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Kritik nach Bahnchaos: «So sind die SBB keine Konkurrenz zum Auto»

Die Kälte macht den SBB-Zügen zu schaffen. (Archiv)

Die Kälte macht den SBB-Zügen zu schaffen. (Archiv)

Viele Pendler weichen bei den prekären Strassenverhältnissen auf den Zug aus. Doch auch die Bahn hat mit den tiefen Temperaturen zu kämpfen. Für Bahnexperten ein heikler Punkt.

In den letzten Tagen sind auf den verschneiten Schweizer Strassen viele Autofahrer verunfallt. Auch das Schweizer Bahnnetz brach am Montag regelrecht zusammen: Manche Züge waren über eine halbe Stunde verspätet, auf der Strecke Zürich–Aarau–Basel sind Züge ganz ausgefallen.

«Die auf den öV umgestiegenen Autofahrer erhielten am Montagmorgen einmal mehr die Bestätigung, dass die Bahn nicht zuverlässig ist. Für den Ruf der SBB ist das desaströs», kritisiert Kurt Schreiber von der Pendlerorganisation Pro Bahn Schweiz. Ähnlich denkt Walter von Andrian. Der Chefredaktor der «Eisenbahn-Revue» sagt: «Die Züge fallen genau dann aus, wenn auch der Strassenverkehr Probleme bereitet. So sind die SBB keine wirkliche Konkurrenz zum Individualverkehr.»

Doch wo lag das Problem? Alles begann, als die Lokführer am Montagmorgen die Türen zu den Lokomotiven öffnen wollten. Die Schlösser waren zugefroren. Deshalb konnten mehrere Lokführer ihre Schicht erst mit Verspätung beginnen – einen Enteisungs-Spray hatten sie offensichtlich nicht zur Hand.

Als die Züge dann doch unterwegs waren, kam es zu weiteren Problemen: Wegen der Kälte klemmten die Trittbretter der Züge, von fahrenden Zügen fielen Eisblöcke, die danach Weichen blockierten und an manchen Bahnübergängen funktionierten die Barrieren nicht mehr richtig.

SBB: Neue App warnt Lokführer, wenn er bei Rotlicht anfahren will

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Auch die Elektronik der Züge streikte: «Es kam zu Störungen bei feinen Sensoren des Sicherungssystems. Deshalb durften manche Züge nicht weiterfahren», sagt SBB-Sprecher Reto Schärli. Sogar er zieht ein negatives Fazit: «Heute ist ziemlich viel schiefgegangen. Uns wurmt das auch, wir verstehen den Ärger der Fahrgäste.»

Den von Pendlern geäusserte Vorwurf, dass die SBB jedes Jahr von neuen vom Winter überrascht werden, lässt der SBB-Sprecher trotz allem nicht gelten. «Unser Winterdienst war parat und stand im Einsatz. Die meisten Probleme hatten nichts mit der Kälte zu tun», meint Schärli und verweist auf den Zürcher Hauptbahnhof – dort sei es eine Stellwerkstörung gewesen, die den Fahrplan durcheinanderbrachte.

Anders sieht es der Bahnjournalist Walter von Andrian: «In früherer Wintern waren die SBB zuverlässiger. Sie hatten zwar durchaus Probleme mit der Kälte, konnten diese aber schneller beheben, weil es damals noch an fast jeder Station einen Beamten gab.» Allerdings habe das auch mehr gekostet.

«Müssen mit Störungen leben»

SBB-Sprecher Schärli will jedenfalls keine falschen Hoffnungen machen. «Solange es in der Schweiz noch richtige Winter gibt, müssen wir mit kleineren Störungen leben. Die Häufung war aber aussergewöhnlich.» Die Wettervorhersage verheisst nichts Gutes: Unter null Grad wird es auch in den nächsten Tagen.

Zugschaos nach frostiger Kälte

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