Tierschutz

Kritik von unerwarteter Seite: Den Veganern ist die Massentierhaltungs-Initiative wurscht

Besserer Schutz für Kühe und andere Tiere: Das will die Initiative «Keine Massentierhaltung in der Schweiz» erreichen. Ihre Wirksamkeit ist umstritten.

Besserer Schutz für Kühe und andere Tiere: Das will die Initiative «Keine Massentierhaltung in der Schweiz» erreichen. Ihre Wirksamkeit ist umstritten.

Ausgerechnet Swissveg findet, das grüne Volksbegehren sei unnütz oder gar schädlich. Deren Präsident fordert einen grundsätzlich anderen Umgang mit den Tieren.

Die grüne Nationalrätin und Veganerin Meret Schneider ist der Kopf hinter der Initiative «Keine Massentierhaltung in der Schweiz», die vergangenen Herbst eingereicht wurde. Sie will, dass Schweine, Hühner und andere Nutztiere besser gehalten werden. Schneider ist Co-Geschäftsleiterin der Tierrechtsorganisation Sentience Politics, welche die Initiative lanciert hat – und dafür viele Unterstützer gewinnen konnte: Der Schweizer Tierschutz STS ist genauso dabei wie Greenpeace, Prominente wie Melanie Winiger oder Chris von Rohr unterstützen sie.

Doch es gibt eine prominente Abwesende: Swissveg, nach eigenen Angaben die grösste Interessenvertretung von Vegetariern und Veganern. Nach sorgfältiger Analyse sei man zum Schluss gekommen, «dass die Initiative nicht hält, was sie verspricht und der Titel suggeriert», schreibt die Organisation in einer Stellungnahme. «Aus Sicht von Swissveg könnte diese Initiative den Tieren sogar mehr schaden, als sie möglicherweise nützen könnte.»

Swissveg: keine ausreichende Verbesserung

Die Initiative fordert, dass alle Nutztiere mindestens nach dem Bio-Suisse-Standard gehalten werden. Nicht nur die Anzahl Tiere soll beschränkt werden, auch die Haltung soll tierfreundlicher werden. Statt bis zu 18'000 Legehennen pro Betrieb sollen nur noch maximal 2000 erlaubt sein. Schweine sollen sich auf der Wiese und im Schlamm frei bewegen können. Auch für Importe sollen diese Regeln gelten.

Die Initiative will die Anzahl Legehennen begrenzen.

Die Initiative will die Anzahl Legehennen begrenzen.

Gemäss Swissveg brächte dies «keine ausreichende Verbesserung» für die Tiere. Die Massentierhaltung werde mit der Initiative – entgegen ihrem Namen – nicht abgeschafft. Ein Beispiel: Die Hackordnung bei Hühnern funktioniere nur bis zu 80 bis 100 Tieren, alles darüber verursache bei den Hühnern einen Dauerstress, argumentiert die Organisation.

Die Nutztierhaltung, wie sie heute praktiziert wird, müsste nach Ansicht von Swissveg-Präsident Renato Pichler ganz abgeschafft werden. «Es muss einen grundsätzlich anderen Umgang mit den Tieren geben», fordert er. «Die heutige Nutztierhaltung ist weder aus tierschützerischer, noch aus ökologischer oder ökonomischer Sicht nachhaltig.» Die Initiative könnte gar kontraproduktiv sein: Das Thema könnte deswegen politisch für längere Zeit blockiert sein – und zwar egal, ob sie angenommen oder abgelehnt wird, befürchtet die Veganer-Organisation. Zudem würden die Gegner der Initiative im Abstimmungskampf erklären, es gebe gar keine Massentierhaltung in der Schweiz und damit ein falsches Bild vermitteln.

Grüne halten zu radikale Initiative für chancenlos

Meret Schneider kennt die Kritik. Von Veganern höre sie verschiedentlich, die Initiative bringe zu wenig; andere kritisierten, diese gehe zu weit. «Wenn man politisch vorgeht, muss man auch die Chancen auf Erfolg abschätzen», sagt die Grünen-Politikerin. «Wer mit einer radikalen Initiative kommt, riskiert eine Schlappe an der Urne. Und dann ist das Thema wirklich blockiert.»

Nationalrätin Meret Schneider (Grüne).

Nationalrätin Meret Schneider (Grüne).

Sie ist überzeugt, dass die Initiative ein Türöffner für Verbesserungen beim Tierwohl ist – selbst wenn sie scheitern sollte. Sie verweist darauf, dass der Bundesrat der Initiative einen Gegenvorschlag gegenüberstellen will. «Damit anerkennt er, dass etwas getan werden muss für das Tierwohl.»

Die Kritik von Swissveg könnte der Initiative sogar nützen, lässt Schneider durchblicken. Würden sich Veganer an vorderster Front für die Initiative einsetzen, könnte dies andere Unterstützer abschrecken. Schneider betont: «Es ist keine Veganer-Initiative, sondern eine Tierwohl-Initiative.» Im Abstimmungskampf wird sich Swissveg zurückhalten. Konzentrieren will sie sich auf die Trinkwasser-Initiative. Diese würde indirekt wesentlich mehr gegen die Massentierhaltung erreichen, sofern sie angenommen und vollständig umgesetzt würde.

Die Initiative fordert unter anderem, dass Bauern keine Direktzahlungen mehr erhalten, wenn sie mehr Tiere halten, als sie mit selbst produziertem Futter ernähren können. Schneider hingegen unterstützt die Trinkwasser-Initiative, kritisiert aber, dass diese keine Importbeschränkungen beinhalte. Auch hier haben die bekannte Veganerin und Swissveg das Heu nicht ganz auf der gleichen Bühne.

Autor

Maja Briner

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