Unbekannte Schweiz
Landquart ist mehr als Industriestandort und Arbeitsplatz

Der gute Wein wächst in den Nachbarsgemeinden Malans, Jenins und Maienfeld. Nicht in Landquart. Hier sei der Boden zu lehmig, sagt Gemeindepräsident Ernst Nigg. Ins Gespräch gekommen ist der Vorort von Chur auch wegen den angezündeten Asylbaracken.

Anna Wanner
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Landquart ist mehr als Industriestandort und Arbeitsplatz

Chris Iseli

Der 60-jährige Junggeselle muss es wissen: Er geniesst gerne einen feinen Tropfen aus der Gegend, kennt die Weine und die Winzer. Doch Landquart konkurrenziert nicht mit den Bündner Herrschaften im Weinbau. Es setzt auf andere Wirtschaftszweige; druckt Banknoten, repariert Züge der Rhätischen Bahn und brennt seit 150 Jahren Ziegel in der ortsansässigen Ziegelei - dem Lehmboden sei Dank. Gemäss Nigg sind heute rund 5000 Personen in Landquart beschäftigt. Nach Chur ist das der grösste Arbeitsstandort des Kantons Graubünden.

Seit 1890 die erste Dampflok nach Davos tuckerte und das Rheintal mit dem Prättigau verband, entwickelte sich die Gemeinde zum Verkehrsknotenpunkt. Dafür ist Landquart noch heute bekannt. Seit Kurzem macht es mit seinen abgefackelten Asylunterkünften Schlagzeilen. Fünf abgewiesene Asylbewerber warteten auf ihre Rückschaffung. Ob sie ihren Container selbst anzündeten, ist noch unklar. Doch sogar SVP-Politiker Nigg sagt: «Die Asylanten machen normalerweise keine grossen Probleme.»

Das Orakel von Landquart

Fährt man von der Asylunterkunft im Gewerbeteil auf der Prättigauerstrasse zur Autobahn, hockt mitten im Verkehrsknoten Socka-Hitsch. Er beobachtet mit dem Feldstecher Rehböcke, die auf der Alp oberhalb von Malans weiden. Eingeklemmt zwischen Gleisen und Autobahn betreibt der 74-Jährige den Stand «mit der grössten Hosenträger-Auswahl der Schweiz». Und er sagt, wenn es nicht gerade «Kröten hagelt oder Bindfäden seicht», bediene er seine Kunden jeden Tag. Einem empfiehlt er gerade, den Gurt um die Unterhose zu binden und stattdessen Hosenträger zu kaufen.

Christian Zwicky, wie er mit bürgerlichem Namen heisst, weiss über alles und jeden Bescheid. Er weiss, wieso ein Regierungsrat zurücktreten musste. Er weiss, wieso dieses ein schwieriges Tourismus-Jahr ist. Er weiss mit Bundesräten und Filmschauspielern zu kutschieren. Und er weiss auch, wieso das Einkaufszentrum «Alpenrhein Village» nicht funktioniert. Der harte Franken sei schuld. «Die Schwaben kaufen lieber bei sich drüben ein.» Socka-Hitsch ist das recht: Sein Geschäft laufe und er habe trotz Verkehr seinen Frieden.

Outlet versucht es mit Ausverkauf

Wenige Meter von Socka-Hitsch entfernt berieselt sanfter Pop die Kunden des «Alpenrhein Village». Die Ferienhaus-Fassaden des Einkaufszentrums sehen alle gleich aus. Herausgeputzt. Rund 60 Prozent der Hütten sind bezogen: Die Nachbarn streiten um die höchsten Rabatte in der Strasse. Doch trotz der «Tiefstpreise» stöbern am Dienstagnachmittag nicht einmal halb so viele Kunden in den Läden, wie es Verkäufer hat. Laut Gemeindepräsident laufen die Geschäfte besser als auch schon.

Trotzdem: Das Projekt sei «an Saich». «Wir haben im Rheintal nicht genügend Boden, um diesen einfach zu versauen.» Nigg, der mit zwei Kollegen bei einer Flasche Bordeaux auf die Idee kam, das Land hinter der Autobahn gewerblich zu nutzen, ist heute froh, dass der Grossteil der Ladenfläche auf fremdem Boden steht: In Zizers. Die Betreibergesellschaft habe falsch entschieden: Im Rennen sei auch ein bodenfreundlicheres Projekt des Architekten Frank O. Gehry gewesen. Nigg findet die Hütten «furchtbar».

Wiederbelebung des Dorfkerns

Im Gegensatz zum belebten Gewerbeteil in Bahnhofsnähe droht der Dorfkern von Landquart - Igis - auszusterben. Etwas Kleingewerbe und einen Volg hat es noch. Das Rathaus soll in Igis bleiben und nicht nach Landquart umziehen. Ennet dem Rhein liegt ein zweiter dörflicher Kern. In Mastrils gibt es neben Einfamilienhäusern nur das Gasthaus «Tanne», die Antoniuskirche und den Aussichtspunkt Pizalun. Hier wohnen die Landquarter.

Wo die Spezialisten Wein anbauen

Obwohl Bauland im Rheintal knapp ist, liegen zwischen Igis und Landquart Felder brach. Der Kanton verteidige das Land gegen jegliche Bauvorhaben, sagt Peter Küchler, Direktor der Landwirtschaftsschule Plantahof. Das Land gehört zum 1811 erbauten Gutshof, der heute in Kantonsbesitz ist. Vor mehr als hundert Jahren wurde darin die Landwirtschaftsschule gegründet, die sich zu einer Institution im Kanton entwickelte. «Auch wenn ein Problem nur im entferntesten mit Tieren oder Pflanzen zu tun hat, kommen die Leute zu uns», sagt Küchler. Die Spezialisten vom Plantahof machen vor, wie man vor der Haustüre Beeren, Kirschen und Äpfel anbaut. Nur von den Weinreben hat es wenige. Der Grossteil steht auf Malanser Boden.

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