Jungunternehmen

Kritik trotz Innovation: Start-ups schaffen zu wenig Arbeitsplätze

Die Schweiz gilt als innovativ und Schweizer Jungunternehmen glänzen mit Innovationen. Allerdings könnten sie laut einem Bericht von Avenir Suisse ihre Ideen oft nicht verkaufen. Über die Gründe bestehen unterschiedliche Ansichten.

Die Schweiz führt bezüglich Innovationen viele internationale Ranglisten an. Regelmässig wird selbst Singapur ausgestochen, und auch im Vergleich mit dem Silicon Valley oder der US-Ostküste muss sich die Schweiz nicht verstecken. Diesen weltweiten Erfolg habe die Schweiz vor allem dem forschungsintensiven Gesundheits- und Lifesciences-Sektor zu verdanken, stellte der Thinktank Avenir Suisse in einem vergangene Woche veröffentlichten Bericht fest.

Trotz der Innovationskraft habe sich in der hiesigen Start-up-Szene aber eher Ernüchterung breitgemacht: «Es sind zwar neue Stellen geschaffen worden, aber wirkliche Durchbrüche, bei denen ein Start-up rasch gewachsen wäre und viele Stellen geschaffen hätte, hat es kaum gegeben», sagt Wolf D. Zinkl, Mitautor der Studie. Demgegenüber seien im Silicon Valley Hunderttausende Stellen entstanden.

Pharmaforschung ist sehr riskant

Konkrete Vergleichszahlen hat Zinkl zwar keine, er kennt aber die Hauptunterschiede zwischen der Schweiz und dem Silicon Valley: «Informatik, Computer und Telekommunikation (ITC) brauchen wenig Startkapital.» Mit einer Million könne man viel machen. Bei Pharma/Lifesciences seien die Investitionskosten dagegen viel höher. Hinzu komme, dass das Wachstum der Start-ups in der Schweiz viel geringer sei. «Die Firmen bleiben oft etwa bei 10 Mitarbeitenden stehen», so Zinkl. In den USA sei zwar mehr Risikokapital vorhanden, aber der Druck auf die Jungfirmen, zu wachsen und profitabel zu werden, sei ebenfalls höher.

Avenir Suisse warnt auch vor übertriebenen Hoffnungen in neue Innovationsparks. Zinkl: «Die Innovationen in der Schweiz kommen oft von grossen Firmen. Auch das funktioniert hierzulande völlig anders als im Silicon Valley.» Im Pharmabereich gebe es auf eine Million Projekte nur gerade einen Volltreffer. Dann jedoch entstünden Milliardenumsätze und hohe Gewinne. Pharmaforschung sei ein Hochrisiko-Geschäft. Avenir Suisse spricht sich dafür aus, dass Firmen ihre Forschungs- und Entwicklungsausgaben von den Steuern absetzen können. Diese sehr simple Forschungsförderung würden praktisch alle Länder betreiben.

Die beiden grössten Forschungsfirmen der Schweiz, Roche und Novartis, wären trotz der Vorbehalte von Avenir Suisse sehr daran interessiert, dass ein Innovationspark in der Region Basel entstünde. Novartis hat das im August in einem Brief an Bundesrat Schneider-Ammann kundgetan und Missfallen geäussert, dass beim Bund offenbar Zürich und Lausanne den Vorrang hätten. «Bei der Wahl des Hauptstandortes hätten wir gerne das Thema Lifesciences mit eingebracht», sagt Pascal Brenneisen, Leiter Novartis Schweiz.

Mehr Konkurrenzkampf gefordert

In der Start-up-Szene ist man sich bewusst, dass die Forschung noch besser mit der Praxis vernetzt werden muss. Michael Bornhäusser, Präsident der Innovationsförderungsagentur der Nordwestschweiz i-net, kritisiert: «Die Innovations- und Start-up-Förderung ist in der Schweiz viel zu stark auf Hochschulen, insbesondere die ETH Zürich und die EPF Lausanne konzentriert.»

Das sei ein «vollkommener Blödsinn». Jungfirmen bräuchten keine «universitäre Komfort- oder Wohlfühlzone», sondern ein unternehmerisches Umfeld. Es gehe darum, Innovationen an den Markt zu bringen. Kriterium seien die «Exits» von Jungunternehmen, das heisst, die Gründer lassen sich auszahlen und es steigt ein Grossinvestor ein – Zeichen für wirkliche Marktchancen, Wachstum, Umsatz, Gewinn.

Wenige Spin-offs der ETH Zürich

«Betrachtet man diese in der Schweiz ohnehin seltenen Exits, so handelt es sich in den wenigsten Fällen um Firmen, die als Spin-offs aus Universitäten hervorgegangen sind», so Bornhäusser. Unter den 20 Start-ups, die in den vergangenen drei Jahren verkauft worden seien, befänden sich nur gerade drei Spin-offs der ETHZ. Demgegenüber seien Spin-offs ehemaliger Mitarbeiter von Grosskonzernen oder klassische Neugründungen ohne universitären Hintergrund deutlich häufiger. Bornhäusser: «Hochschulen und Unis sind hervorragend für Grundlagenforschung und Ausbildung. Aber von einem gewissen Moment an sind die Unis nicht mehr die richtigen Ansprechpartner.»

Trotz aller Kritik: Ganz unwesentlich sind die Start-ups hierzulande nicht. Gemäss der Kommission für Technologie und Innovation (KTI), Förderagentur für Innovation des Bundes, sind seit 1996 in den von der KTI betreuten Start-ups rund 10 000 Stellen geschaffen worden. Von den 265 mit dem KTI-Start-up-Label gekennzeichneten Firmen seien 86 Prozent noch immer im Geschäft.

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