Am frühen Dienstagnachmittag war in Crans-Montana VS auf 2500 Metern Höhe eine Lawine auf eine befahrene Skipiste niedergegangen. Mindestens eine Person ist gestorben. Der Lawinenkegel hatte ein gewaltiges Ausmass. Ein Experte des Instituts für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) in Davos ging in einer ersten Einschätzung von einer Gleitschneelawine aus.

"Solche sind eine eher neue Erscheinung", sagt Carlo Danioth, Betriebsleiter Ost der Skiarena Andermatt-Sedrun, am Mittwoch im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Danioth hat über zwanzig Jahre Erfahrung als Pistenrettungschef. Diese sind in Skigebieten verantwortlich dafür, zu entscheiden, wann ein Skigebiet sicher ist.

"Von Gleitschneelawinen sprechen wir erst seit sechs, sieben Jahren", erzählt Danioth und erklärt, dass dem Phänomen ein warmer Boden im Herbst vorausgeht. Wenn es früh auf diesen Boden schneie, werde dieser Schneeschicht nach und nach die Feuchtigkeit entzogen. Darauf setzten sich weitere, unter Umständen schwere Schneeschichten ab, worauf ein Hohlraum entstehe.

"Durch die äussere, wärmere Temperatur, wie sie dieser Tage herrscht, kommen solche Schneeschichten dann schneller ins Rutschen", erklärt Danioth. Albert Hegner, Pisten-Rettungschef von Saas-Fee, erläutert ergänzend, dass solche Gleitschneelawinen schwerer zu kontrollieren und auch zu sprengen seien als übliche Lawinen.

Verantwortung bei Pistenrettungschefs

Die Pistenrettungschefs tragen die Verantwortung dafür, Wintersportler und Mitarbeitende keiner Gefahr auszusetzen. Für ihren Job sei die Erfahrung sehr wichtig, sagt Hegner. Wichtig sei zudem die ständige Beobachtung der Wetterlagen, der Schneedecke, aber auch der langfristigen Entwicklung des Winters, so Danioth.

Den Pistenverantwortlichen stehen dafür unter anderem die Lawinenbulletins des SLF in Davos zur Verfügung. "Wir müssen aber vor allem ins Gebiet rein, die Situation kann je nach Hanglage, Sonnensituation und Wetterlage ganz unterschiedlich sein", erklärt Hegner.

Dafür gehen die Verantwortlichen gegen vier Uhr morgens ins Gebiet, um die Situation zu analysieren - je nach Wetter. Hat es Neuschnee gegeben in der Nacht? Gibt es Schneeverwehungen, die störanfällig sind? "Der Wind ist der Bauer der Lawine", sagt Hegner im Gespräch mit Keystone-SDA.

Je nach dem gibt es Lawinensprengungen, mancherorts öffnen Skigebiete daher erst im Verlauf des Vormittags.

Fischmäuler in der Schneedecke

Insbesondere die Beobachtung der Schneedecke sei enorm wichtig, erklärt Danioth. Alarmierend seien sogenannte Fischmäuler, also Risse in der Schneedecke, die immer weiter aufgehen. Diese müssten beobachtet werden, könnten aber auch wieder zugeschneit werden und daher unproblematisch bleiben. In die Schneedecke wird auch immer wieder ein Loch gegraben, um zu schauen, wie sich die Schichten entwickeln.

Man versuche zudem, bereits von Winterbeginn an den Schnee oberhalb und rund um die Pisten wegzusprengen oder abzutransportieren, damit dieser im Verlauf des Winters nicht zu einer Gefahr wird. Die Gefahr für Lawinen sei schon nach Neuschnee und bei starkem Wind am grössten, sagte Danioth.

Im Frühling steige dann mit den wärmeren Temperaturen die Gefahr von Gleit- oder Nassschneelawinen. In Saas-Fee werden daher beispielsweise im Frühling gewisse Pisten am Plättjen wegen der Gefahr eines Abrutsches von Nassschnee gesperrt. In der Skiarena ist gar seit Donnerstag eine Piste in der Verbindung von Andermatt und Sedrun wegen der Gefahr von Gleitlawinen während der Mittagsstunden gesperrt.

Es sei sehr schwierig vorauszusehen, ob sich wegen der Sonne oder der Wärme eine Lawine löse werde, sagt zudem Jean-Christophe Genoud, der im Skigebiet Grimentz-Zinal im Val d'Anniviers für die Sicherheit zuständig ist, zu Keystone-SDA.

Grosser Druck für Pistenchefs

Auf demjenigen, welcher den Entscheid über die Freigabe eines Skigebiets gibt, lastet eine "riesige Verantwortung", sagt Hegner. Denn wenn ein Teil oder gar das ganze Skigebiet gesperrt wird, reagieren unter Umständen sowohl Touristen als auch Geschäftsleitung verärgert.

Hegner und Danioth können mit diesem Druck umgehen. Es sei aber je länger je schwieriger, Leute zu finden, die diese Verantwortung tragen wollten, sagt Danioth. Schliesslich kann man sich so sehr bemühen - "keine Lawinengefahr herrscht nur, wenn es keinen Schnee gibt", sagt Hegner. Ein Restrisiko gebe es immer, "Naturgewalten kann man nicht steuern". Das Unglück in Crans-Montana zeige wieder einmal, wie wichtig die Arbeit der Pistenrettungschefs sei, sagte Danioth.