Tötungsdelikt Adeline

Lange Fehlerliste um Zentrum «La Pâquerette» vor Mord an Adeline

Interne Konflikte, zu viele Freiheiten und Führungsmängel - eine Genfer PUK hat eine lange Liste von Fehlern aufgelistet, die dem Tötungsdelikt an der Soziotherapeutin Adeline voran gingen. Die Regierung sieht viele der Empfehlungen umgesetzt.

Die Publikation des fast 200-seitigen Berichts mit einem noch längeren Anhang am Mittwochmorgen verlief kurios. Die Parlamentarische Untersuchungskommission (PUK) des Grossen Rates präsentierte keine Zusammenfassung ihrer Arbeit. Sie antwortete einzig auf Fragen zum Bericht.

Dieser listet Mängel auf allen Ebenen auf: In erster Linie beim auf Resozialisierung spezialisierten Zentrum "La Pâquerette" selbst, aber auch beim Genfer Sicherheitsdepartement, das für die Gefängnisse und den Strafvollzug verantwortlich ist und beim Gesundheitsdepartement, bei dem "La Pâquerette" bis zum Mord an Adeline angegliedert war.

Diese Aufteilung der Kompetenzen hatte gravierende Folgen. Bezüglich der Therapie der zumeist gefährlichen Wiederholungstätern hatten die Genfer Universitätsspitäler (HUG) die Aufsicht über "La Pâquerette". Für die Sicherheit sorgte das Gefängnis Champ-Dollon, in welchem die Abteilung mit 11 Therapieplätzen untergebracht war.

Interne Konflikte

Die Regierung griff nie in die Konflikte zwischen dem medizinischen Fachpersonal der Soziotherapie und dem Gefängnispersonal ein, welches die Sicherheit überwachte, wie der Bericht kritisiert. "Diese fehlende Schlichtung hat die Sicherheit der Anstalt verschlimmert."

Die Arbeit des 1988 gegründete Resozialisierungszentrum wurde auch nur ein einziges Mal vom Bund wissenschaftlich beurteilt, im Jahr 1991. Eine 2002 an das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement gerichtete Anfrage für eine erneute Evaluation blieb gemäss der PUK ohne Antwort.

"Die Führung der Anstalt war undurchsichtig", heisst es im Bericht weiter. Auch gab es keine klaren Kriterien für die Aufnahme in die "Pâquerette". Während der 27 Jahre ihrer Existenz entfernte sich das Zentrum immer weiter von der Aufsicht, was zu einer "Verwässerung der Führungsstruktur und Aufsicht sorgte", wie die PUK schreibt.

PUK nennt keine Schuldigen

Die Genfer Verwaltung war von der Gefahr, die von der zu grossen Autonomie des Zentrums ausging, durchaus gewarnt. Schon 2005 sagte der damalige Genfer Generalstaatsanwalt Daniel Zappelli in einer Sitzung, dass es unverantwortlich sei, gefährliche Häftlinge bei Freigängen einzig durch einen Soziotherapeuten begleiten zu lassen.

Trotz der langen Fehlerliste nennt die PUK keine Verantwortlichen oder einen Initialfehler, welcher zum Mord an Adeline geführt haben könnte. "Es war nicht unsere Aufgabe, die Schuldigen zu nennen", sagte Thomas Bläsi, SVP-Grossrat und Mitglied der PUK, am Mittwoch vor den Medien in Genf.

Nach Ansicht der Genfer Regierung gleichen viele der Empfehlungen der PUK jenen der Administrativuntersuchungen von 2013 und 2014 durch den ehemaligen Genfer Regierungsrat Bernard Ziegler. Konkrete Massnahmen seien rasch umgesetzt worden, vor allem bezüglich der Beurteilung der Gefährlichkeit der Häftlinge, sagte der Genfer Sicherheitsdirektor Pierre Maudet (FDP) in einer Reaktion.

Während Freigang getötet

Die Soziotherapeutin Adeline war am 12. September 2013 während eines Freigangs von einen Häftling getötet worden. Der Täter war wegen zweier 1999 und 2001 begangenen Vergewaltigungen zu einer Freiheitsstrafe von zwanzig Jahren verurteilt worden.

Er sass in "La Pâquerette" ein. Das Zentrum wurde nach dem Tötungsdelikt geschlossen und später durch die modernere Anstalt Curabilis ersetzt.

Mörder von Adeline verwahrt

Knapp ein Jahr nach dem Tötungsdelikt setzte der Genfer Grosse Rat eine PUK ein, welche die Rolle des Kantons Genf unter die Lupe nahm. Die PUK beantragte mehrmals eine Fristerstreckung für die Publikation ihres Berichtes.

Juristisch ist der Mord an Adeline inzwischen abgeschlossen. Das Genfer Kriminalgericht verurteilte den Täter Fabrice A. am 24. Mai 2017 zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe und einer ordentlichen Verwahrung. Weil weder Anklage noch Verteidigung das Urteil anfochten, wurde es Anfang Juli 2017 rechtskräftig.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1