Burka
Kurswechsel: Schweizer Bischöfe sind jetzt für ein Burka-Verbot

Die Anti-Minarett-Initiative haben die Schweizer Bischöfe noch klar bekämpft. Jetzt aber sprechen sie sich für ein Burka-Verbot aus – auch nach einer Reise ihrer Arbeitsgruppe «Islam» in den Nahen Osten.

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Verhüllte Afghaninnen

Verhüllte Afghaninnen

Keystone

Von Sandro Brotz
Erwin Tanner meldet sich aus Beirut. «Hier sieht man neuerdings immer mehr Frauen den Gesichtsschleier tragen», erzählt er. Tanner ist Sekretär der Arbeitsgruppe «Islam» der Schweizer Bischofskonferenz und bereiste bis gestern den Libanon und Syrien. Bei Treffen der Gruppe mit führenden muslimischen und christlichen Persönlichkeiten kam auch das in der Schweiz heftig diskutierte Burka-Verbot zur Sprache.

Gegenüber dem «Sonntag» macht Sekretär Tanner erstmals die Position der Schweizer Bischöfe klar: «Eine Totalverhüllung der Frau ist aus christlicher Sicht abzulehnen.» Dies komme einer «Nichtbeachtung der Frau im öffentlichen Bereich» gleich - «und damit einer Eliminierung einer Komponente der Menschheit».

Die Schweizer Bischöfe stellen sich damit hinter Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf. In einem Interview mit dem «Sonntag» hatte die Bundesrätin vor einer Woche klargemacht, dass sie «gegen jede Form von Vermummung» sei: «Die Freiheit einer Burka-Trägerin hört dort auf, wo sich andere dadurch bedrängt oder verunsichert fühlen.» Zu diesem Schluss kommt nun auch die Arbeitsgruppe «Islam», die 2001 gegründet wurde. Ihr Ziel ist es, den islamisch-christlichen Dialog zu fördern.

Wie Recherchen des «Sonntags» zeigen, hat die Arbeitsgruppe in der Burka-Frage wochenlang um eine Position gerungen, die nun aber umso eindeutiger ausgefallen ist. Noch bei der Minarett-Debatte haben sich die Schweizer Bischöfe dezidiert gegen ein Verbot ausgesprochen. Er könne «eine Symmetrie des Unrechts» unmöglich unterstützen, sagte Bischof Kurt Koch vor der Abstimmung an einer Pressekonferenz des Schweizerischen Rats der Religionen.

Dabei hatten sich Christen, Juden und Muslime gemeinsam gegen die Anti-Minarett-Initiative ausgesprochen. Der Rat betrachtete die Volksinitiative damals «nicht nur als Angriff auf die Religionsfreiheit, sondern auch als Ausdruck von Ängsten in der Bevölkerung». Ein halbes Jahr später ist es mit der demonstrierten Einigkeit vorbei. Während sich die katholische Kirche hinter ein Burka-Verbot stellt, erachten jüdische Vertreter ein solches als nicht nötig (siehe Box).

Das sagen die Schweizer Juden zur Burka-Debatte

Herbert Winter, Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG), spricht von einer «verschwindend kleinen Zahl von Burka-Trägerinnen in unserem Land». Für den Zürcher Anwalt Winter besteht «kein Grund, dass sich ein liberaler Rechtsstaat einschalten müsste». Er gesteht dem «Sonntag» zwar ein, dass auch er «den Menschen lieber ins Gesicht schaut». Ein Verbot bringe die Schweiz in der seit Wochen geführten Debatte um ein Burka-Verbot aber nicht weiter: «Es hilft auch der Integration nicht.» Winters Appell: «Hören wir doch auf, diese mit der Bekämpfung von Symbolen anzustreben.» (BRO)

Bei ihrem eigentlichen Kurswechsel stützt sich die Arbeitsgruppe «Islam» auch auf die Gespräche im Libanon und in Syrien. Laut Sekretär Tanner sei von allen Würdenträgern vor Ort die Aussage gekommen, «dass die Burka als Kleidungsstück kein religiös begründbares Fundament habe». Eine Rechtfertigung für die Burka gebe es weder im Koran, der Heiligen Schrift des Islam, noch in der Suna, der Tradition des Propheten Mohammed. Darauf habe selbst Grossmufti Mohammed Rashid Qabbani - die höchste religiöse Autorität der libanesischen Sunniten - hingewiesen. Laut ihm gibt es in der Suna sogar eine Stelle, die eindeutig festhalte: «Gesicht und Hände einer Frau müssen unbedeckt sein.»

Die Reise in den Nahen Osten brachte den Katholiken auch die Einsicht, dass sich die islamischen Gelehrten in der Art der zu tragenden Kleidung nicht einig sind. Scheich Qabbani erklärte den Gästen aus der Schweiz gar, es wäre von grossem Nutzen, «wenn es in der muslimischen Welt eine gemeinsame Erklärung von Gelehrten zum Kopftuch gäbe». Darin solle dargelegt werden, «was Ausdruck der Religion und was blosser Ausdruck der Kultur sei.»

Ob Burka, Nikab, Tschador oder Hijab: Die Verwirrung um die verschiedenen Begrifflichkeiten ist gross. Sekretär Tanner stört sich in der emotional geführten Debatte um ein Burka-Verbot aber auch an einem anderen, viel weltlicheren Punkt: «Die Entblössung und Zurschaustellung der weiblichen Scham in der Öffentlichkeit durch sehr sexy Wäsche wird eigenartigerweise nicht debattiert», stellt er fest. Das eine Extrem werde gerügt, so Tanner, das andere aber nicht: «Wo bleibt hier das Mass in der Debatte?»