Umstritten wie kaum eine andere Pflanze: So wurde die Zuckerrübe zum Schweizer Politikum

Landwirtschaft
Umstritten wie kaum eine andere Pflanze: So wurde die Zuckerrübe zum Schweizer Politikum

Bild: Britta Gut (Möriken-Wildegg, 9. Oktober 2020)

Landwirtschaft und Parlament streiten seit Jahren über die Unterstützung der Schweizer Zuckerbranche. Wie es so weit kommen konnte – und weshalb hierzulande überhaupt noch Zuckerrüben angebaut werden.

Chiara Stäheli
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«Krise am Zuckermarkt», «EU-Preisdumping in der Zuckerbranche»: So oder ähnlich lauteten in den vergangenen Jahren die Schlagzeilen, wenn von Zuckerrüben und dem Schweizer Zucker die Rede war. Doch warum steht es so schlecht um den Schweizer Zucker? Und was hat die EU damit zu tun?

Alles begann vor knapp zwanzig Jahren. Damals liess es sich als Zuckerrübenpflanzer in der Schweiz gut leben. Der Anbau von Zuckerrüben war gar lukrativer als jener von Getreide, Soja oder Raps. Doch seither hat sich einiges geändert. Josef Meyer baut auf seinen Feldern im Kanton Genf schon seit Jahren Zuckerrüben an. Nebst seiner Tätigkeit als Landwirt präsidiert er den Verband der Schweizer Zuckerrübenpflanzer. Er hat viele Veränderungen mitgemacht:

«Manchmal bringt es mich zum Verzweifeln, wenn ich mir überlege, was in unserer Branche abgeht.»
In der Schweiz pflanzen nur noch rund 4'000 Bauernfamilien Zuckerrüben an. Die Ernte findet jeweils im Herbst statt.

In der Schweiz pflanzen nur noch rund 4'000 Bauernfamilien Zuckerrüben an. Die Ernte findet jeweils im Herbst statt.

Bild: Christian Beutler / Keystone

Rübenpreis fällt, Pflanzer setzen auf Alternativen

Wichtig zu wissen: Die Schweizer Zuckerpreise werden aufgrund von bestehenden bilateralen Verträgen mit der EU stark von deren Entscheidungen beeinflusst. Als die EU 2005 beschloss, den Zuckerpreis bis ins Jahr 2009 um über einen Drittel zu senken, hatte dies auch folgenschwere Auswirkungen auf die Schweiz. Die Ankündigung – in Kombination mit der Koppelung des Schweizer Zuckerpreises an jenen der EU mit der Doppelnull-Lösung – hat dazu geführt, dass die Zuckerpreise nicht nur in Europa, sondern auch in der Schweiz um fast die Hälfte eingebrochen sind. Die Doppelnull-Lösung sieht vor, dass Zucker in verarbeiteten Lebensmitteln zwischen der EU und der Schweiz ohne Zölle importiert und exportiert werden kann.

Infolge der Entwicklungen in der EU begann der Bund 2008 damit, die Zuckerrübenpflanzer mit Einzelkulturbeiträgen zu unterstützen. Dennoch führte der Preisdruck dazu, dass sich viele der Zuckerrübenpflanzer nach Alternativen umsahen: Statt Rüben setzten sie in der Folge auf Raps oder Getreide. Als die EU-Agrarminister 2013 zudem ankündigten, die Produktionsmengen für Zuckerrüben ab 2017 freizugeben und keine Exportbeschränkungen mehr vorzuschreiben, stieg der Druck auf den Schweizer Zucker weiter. Erhielt eine Bäuerin 2007 noch 98 Franken pro Tonne Rüben, waren es seit 2015 nie mehr als 45 Franken.

Anbauprämien verzerren den Markt

«Mit diesem Entscheid wollte die EU eigentlich eine Marktbereinigung anstossen», erklärt Meyer. Doch geklappt hat das nicht: Viele kleinere Produktionsländer haben ihre Zuckerrübenpflanzer mit Anbauprämien unterstützt, die EU hat die Produktion um einen Viertel ausgedehnt. Und der Schweizer Zucker geriet weiter in Bedrängnis. Die Zahl der Bauernbetriebe, die Zuckerrüben anpflanzen, reduzierte sich weiter, 2017 waren es nicht einmal mehr als 5000.

Die Schweizer Politik sah sich gezwungen zu handeln. Während andere Kulturen wie Weizen, Raps oder Milch schon länger durch Schutzzölle gesichert wurden, musste der Zucker aufgrund der lange guten Wirtschaftlichkeit nur geringfügig unterstützt werden. Das änderte sich mit dem Entscheid der EU: Der Bundesrat erhöhte den Einzelkulturbeitrag zwischen 2016 und 2021 auf 2100 Franken pro Hektare. Dazu führte er einen Mindestgrenzschutz von 70 Franken pro Tonne ein.

Doch auch die stärkere Unterstützung durch den Bund konnte den Rückgang der Anbaufläche und der Zuckerrübenpflanzer nicht stoppen: Die heute noch rund 4000 Bauernbetriebe pflanzen auf einer Fläche von knapp 17000 Hektaren Rüben an, die im Herbst in den beiden Zuckerfabriken in Frauenfeld und Aarberg zu Kristallzucker verarbeitet werden. Mit dieser Menge können 60 Prozent der inländischen Nachfrage gedeckt werden, der Rest wird importiert.

Die Zuckerfabrik in Aarberg im November 1959.
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Damals wurden die Rüben mit Ross und Wagen angeliefert.
Nachdem die Rüben in den zylinderförmigen Schnitzelmaschinen zerkleinert sind, kommen sie in die Diffusionsgefässe, wo ihnen der Zucker entzogen wird.
In grossen Fässern verdampft der Rohsaft aus den Zuckerrüben, damit der Zuckergehalt steigt.
Der kristallisierte Zucker wird in der sogenannten Knipperei zu Stangen gesägt und in Würfel geknippt.
Die Zuckerfabrik Frauenfeld zu Beginn der diesjährigen Kampagne.
Im Inneren der Zuckerfabrik Frauenfeld laufen die Vorbereitungen.
Einige liefern die Zuckerrüben mit Lastwagen oder Traktor und Anhänger an.
Andere wiederum werden mit der Bahn transportiert.
Wenn die Kampagne fertig ist, stehen massenhaft Siloballen auf dem Gelände der Zuckerfabrik. Sie beinhalten die ausgepressten Rübenschnitzel, die als Viehfutter verwendet werden.

Die Zuckerfabrik in Aarberg im November 1959.

Bild: Keystone

Zuckerfabriken sind nicht ausgelastet

Der mit dem Rückgang einhergehende geringere Ertrag hat Auswirkungen auf die beiden verarbeitenden Zuckerfabriken: «Wir haben eine unglückliche Situation bei den Fabriken», so Meyer. Eigentlich seien die Fabriken dafür ausgelegt, die Erntemenge von rund 20'000 Hektaren zu verarbeiten. Diese Menge erreichen die Schweizer Bauern allerdings im Moment nicht, weshalb die Fabriken derzeit nicht ausgelastet sind. Je nach Saison werden deshalb Rüben aus dem nahen Ausland zur Verarbeitung zugekauft.

Dieser Umstand führte dazu, dass die Produktion von Schweizer Zucker vermehrt in Frage gestellt wurde: Lohnt es sich überhaupt noch, hierzulande Zuckerrüben anzubauen? Für Meyer ist klar:

«Wenn wir den Selbstversorgungsgrad der Schweiz hochhalten wollen, dann müssen wir weiterhin auf Schweizer Zucker setzen.»

Hinzu komme, dass Zucker ein Lebensmittel sei, das pro Hektare besonders viel Energie hervorbringe. Und was man laut Meyer ebenfalls nicht vergessen dürfe: «Die Anbaubedingungen für Zuckerrüben sind an vielen Orten in der Schweiz optimal, das müssen wir nutzen.»

Dieser Ansicht ist auch das Parlament, es hat in der soeben abgeschlossenen Herbstsession entschieden, Zuckerrübenpflanzer weiter finanziell zu unterstützen. Eine Studie zur Situation der Schweizer Zuckerrübenfabriken zeigt zudem, dass der hierzulande verarbeitete Zucker 30 Prozent nachhaltiger ist als jener aus dem Ausland. Für Meyer ein weiteres Argument, das die Aufrechterhaltung der beiden Fabriken rechtfertigt.

Parlament unterstützt Verlängerung der Beiträge

Auch das Parlament ist der Meinung, dass Zuckerrübenpflanzer weiter unterstützt werden sollen. So hat sich nach dem Nationalrat auch der Ständerat in der Herbstsession dafür ausgesprochen, dass die Bauern pro Hektare künftig 2'100 Franken erhalten sollen. Wer biologisch produziert, erhält 200 Franken zusätzlich. Diese Beiträge sind allerdings auf fünf Jahre befristet. In der Schlussabstimmung hat der Nationalrat vergangene Woche die Verlängerung der Beiträge für Zuckerrübenpflanzer mit 116 zu 58 Stimmen gutgeheissen, der Ständerat mit 31 zu 8 Stimmen. Die neu festgelegten Beiträge gelten ab dem 1. Januar 2022. 

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