengerade.

Eine mit Tonnen Material abgesicherte Rennbahn durch die Alpen, auf der sich Athleten in dünnen windschlüpfrigen Anzügen messen – es ist die Antithese zu Munters idealistischem Verständnis von Alpinismus: «Wir brauchen keine wohlpräparierte Rennbahn im hochalpinen Gelände, auf der Läufer in nicht hochgebirgstauglicher Ausrüstung von Zermatt nach Verbier sprinten können.»

«Das letzte übrig gebliebene Stück Wildnis»

Während dreier Wochen seien acht Helikopter in Arolla stationiert. Im engen Hochtal ist der Lärm zu den Flugzeiten allgegenwärtig. Auch für Munter, der nachdenklich sagt: «Ich liebe das Hochgebirge und ertrage es nicht, wie man es malträtiert.»

Andere nennen Munter den «Lawinenpapst», er selber bevorzugt Lawinenluther. Er ist ganz der Purist: «Das Hochgebirge – dort oben liegt das letzte übrig gebliebene Stück Wildnis, das wir in der Schweiz überhaupt noch haben.»

Unbestritten: Viele der Athleten sind mit ihrer leichten Ausrüstung gar nicht erst überlebensfähig im hochalpinen Gelände. Jüngster Beweis für Munter: die beiden jurassischen Brüder, die seit ihrem Training für die PDG an der Pigne d’Arolla verschollen sind. Im schlechten Wetter dürften sie versucht haben, zu einer Hütte abzusteigen, und sind wahrscheinlich in eine Spalte des vergletscherten Gebiets gestürzt. Ohne entsprechendes Material hatten sie keine Chance, in einer Schneehöhle in einem Notbiwak besseres Wetter abzuwarten. Dort wären sie erfroren. Die Suche nach den beiden Alpinisten ist bis heute ohne Erfolg geblieben.

Laut: Ein Super Puma bringt Material auf die Rennstrecke der PDG

Laut: Ein Super Puma bringt Material auf die Rennstrecke der PDG

Emanuel Freudiger

Er nimmt den Tod in Kauf

So tragisch Todesfälle in den Bergen auch sind – abgesehen von der Vorbereitung der einzelnen Teams unter deren Eigenverantwortung ist die Patrouille für Munter ein Unterfangen ohne Risiko.

Die Organisatoren garantierten mit ihrem Einsatz nahezu 100 Prozent Sicherheit, sagt er. Mit dem Risikomanagement, das Munter propagiert, hat das nichts zu tun. Er nimmt Tote in Kauf, findet das aber nicht zynisch: «Ein Todesfall auf 100 000 Begehungen ist kalkuliertes Risiko. Es macht das Leben überhaupt erst lohnenswert.»

Munters Vorschlag für eine PDG deshalb: zurück zu den Wurzeln, aber weg von der Armee. Ginge es nach ihm, so wäre die PDG den ganzen Winter über geöffnet. «Die einzelnen Patrouillen wählen den Startzeitpunkt selbstständig aus. Elektronische Stempelposten wären das Einzige, das installiert werden müsste.» Der Vorteil: totale Eigenverantwortung, ein Aufwand, der gegen null tendiert. Das Hochgebirge bekommt die Leute zurück, das es verdient.

Seil, Steigeisen und Biwaksack statt Windschlüpfrigkeit bei Minimalgewicht – so Munters Devise, der den Diskurs um Grössenwahn im Hochgebirge viel weiter fasst: Teilnehmerrekorde beim Marathon, Gigathlon, PDG – Massenphänomene sind Munter ein Graus.

Schneeschuh laufen, lesen, nachdenken

Munter lebt die Antithese: Auf eine Schnellbleiche hat er, der dieser Tage 73 Jahre alt geworden ist, keine Lust: «Wie lange bleibt ihr in Arolla? Nehmt ihr ein Hotel?», wollte er von den Reportern dieser Zeitung wissen, als sie für einen Termin anfragten. Munter führt ein entschleunigtes Leben. Geht auch kaum mehr anders. Seine lädierten Knie lassen ihn längst nicht mehr wie früher 4000er erklimmen, immerhin aber noch täglich Schneeschuh laufen. Den Rest der Zeit nutzt der studierte Philosoph zum Lesen und Nachdenken.

Mit nachweisbarem Erfolg, hat er doch mit der Halbmastwurf-Sicherung in den Siebzigern und der Reduktionsmethode in der Lawinenbeurteilung in den Neunzigern Alpinismus-Geschichte geschrieben: Mit der Anwendung des Halbmastwurf-Knotens wurde etwa das Sichern des Kletterpartners «kinderleicht», mit Munters «3 mal 3» der Lawinenkunde erhielten Skitourengänger erstmals eine methodische Grundlage, um die Wahrscheinlichkeit von Lawinenabgängen im Gelände auf ein Restrisiko zu minimieren.

Wir haben uns also die Zeit genommen: Als wäre der Weg in die hinterste Ecke des Unterwalliser Val d’Hérens nicht schon weit genug, blockiert auch noch die Armee die Kantonsstrasse. Der provisorische Helikopterlandeplatz ist ein erster Willkommensgruss der PDG.

Schweres Militärgerät steht am Strassenrand: Container, Militärlastwagen, ein Tankwagen, Lastenkörbe und Anhänger. Dazu im Minutentakt Militärhelikopter, welche die Lasten anhängen, um sie ins Hochgebirge zu bringen. Erst als ein Super Puma über die wartenden Wagen donnert und in Richtung Berge abdreht, erbarmt sich der Wache schiebende Militärpolizist und winkt uns durch.

Munter pfiff ein Leben lang auf Autoritäten

Ein Natursträsschen schwingt sich zum höchst gelegenen Haus von Arolla, einem Ortsteil der Gemeinde Evolène, wo eine einzige Lawine 1999 12 Menschen in den Tod riss. Seither liegt auch das Chalet, in dem Munter lebt, in der roten Gefahrenzone. Das kümmert diesen nicht. Eine Überreaktion der Kommunalbehörde, wie er sagt.

Munter kann poltern, philosophieren, reformieren, ein Papst aber kann er nicht sein. Wo er doch «ein Leben lang» auf Autoritäten pfiff. Munter hat selber als Offizier in der Armee gedient, den Armee-Einsatz für die PDG toleriert er aber nicht.

Auf dem Balkon von Werner Munter frischt in der Zwischenzeit der Wind auf. Sein Fazit über die Wettkämpfer des PDG fällt verächtlich aus: «In diesen Massen geben die freiwillig ihre Intimität ab, die sich behaupten müssen, sich so zwanghaft von der Masse abheben wollen.» Es ist die Antithese des Individualismus, den der Einzelgänger Munter predigt: «Denn dann wird der Mensch zum Massenmenschen.»

Und damit zieht Munter das abschätzigste Urteil, das er laut eigenem Bekunden nicht nur über den Alpinisten, sondern über den Menschen generell ziehen kann.

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