«Lage ist ernst – und wird immer ernster»

Fast 100 bestätigte Fälle, Hunderte in Quarantäne: Die Lage in der Schweiz spitzt sich zu. Der Bund warnt: Bald wird es die Alten treffen.

Anna Miller
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Positiv oder nicht? Corona-Test im Labor.

Positiv oder nicht? Corona-Test im Labor.

Bild: Michael Zanghelini/freshfocus

Die Nachrichten über das Corona-Virus reissen seit Wochen nicht ab – die Lage ändert sich buchstäblich im Minutentakt. Noch während Daniel Koch vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) an der Pressekonferenz des Bundes gestern Mittwoch davon spricht, dass Schulen, Kindergärten und Krippen schweizweit offen bleiben, meldet Italien: Schliessung sämtlicher Schulen und Universitäten im ganzen Land, mindestens bis Mitte März. Europaweit sind mittlerweile 33 Länder vom Virus betroffen, über 3000 Menschen sind infiziert, 113 sind bereits daran gestorben. Alleine 107 davon in Italien.

Dass nun die Schulen schliessen, zeige, dass die italienischen Behörden alles daran setzten, die «gravierende» Lage in den Griff zu bekommen, sagt Koch. Und setzt mit ernster Miene zur Lage der Schweiz an, die mit jedem Tag ernster wird. Bis Mittwochabend zählte das BAG in der Schweiz 58 bestätigte Fälle einer Infizierung mit dem Corona-Virus, 39 weitere sind von einem Erstlabor positiv getestet worden und warten auf den definitiven Bescheid aus dem Labor in Genf. Man sei damit nun nahe an der Hunderter-Grenze, sagt Koch. Hunderte seien bereits in Quarantäne, über 200 Verdachtsfälle in Abklärung. «Seit letzter Woche steigen die Zahlen rasant an», sagt der Leiter Abteilung Übertragbare Krankheiten. «Die Lage ist ernst. Und sie wird immer ernster.»

Todesfälle können nicht ausgeschlossen werden

Man dürfe jetzt nicht in Panik geraten, schiebt der Krisenverantwortliche der Stunde nach. Doch man müsse nun weitere Analysen der Lage vornehmen– und entsprechende Massnahmen ergreifen. Welche das sind, lassen die Behörden zum jetzigen Zeitpunkt noch offen. Fest steht aber: Die Lage sei dringlich. Todesfälle könnten nicht mehr ausgeschlossen werden. Es gibt seit ein paar Tagen Infizierte in der Schweiz – die Rückverfolgbarkeit des Virus, die Ansteckungskette, ist nicht mehr in jedem Fall nachvollziehbar. Das Virus ist mittlerweile in allen Kantonen der Schweiz angekommen. Genaue Angaben dazu, wie stark die einzelnen Kantone betroffen sind, will Koch keine machen – die Lage ändere sich schlicht zu rasch. Bisher hat die Schweiz keine Toten zu beklagen. Dies liegt unter anderem daran, dass die meisten infizierten Personen in der Schweiz vergleichsweise jung sind. Die meisten liegen nun deshalb in Spitälern, weil sie isoliert werden müssen – nicht, weil ihr Gesundheitszustand das erfordern würde. Ältere Menschen sind bisher so gut wie nicht betroffen, weil die Jüngeren mehr reisten und in regerem sozialem Austausch stünden, sagen die Behörden. Die Jungen sind deshalb bisher auch die Hauptverteiler des Virus – sie sollen sich, sagt der Bund, an die Empfehlungen des Bundes halten, Menschenmassen meiden und den nötigen Sicherheitsabstand zu anderen halten, vor allem auch zu älteren Menschen.

Diese sind nämlich, zeigt ein Blick in die Statistiken, überdurchschnittlich gefährdet. Auch, weil das Corona-Virus bei dieser Altersgruppe aggressiver wirkt als eine normale Grippe, die unter Umständen auch tödlich enden kann. «Die Epidemie wird sich Richtung ältere Menschen verschieben», sagt das BAG, man müsse nun alles dafür tun, ältere Menschen entsprechend abzusichern. Darauf läge im Moment ein Fokus. Ab 65 Jahren steige die Mortalität in Bezug auf den Corona-Virus «rasant an», wie das BAG mit Verweis auf Zahlen aus China aufzeigt.

Die Frage, wie man die Zukunft bewältigen könne, steht nun an oberster Stelle. «Steigen die Fallzahlen weiter an wie bisher, werden wir das bisherige Regime nicht lange aufrechterhalten können», sagt Koch. Die Schweiz liegt momentan auf Platz 9 der am stärksten betroffenen Länder, in Europa folgt sie nach Italien sogar auf Platz 2. Im Vergleich zu China oder dem Iran kommt die Schweiz jedoch bisher glimpflich davon. Während die Fallzahlen im Ursprungsland China zurückgehen, steigen sie im Rest der Welt weiter an.

Bei der Informationshotline des Bundes (0584630000) zum Corona-Virus gehen derzeit rund 2000 Anrufe am Tag ein, die entsprechende Website des Bundes verzeichnet seit Beginn über 3,7 Millionen Klicks.

Keine «unbeschränkten Kapazitäten» – neue Empfehlung

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat am Mittwochabend seine Empfehlung geändert: Die Behörden raten dazu, bei Husten oder Fieber die eigenen vier Wände zum Schutz anderer nicht zu verlassen– bisher galt, dass man nur bei Kombination der beiden Symptome Vorkehrungen treffen muss. Auch gilt neu die Anweisung, Abstand zu halten. Das sogenannte «Social Distancing» gilt per sofort und primär gegenüber älteren Menschen, die als besonders gefährdet gelten. Zum Beispiel beim Anstehen in einer Schlange. Momentan arbeiten die Behörden auf Hochtouren an einer Schadensbegrenzung: Das Virus soll daran gehindert werden, sich unkontrolliert auszubreiten. Auch gilt es, Engpässe im Gesundheitssektor zu vermeiden. Man habe keine «unbeschränkten Kapazitäten», sagte das BAG, jedoch noch Luft nach oben. Konkret bedeutet das beispielsweise eine Knappheit an Testkapazitäten.

Bundesrat Alain Berset beriet sich gestern Abend mit den kantonalen Gesundheitsdirektoren auch in Bezug auf eine möglichst einheitliche Regelung für Veranstaltungen. Ab 150 Personen sollen sie bewilligungspflichtig sein. Man wolle das gesellschaftliche Leben nicht lahmlegen, gefährdete Personen jedoch adäquat schützen, sagte die Präsidentin der Gesundheitsdirektorenkonferenz Heidi Hanselmann. Grossveranstaltungen mit mehr als 1000 Personen sind weiterhin untersagt.