Landwirtschaft
Schädlinge und fehlende Pestizide machen dem Rosenkohl zu schaffen – und führen zu mehr Importen

Weil nach und nach Pflanzenschutzmittel ihre Zulassung verlieren, kämpfen vor allem Gemüsebauern zusehends mit Schädlingsbefall. Besonders arg steht es um den Rosenkohl.

Chiara Stäheli
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Wer hierzulande Rosenkohl anbaut, muss mit Schädlingsbefall rechnen.

Wer hierzulande Rosenkohl anbaut, muss mit Schädlingsbefall rechnen.

Bild: Severin Bigler

Man liebt ihn oder man hasst ihn: Der Rosenkohl wird es auf der Gemüse-Hitliste wohl nie auf die vordersten Ränge schaffen. Nichtsdestotrotz bereitet der Jahr für Jahr sinkende Ertrag auf hiesigen Feldern den Schweizer Rosenkohlproduzenten Sorgen.

Einer von ihnen ist Simon Lässer. Der Landwirt leitet im St. Galler Rheintal einen Gemüsebaubetrieb – und baut auf knapp 16 Hektaren Rosenkohl an, also auf mehr als 22 Fussballfeldern. Er ist damit einer der grössten Rosenkohlproduzenten im Land. Den Anbau bezeichnet Lässer als «mittlerweile sehr, sehr mühsam». Es werde immer schwieriger, auf derselben Fläche die gleichen Erträge zu erzielen wie noch vor knapp zehn Jahren und dabei die Qualität zu erhalten.

Grund dafür seien die fehlenden Pflanzenschutzmittel. Zuständig für die Zulassung ebendieser ist seit Beginn dieses Jahres das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV). Es prüft nicht nur Wirkstoffe, die neu zugelassen werden sollen, sondern beurteilt in regelmässigen Abständen auch bereits zugelassene Pflanzenschutzmittel auf allfällige Risiken. Nicht bewilligt oder nachträglich verboten werden Pflanzenschutzmittel, die «unannehmbare Nebenwirkungen auf Mensch, Tier und Umwelt haben». Seit 2005 hat der Bund die Genehmigung von über 150 Wirkstoffen zurückgezogen, wie das BLV auf Anfrage mitteilt.

Weisse Fliege sorgt für Pilzbefall

Davon betroffen ist auch der Wirkstoff Methomyl. Dieser ist seit November 2016 in der Schweiz verboten – mit direkten Auswirkungen für Lässer: «Uns fehlt seither ein wirksames Mittel zur Bekämpfung der Kohlmottenschildlaus – auch bekannt als weisse Fliege. Sie befällt unseren gesamten Rosenkohl.»

Der Schädling profitiert von der langen Kulturzeit. Rosenkohl steht bis zu zehn Monate auf dem Feld, die Kohlmottenschildlaus hat also ausreichend Zeit, sich zu vermehren. Dabei scheidet sie sogenannten Honigtau aus, der zur Pilzbildung auf den Rosenkohlblättern führt. Weil diese vor dem Verkauf entfernt werden müssen, fällt auf Lässers Betrieb deutlich mehr Rüstaufwand an, und der Nettoertrag sinkt.

Dieser Entwicklung will der Landwirt aus Diepoldsau nicht tatenlos zusehen. «Soweit möglich, versuchen wir, die Schädlinge mit biologischen Mitteln zu bekämpfen. Zudem prüfen wir momentan, wie wir den Rosenkohl nach der Ernte aufbereiten – also waschen, trocknen und schälen – können, damit er trotz Schädlingsbefall verkauft werden kann», sagt Lässer, der Mitglied im Vorstand des Verbands der Schweizer Gemüseproduzenten ist. Aller Mühe zum Trotz werde er die Rosenkohlanbaufläche auf die nächste Saison hin aber wohl noch einmal halbieren: «Alles andere macht keinen Sinn.»

Mehr Rosenkohl wird importiert

Lässer ist nicht der Einzige, der die Rosenkohlproduktion zurückfährt. Zwischen 2018 und 2021 ging die Anbaufläche in der Schweiz um einen Viertel auf rund 76 Hektaren zurück. Davon werden etwa 8 Prozent biologisch bewirtschaftet. In derselben Zeitspanne nahmen die Importe deutlich zu, wie die folgende Grafik zeigt:

Diese Verschiebung ins Ausland ärgert Lässer: «Weil wir in der Schweiz keinen Zugang mehr zu effektiven Pflanzenschutzmitteln haben und deshalb die Produktion zurückfahren oder einstellen müssen, wird mehr importiert – und zwar aus Ländern, in denen der Rosenkohl mit Mitteln behandelt werden darf, die in der Schweiz nicht erlaubt sind.»

Derweil sei der Rosenkohl nur die «Spitze des Eisbergs». Er wolle nicht schwarzmalen, sagt Lässer, aber «wenn es so weitergeht, wird die inländische Produktion bei vielen Gemüsesorten nach und nach zurückgehen». Denn während die Anforderungen der Abnehmer und Kundinnen an die Qualität unverändert blieben, stünden immer weniger Mittel zur Verfügung, um diese Ansprüche zu erfüllen.

So sieht Rosenkohl aus, der nicht von der Kohlmottenschildlaus befallen ist.

So sieht Rosenkohl aus, der nicht von der Kohlmottenschildlaus befallen ist.

Bild: zvg/Fahrmaadhof

«Höchst problematisch»

Diese Entwicklung beobachtet auch der Bauernverband, wie er auf Anfrage mitteilt: «Das stetig abnehmende Wirkstoffspektrum ist höchst problematisch.» Denn: Je weniger breit die Palette an Wirkstoffen ist, die den Landwirten zur Auswahl stehen, desto eher bilden die Pflanzen Resistenzen. Das mache momentan vor allem jenen Landwirten zu schaffen, die Gemüse, Kartoffeln, Zuckerrüben oder Raps anbauen.

Eine Kehrtwende ist nicht in Sicht, im Gegenteil. Das Parlament hat im vergangenen Jahr einer parlamentarischen Initiative zugestimmt, die zum Ziel hat, die Risiken beim Einsatz von Pflanzenschutzmitteln bis 2027 um 50 Prozent zu reduzieren, dies gegenüber dem Mittel der Jahre 2012 bis 2015. Erste Verordnungen treten bereits Anfang 2023 in Kraft, so etwa das Verbot von Wirkstoffen mit erhöhtem Risikopotenzial für Oberflächengewässer oder Grundwasser.