Ende Juni hat der 1 Meter 90 hohe und in seinen besten Zeiten mehr als 160 Kilogramm schwere Lausanner Stadtpräsident Daniel Brélaz sein Amt an SP-Stadtrat Grégoire Junod übergeben.

Brélaz’ berühmte Krawatten mit Katzenmuster, die in ihrer bewussten Abgeschmacktheit fast schon Kultstatus erworben haben, verschwinden aus der Stadtpolitik.

26 Jahre sass der Géant Vert, der «grüne Koloss», in der Stadtexekutive, davon 15 Jahre als unbestrittene Chef.

Unter seiner Führung ist die Waadtländer Hauptstadt, die früher den Charme eines welschbernischen Landstädtchens verstrahlte und hübsch als «Paysanne qui a fait ses humanités», als Bäuerin mit humanistischer Bildung, bezeichnet wurde, zu einer boomenden Little Big Town geworden.

Doch der Jahrzehnteaufschwung scheint jetzt langsam zu erlahmen. Oder um es drastischer und im Comics-Stil zu formulieren: Der Boom könnte mit einem lauten «Bumm!» platzen.

Magnet Léman

Die Gründe für die erstaunliche Entwicklung der Agglomeration Lausanne sowie für die sich abzeichnenden Schwierigkeiten sind vielschichtig. Sie sind sowohl wirtschaftlicher als auch politischer Natur.

Zuerst einmal: Wenn man die Entwicklung der welschen Schweiz in den letzten Jahrzehnten überblickt, frappiert die rasante Entwicklung des Arc lémanique, des Genfersee-Bogens.

Mehr als die Hälfte der Romands leben heute in diesem «Halbmond» zwischen Genf und Montreux, und der Anteil der Leute, die dort arbeiten, ist noch grösser.

Früher wurde in der Romandie immer wieder die «Domination alémanique» heraufbeschworen, der Deutschschweizer Imperialismus, heute wäre eher von einer «Domination lémanique» zu reden.

Zugespitzt formuliert: Die Romandie kippt immer mehr in den Lac Léman. Notabene: Dass er auf Deutsch als Genfersee bezeichnet wird, ist für die Nicht-Genfer starker Tabak.

Bipolare Agglomeration

Der Arc lémanique wächst nicht nur, er wächst auch zusammen. Die Gegend von Genf bis Montreux wird immer mehr zu einer einzigen Agglomeration, die aber wie eine Ellipse von zwei Polen bestimmt wird: von zwei urbanen Zentren, nämlich Genf und Lausanne, die eine Art Duopolis bilden.

Bemerkenswert ist aber, dass nicht das historisch bedeutsamere Genf, sondern vor allem Lausanne von diesem Aufschwung profitiert hat.

Während sich Genf mit seiner Grenzlage schwertut und grösste Mühe hat, mit der französischen Nachbarschaft eine erspriessliche Kooperation zustande zu bringen, hat sich Lausanne klar zum Wachstumspol Nummer 1 am Léman entwickelt.

Dass Lausanne das stolze Genf immer mehr eingeholt und in vielen Bereichen gar überholt hat, sieht man heutzutage schon von blossem Auge.

Sicher, das um seine prächtige Seebucht drapierte Genf ist nach wie vor eine Stadt, die den Eindruck von grosser Tradition und grossem Wohlstand verströmt.

Ebenso auffällig ist aber, dass sich das Stadtbild in den letzten Jahrzehnten wenig verändert hat, wenn man von einigen Grossprojekten wie dem Stade de Genève absieht.

In Lausanne dagegen hat man den Eindruck, dass sich die ganze Agglomeration in einem raschen Umbruch befindet, bei dem kaum ein Stein auf dem anderen bleibt.

Einige Beispiele nur: Die Stadt Lausanne hat mit der Metro, die vom Seestädtchen Ouchy bis zu dem oberhalb der Autobahn gelegenen Epalinges führt, endlich eine adäquate Antwort auf ihre extreme Hanglage gefunden.

Am Seeufer im Westen der Agglomeration ist in den letzten Jahrzehnten rund um die ETH Lausanne (EPFL) und die Universität der eleganteste Hochschulcampus der Schweiz entstanden, und das von einem japanischen Architektenteam gebaute Rolex Learning Center der EPFL ist längst eine globale Ikone, eine Kaaba und ein Mekka für Architektur-Pilgerreisen.

Stadion wird umgepflanzt

Und vor allem ist die Stadt Lausanne daran, im Rahmen ihres Grossprojekts Métamorphoses die urbanistischen Karten neu zu verteilen.

Unter anderem soll das Fussball- und Leichtathletikstadion Pontaise, in dem die Schweizer Fussballmannschaft 1954 einen legendären Auftritt hatte, einem neuen Stadion am Seeufer weichen.

Dafür entsteht im Norden der Stadt ein grosses Öko-Quartier. Zudem entsteht um den Bahnhof Lausanne nach den Plänen eines katalanisches Architekturbüros ein neues Museumsquartier (Pôle muséal).

Kernpunkt ist ein neues kantonales Kunstmuseum. Allerdings hat man in Lausanne, anders als in St. Gallen, darauf verzichtet, die alte Lokremise zu behalten und zu «rehabilitieren».

Die Entwicklung von Lausanne hat aber auch politische Gründe. Unter Brélaz herrschte eine rot-grüne Mehrheit, die nicht weniger als sechs von sieben Stadtratssitzen belegt.

Diese zeichnete sich zwar in den letzten Jahren durch eine grosse Geschlossenheit und urbanistischen Gestaltungswillen aus, aber auch durch eine hohe Bereitschaft, den Schuldenberg ansteigen zu lassen.

Lausannes Problem besteht jetzt darin, dass sich einerseits die konjunkturelle Lage abkühlt, anderseits aber auch die Verschuldung der Stadt drückende Ausmasse angenommen hat.

Die Lausanner Finanzdirektorin Florence Germond, die mit Nationalrat Roger Nordmann eines unter mehreren prominenten SP-Politikerpaaren bildet, hat jetzt in der Zeitung «24Heures» die Alarmglocke geläutet.

Sie wies auf das stark wachsende Ungleichgewicht des Stadthaushalts hin, das nicht zuletzt mit neuen, von Bund und Kanton auferlegten Belastungen zusammenhänge, und erklärte, eine Steuererhöhung sei künftig nicht mehr auszuschliessen.

Mit anderen Worten: Es sieht ganz so aus, als ob man auch in der Boomstadt Lausanne langsam, aber sicher an die Grenzen des Wachstums stösst.