Urdorf

«Kulturelle Missverständnisse»

Durchgangszentrum: Am 13. Juni können sich Kritiker und Befürworter am Tag der offenen Tür vor Ort ein Bild machen. (Bild: fuo)

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Durchgangszentrum: Am 13. Juni können sich Kritiker und Befürworter am Tag der offenen Tür vor Ort ein Bild machen. (Bild: fuo)

Seit letzten Oktober leben im Durchgangszentrum im Urdorfer Bergermoos bis zu 90 Asylsuchende in einer unterirdischen Militärunterkunft. Nicht immer zur Freude der Einheimischen.

Flavio Fuoli

Im Durchgangszentrum (DZ), das von einer Privatfirma im Auftrag des Kantons geführt wird, leben ausschliesslich Männer aus Staaten wie Nigeria, Somalia, Eritrea, Äthiopien, Georgien, Sri Lanka und Palästina (siehe LiZ vom 25. April). Die fremden Gesichter fielen im Dorf auf, und hie und da fühlten sich einige Dorfbewohner verpflichtet, gegen die «Beschlagnahme» ihres Dorfes zu protestieren. Auf dem Forum der Gemeindehomepage fanden sich die Unzufriedenen und gaben ihren Kommentar ab. Der Urdorfer Gemeinderat und Sozialvorstand Andreas Burger (35, SP), der seit sieben Jahren im Amt ist, äussert sich über die Probleme aus der Sicht der Behörden.

Wie reagierte der Gemeinderat, als er von der Stationierung von Asylsuchenden durch den Kanton im Bergermoos erfuhr?

Andreas Burger: Wir haben es zur Kenntnis genommen, weil wir dazu nichts zu sagen haben, das ist die Hoheit des Kantons. Und es war auch kein Thema, weil schon zum dritten Mal in Urdorf ein solches Zentrum aufging. Wir hatten früher wenig Resonanz aus der Bevölkerung.

Was ist dieses Mal anders?

Burger: Es gab diverse Faktoren. Unter anderem war die Tagesinfrastruktur im Durchgangszentrum lange nicht vorhanden. Das führte dazu, dass sich Asylsuchende stärker im Urdorfer Zentrum aufgehalten haben. Dazu war es damals auch sehr kalt.

Gewisse Einwohnerkreise reagierten auf ihre Weise, indem sie sich auf dem Forum der Gemeinde ziemlich herablassend über die Asylsuchenden äusserten. Stört Sie das?

Burger: Grundsätzlich hat der Gemeinderat die Sorgen der Bevölkerung wahrzunehmen und sich darum zu kümmern. Deshalb ist das auch legitim. Es gab da die Frage, wie man sich zu einem Problem äussert. Es gab aber auch konstruktives und positives Feedback. Das war eine angenehme Seite des Prozesses, den wir durchgemacht haben.

Wie reagierte der Gemeinderat?

Burger: Wir haben alle handfesten Reklamationen umgehend an die Zentrumsleitung weitergeleitet und geschaut, dass wir Unterstützung liefern konnten, um die Tagesprobleme zu lösen, zum Beispiel weniger Reibungsfläche zwischen Asylsuchenden und den Einwohnern.

Wie muss man sich diese «Reibungsfläche» vorstellen?

Burger: Ein paarmal hielten Asylbewerber auf offener Strasse den Bus an und wollten einsteigen. Ich war dieses Jahr in Afrika in den Ferien, dort läufts so (lacht laut). Das ist halt eine Gewohnheitssache.

Das läuft jetzt aber korrekt.

Burger: Ja, seit die Massnahmen eingeleitet wurden, haben wir keine negativen Rückmeldungen mehr erhalten.

Was kann eine Gemeinde tun, um diesen Ängsten und Vorurteilen aus der Bevölkerung zuvorzukommen?

Burger: Der Hauptfaktor ist Wissen und Verständnis. Es ist in den seltensten Fällen Böswilligkeit, sondern kulturelle Missverständnisse und Ängste ihrerseits, der Asylsuchenden. Das kann man mit Information und Förderung der Diskussion minimieren.

Waren Sie schon selber im Zentrum?

Burger: Nein, hier nicht. Ich war schon in anderen Zentren. Wir betreuen in Urdorf selber Flüchtlinge.

Wurden Sie vonseiten der Bevölkerung auf das Problem überhaupt direkt angesprochen oder passierte die Opposition eher im Hintergrund?

Burger: Es gab Telefonate an die Gemeinde und ich wurde auch direkt angesprochen. Diese Kontakte waren dann aber sehr sachlich, und wir konnten darauf reagieren. Hintenrum läuft die Diskussion eher unsachlich, zum Beispiel, wenn Voten kommen wie, dass sie unser Dorf verschmutzen. Der beste Weg jedoch ist, direkt beim Durchgangszentrum anzurufen.

Wie sind Ihre persönlichen Erfahrungen mit Asylsuchenden?

Burger: Schwer zu beantworten. Wenn ich sonst Kontakte habe zu Asylbewerbern gibt sich mir ein positives Bild, weil sie etwas erreichen wollen. Sie sind motiviert und suchen den Kontakt. Als Sozialvorstand habe ich vom Sozialen her eher negative Kontakte. Aber wenn ich die Menschen danach beurteilen müsste, müsste ich die ganze Bevölkerung verurteilen. Bei meiner Tätigkeit sehe ich nie die ganze Masse. Beim Asylwesen sind die Eindrücke positiv, beim Sozialwesen eher negativ. Das ist wie bei den Jugendlichen: Bei der Jugendarbeit kommt man mit den positiven Jugendlichen zusammen, beim Vormundschaftswesen erhält man eher negative Eindrücke.

Urdorf ist doppelt belastet mit dem kantonalen Durchgangszentrum und den anerkannten Flüchtlingen, die es in der gemeindeeigenen Unterkunft unterbringen muss. Stört Sie, respektive den Gemeinderat dies?

Burger: Der Gemeinderat ist sich bewusst, dass wir mehr Asylsuchende oder Flüchtlinge haben. Die, welche wir selber betreuen, für die haben wir einen Aufwand zu leisten. Die anderen im DZ beschäftigen uns dementsprechend nicht. Als wir das letzte Mal ein DZ in Urdorf hatten, belangte uns das nicht gross.

Was erwarten Sie vom Asylsuchenden im DZ?

Burger: Ganz klar, dass er sich anpasst an unsere Verhaltensregeln oder sie mindestens kennt. Ich erwarte auch, dass sie mit uns kommunizieren können und Deutsch lernen. Wobei es schwierig ist eine Fremdsprache zu lernen, wenn man nicht einmal seine Muttersprache richtig beherrscht. Sie sollen sich an die Gesetze halten, das ist logisch. Ich erwarte auf der anderen Seite, dass die Betreuer ihnen diese Möglichkeiten auch geben, eben unsere Verhaltensweisen und Gesetze zu lernen.

Was erwarten Sie vom Tag der offenen Tür im Durchgangszentrum, der am 13. Juni durchgeführt wird?

Burger: Ich wünsche mir, dass alle Leute, die sich geäussert haben - es gab auch unterstützende Voten - sich davon ein Bild machen können, das aber auch sonst alle Interessierten vorbeikommen. Ich hoffe, dass es einen gewissen Informationsaustausch gibt zwischen der Bevölkerung und den Asylsuchenden. Und dass beide Seiten Verständnis wecken können für ihre Situation.

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