Labortarife: Hausärzte verlieren 20 000 Franken

Alle Warnungen und Proteste der Ärzteschaft haben nichts gebracht: Auf den 1. Juli senkte der Bundesrat zum zweiten Mal innert dreier Jahre die Labortarife. Mit happigen finanziellen Folgen für die Hausärzte.

Drucken
Teilen
labor.jpg

labor.jpg

Schweiz am Sonntag

von Fränzi Zulauf

Zur Person

Max-Albrecht Fischer, Gatte von alt Grossrätin Doris Fischer-Taeschler, ist Facharzt für allgemeine Medizin FMH in der Gemeinschaftspraxis Brestenberg in Seengen. Der ehemalige Präsident der Dachorganisation der Schweizer Ärzte-Netzwerke (med-swiss.net) ist Vizepräsident der Kantonsspital Aarau AG.

«Das dritte Quartal mit den Sommerferien ist - bezogen auf die Labornutzung - erfahrungsgemäss das schwächste im Jahr», erklärt Max-Albrecht Fischer, seit vielen Jahren Hausarzt in Seengen. «Dennoch sind die Einbussen beim Laborumsatz in diesem dritten Quartal beträchtlich.» Auf den 1. Juli wurden in der Schweiz die Labortarife um 30 Prozent gesenkt. Max-Albrecht Fischer zeigt auf Franken und Rappen genau, wie sich dies auf seine Praxis Brestenberg ausgewirkt hat.

Wird die finanzielle Einbusse von Fr. 17 168.80 aus den Monaten Juli, August und September aufs ganze Jahr aufgerechnet, wird der Laborumsatz mindestens um 68 000 Franken tiefer ausfallen als im Jahr vor Einführung der neuen Tarifstruktur. «Faktisch bedeutet dies pro Arzt eine Einkommenseinbusse von 20 000 Franken pro Jahr», erklärt Max-Albrecht Fischer. Er führt mit drei weiteren Ärztinnen und Ärzten eine Gemeinschaftspraxis (320 Stellenprozent).

Was leistet ein Praxislabor?

Das grösste Plus der Untersuchungen im Praxislabor ist die Geschwindigkeit: Resultate liegen innert 5 bis 30 Minuten vor und können den Patientinnen und Patienten noch während ihres Arztbesuchs mitgeteilt werden. Notwendige Entscheidungen oder Behandlungsschritte können sofort vorgenommen werden. Muss der Hausarzt indessen ein auswärtiges Labor in Anspruch nehmen, kommen die Resultate erst am nächsten Tag, wodurch die Behandlung verzögert wird und der Patient ein zweites Mal aufgeboten werden muss.
Nebst Kontrollen verschiedener Erkrankungen wie etwa Diabetes, Blutverdünnung, Leber- und Nierenerkrankungen, liegt die Stärke der Praxislabors in der Notfalldiagnostik für akute Erkrankungen. Kann ein Hausarzt akute Infekte wie etwa Angina, Lungenentzündung, Bronchitis oder Mittelohrentzündung nicht mit eigenen Laboruntersuchungen verifizieren, müssen viele Patienten deswegen ins Spital überwiesen werden, was bekanntermassen nicht billiger ist. Der Hausarzt kann auch gewissermassen «blind» ein Antibiotikum verschreiben und am nächsten Tag erfahren, ob seine Entscheidung richtig oder falsch war. Die gesamten Laborkosten machen - laut Angaben der Hausärzteorganisation Argomed - kaum 3 Prozent der Gesundheitskosten aus. (zi)

Eigentlich müsste ich das Labor schliessen», meint er weiter. Denn die Lohn-, Material und Raumkosten belaufen sich jährlich auf rund 60 000 Franken; mit der Umsatzeinbusse von mehr als 68 000 Franken wird diese Dienstleistung defizitär. Würde er indessen das Praxislabor aufgeben, würde dies auch die Streichung von Arbeitsplätzen bedeuten. Das aber möchte Fischer vermeiden. Die Zahlen und Erfahrungen der Praxis Brestenberg könne man durchaus auf die Mehrzahl der Hausärzte im Aargau übertragen, ist Fischer überzeugt. Wobei es viele Allgemeinmediziner gebe, die es weit härter treffe als ihn selbst. «Mit der Anzahl Laboruntersuchungen liege ich ziemlich unter dem kantonalen Durchschnitt.»

2008 wies Max-Albrecht Fischer ein Jahreseinkommen von fast 159 000 Franken aus. 2010 wird er bei gleichem Arbeitsaufwand und gleichen Nebenkosten mindestens 20 000 Franken weniger verdienen. Auch wenn das zweifellos noch immer ein gutes Einkommen ist, gibt Max-Albrecht Fischer zu bedenken: «Bei einer Normalarbeitszeit von 55 Stunden pro Woche und sieben Wochen Präsenzdienst pro Jahr arbeite ich 3320 Stunden im Jahr. Das ergibt einen ‹Stundenlohn› von etwa 41 Franken.»

Die neue Tarifstruktur, von der sich Bundesrat Pascal Couchepin jährliche Einsparungen im Gesundheitswesen von 200 Millionen Franken verspricht, hat die Hausärzte auf die Barrikaden getrieben. Bereits 2006, als die Tarife für Laboranalysen zum ersten Mal um 10 Prozent gesenkt wurden, demonstrierten dagegen über 10 000 Ärztinnen und Ärzte auf dem Berner Bundesplatz und über 300 000 Personen wehrten sich mit ihrer Unterschrift gegen die tieferen Labortarife und die befürchteten Folgen - die Schliessung der Praxislabors, das Wegfallen von Arbeitsplätzen für Medizinische Praxisassistentinnen, die Verschlechterung der Grund- und Notfallversorgung. Genützt hat es wenig, obwohl Bundesrat Couchepin damals ein Bekenntnis zur Hausarztmedizin ablegte: Anfang dieses Jahres kündigte er eine erneute Senkung der Labortarife um sogar 30 Prozent an. Die Hausärzte und Praxisassistentinnen reagierten mit einer weiteren Kundgebung - die neue Tarifstruktur trat dennoch am 1. Juli in Kraft.

Aktuelle Nachrichten