Die «Schweiz am Wochenende» deckte den Fall auf: Ein 12-jähriger Bub, der das Bildungssystem überfordert, wird zur Angelegenheit der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb). Und generiert dort wegen eines teuren Sondersettings inklusive 24-Stunden-Überwachung durch eine Sicherheitsfirma monatlich Kosten in der Höhe von mehreren Zehntausend Franken

Im Gespräch mit der «Schweiz am Wochenende» klagte Tatsiana Zahner (40), die Mutter des 12-jährigen Knaben, die Kesb an: Ihr Sohn werde nicht nur zusammen mit Schwerverbrechern in der geschlossenen Abteilung der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel untergebracht, sondern auch mit Medikamenten ruhiggestellt und mit horrend teuren Sondertherapien konfrontiert.

«Massnahmen machten ihn nur noch aggressiver»

Gegenüber der Tageszeitung «Blick» enthüllt die 40-Jährige nun weitere Details über die kostspieligen Coachings und Therapien, mit denen ihr Sohn im Auftrag der Kesb zwangsbehandelt wird. Massnahmen, die den 12-Jährigen «nur noch aggressiver machten», wie die Mutter ausführt.

Nachdem der Junge wegen seines Verhaltens vom Kindergarten erst in eine Sonderschule und später in eine Klinik und ein Internat verlegt wurde, brachte die Kesb den 12-Jährigen laut «Blick» in der Stiftung Passagio in Lützelflüh BE unter. «Bei der Stiftung sagte man mir, es sei einfacher, wenn mir die Obhut entzogen würde, wegen der Bezahlung des Settings, sonst würde man ihn nicht aufnehmen, also willigte ich ein», erklärt Tatsiana Zahner gegenüber der Tageszeitung.

Kutschfahrt, Rudern und fragwürdige Erziehungstipps

Um sich besser kennenzulernen, habe die Stiftung eine Reise mit der Familie unternommen. In einer Pferdekutsche reiste eine Sozialarbeiterin, die Mutter, ihr damaliger Lebensgefährte und der 12-jährige Sohn durch Frankreich. 

«Wir übernachteten in der Kutsche. Auch hätten wir zusammen ein Feuer machen sollen», so Zahner. Doch so weit kam es nicht, die Situation eskalierte. «Ich gebe es zu, ich bin ausgerastet ab dieser Kuschelpädagogik. Dann sind wir nach Hause gefahren», sagt der ehemalige Lebensgefährte gegenüber «Blick».

Die Stiftung Passagio gab den Jungen nicht auf und startete einen neuen Versuch: Zusammen mit der Familie zog die Sozialarbeiterin in ein Haus am Aegerisee im Kanton Zug. «Die Miete kostete 100 Franken pro Tag», erklärt die Mutter gegenüber «Blick» und fügt an: «Wir boten ihr an, bei uns zu Hause zu wohnen, doch das wollte sie nicht.»

Auch die Erziehungstipps der Sozialarbeiterin erschienen der gebürtigen Weissrussin suspekt: «Wir sollten unseren Sohn immer fragen, was er möchte. Die Pädagogin sagte: Er müsse nicht in die Schule. Er gehe schon freiwillig, wenn er Lust hat.» Auch dieses Experiment scheiterte schliesslich und wurde nach knapp zwei Monaten abgebrochen.

Auch mit Sport hat es die Stiftung Passagio versucht. Tatsiana Zahner dazu: «Die Pädagogin betreute daraufhin meinen Jungen zwei Wochen lang am Aegerisee weiter mit Rudern, weil es ihr Hobby ist.»

Verantwortlich für die therapeutischen Massnahmen ist der er Geschäftsführer der Stiftung Passagio, Ruedi Trachsel. Gegenüber «Blick» erklärt er: «Wir nennen es Erlebnis-Pädagogik. Deren Qualität besteht darin, dass Klienten sich in einem neuen Umfeld begegnen können, grundsätzlich in der Natur.» (luk)