Podium in Baden
Lafontaine: «Im Moment rate ich der Schweiz, der EU nicht beizutreten»

Gipfeltreffen zwischen zwei Politgiganten am Montagabend in Baden: Der deutsche Linke Oskar Lafontaine traf auf SVP-Chefdenker Christoph Blocher. Doch statt sich gegenseitig auf den Deckel zu geben, waren sich die beiden älteren Männer erstaunlich einig. Vor allem, wenn es um die EU ging.

Stefan Schmid
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Der ehemalige Deutsche Bundesfinanzminister Oskar Lafontaine im Duell mit dem Schweizer SVP-Stratege Christoph Blocher.
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Gespräch vor dem Duell: Blocher (l.) und Lafontaine.
Lafontaine (l.) und Blocher werden vom regionalen TV-Sender Tele M1 interviewt.
Blocher und der deutsche Oskar Lafontaine diskutieren in Baden über die EU
Lafontaine bei seiner Rede.
Blocher am Rednerpult.
Blocher am Rednerpult.
Christoph Blocher (r.) trifft mit seiner Frau Silvia (m.) in Baden ein.
700 Personen fanden sich im Trafo Baden ein, um den beiden Politschwergewichten zuzuhören.
Oskar Lafontaine (r.) trifft in Baden ein.

Der ehemalige Deutsche Bundesfinanzminister Oskar Lafontaine im Duell mit dem Schweizer SVP-Stratege Christoph Blocher.

Chris Iseli

Die Gegensätze zwischen Oskar Lafontaine und Christoph Blocher könnten eigentlich nicht grösser sein: Hier der intellektuelle Physiker aus dem Saarland, der Zeit seines Lebens am linken Rand politisiert und sich als überzeugten Europäer bezeichnet. Da der Zürcher Pfarrerssohn und Grossindustrielle, dessen politisches Lebenswerk darin besteht, die Schweiz von der europäischen Integration fernzuhalten und den nationalen Alleingang zu predigen.

Doch der weltanschauliche Kampf der Giganten fand gestern Abend am 9. Management Roundtable der Aargauischen Kantonalbank in Baden nicht statt. Viel eher umarmten sich die beiden alternden Volkstribunen in zentralen Punkten fast brüderlich.

Honig vom deutschen Nachbarn

Er sei ein grosser Anhänger des Dezentralismus, der Subsidiarität und der direkten Demokratie, sagte Lafontaine in seinem einleitenden Referat und strich damit Kontrahent Blocher rhetorisch bereits viel Honig um den Mund. Die heutige EU weise mehrere Fehler auf. Die Währungsunion etwa könne nicht funktionieren, wenn es keine Korrelation der nationalen Lohnstückkosten gebe. Schuld an der Misere sei vor allem Deutschland, das systematisch Dumpinglöhne bezahle und damit Frankreich und Südeuropa in die Bredouille gebracht habe.

Blocher nahm den freundschaftlichen Faden freudig auf und erläuterte wie gewohnt süffig die schweizerischen Besonderheiten, die letztlich allesamt dazu beitrügen, dass «wir anders sind als die EU». Schon Napoleon habe gesagt, in der Schweiz redeten alle drein. Hier sei nichts zu machen. «Wir wollen nicht in die EU», wiederholte Blocher sein Mantra und stellte trocken fest: «Auch die EU braucht die Schweiz nicht.»

Doch Lafontaine liess sich nicht provozieren und behielt seine gutnachbarschaftliche Attitüde auch in der anschliessenden, vom zukünftigen SRF-Deutschlandkorrespondenten Peter Voegeli moderierten Podiumsdiskussion bei. Er unterliess es weitgehend, sich für die Meriten der europäischen Einigung ins Zeug zu legen. «Im Moment rate ich der Schweiz, der EU nicht beizutreten.» Doch er könne sich schon eine Union vorstellen, die auch für die Eidgenossenschaft wieder interessant sei. «Umwelt- und Migrationsfragen etwa lassen sich nur gemeinsam auf europäischer Ebene lösen.»

Widersprüche dank Hofmann

Selbst in der brisanten Zuwanderungsfrage blieb Lafontaine verständnisvoll: «Die Personenfreizügigkeit ist für die EU wichtig. Doch die Schweiz ist Nicht-Mitglied, also hat sie auch eine separate Lösung verdient.» Blocher blieb angesichts dieser Worte nichts anderes mehr übrig, als anerkennend zu nicken.

Den Part des Provokateurs übernahm dafür der Aargauer SP-Regierungsrat Urs Hofmann. Der Sozialdemokrat wies Blocher darauf hin, dass die Schweiz 1992 nach dem Nein zum EWR eine Phase schwerer wirtschaftlicher Rezession durchmachen musste. «Sie verschweigen, dass es mit unserem Land erst dank der bilateralen Verträge wieder aufwärtsging», sagte Hofmann. Erst jetzt schnalzte Blocher vor den rund 800 Zuhörern im Badener Trafo erstmals mit seiner Zunge und gab zurück: «Und Sie, Herr Regierungsrat, verschweigen, dass die Unabhängigkeit ein zentraler Pfeiler unseres Erfolgsmodells ist.»

Lafontaine, aktuell Vorsitzender der Linksfraktion im saarländischen Landtag und einstiger Finanzminister Deutschlands, appellierte schliesslich an die Schweiz, sich international zu engagieren. «Für die Konfliktlösung bringt ihr multikulturelles Land viel Know-how ein.» Auch dagegen, man ahnt es, hatte Blocher nichts einzuwenden.

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