Lehrer
Kritik an der Lehrerbildung

Das Lehrerdiplom garantiere nicht unbedingt Unterrichtstauglichkeit, stellt ein Konrektor einer Basler Schule fest.Auch in Zeiten des Lehrermangels halten Schulen ihre Lehrer nicht um jeden Preis.

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Lehrer Schulzimmer

Lehrer Schulzimmer

Aargauer Zeitung

Karen Schärer

Jeden Sommer kämpfen Schulen darum, ihre offenen Stellen rechtzeitig aufs neue Schuljahr zu besetzen. Prekär ist die Situation zum Beispiel auf Gymnasiumsstufe in den Fächern Mathematik, Informatik, Physik und Chemie. Angesichts der Schwierigkeiten, offene Stellen zu besetzen, könnte man meinen, Gymnasien würden ihre Lehrer dafür mit festen Anstellungen zu halten versuchen. Doch offenbar nicht um jeden Preis: Immer wieder kommt es auch vor, dass Lehrer den Erwartungen der Schule nicht genügen. Nach dem ersten Jahr wird ihr befristeter Vertrag nicht verlängert; sie müssen die Schule verlassen.

«Schwierigkeiten mit Einstieg»

Am Gymnasium Leonhard in Basel zum Beispiel packte ein Mathematiklehrer vor den Sommerferien seine Sachen zum letzten Mal. Ein Mitglied des Lehrerkollegiums schildert, wie Schüler sich über den Lehrer beklagten. Er sei «hölzern und unzugänglich » gewesen, habe den Stoff schlecht vermittelt. Die Schule stellte ihm gleich zwei Mentoren zur Seite: einen für das Fachliche, einen für das Didaktische. Die Unterstützung brachte allerdings nicht die erhoffte Besserung in der Unterrichtsqualität. Die Schule verlängerte den befristeten Vertrag des Mannes nicht. Für die Schule ist dies kein Einzelfall: «Ich stelle fest, dass es in den letzten Jahren vermehrt Leute gibt, die im Anfangsstadium ihrer Berufstätigkeit Schwierigkeiten haben», sagt Oswald Inglin, Konrektor am Gymnasium Leonhard in Basel. Für ihn steht fest: «Das Diplom der pädagogischen Hochschule garantiert nicht unbedingt Unterrichtstauglichkeit. » Inglin befürchtet, dass sich die beobachtete Tendenz mit der neuen Lehrerbildung nach dem Bologna-System nicht verbessern wird, da diese zur Akademisierung neige und weniger praxisorientiert sei.

Neue Studiengänge ab Herbst

«Das Theorie-Praxis-Problem ist seit Jahrzehnten ein Spannungsfeld in der Lehrerbildung», sagt Richard Kohler, der an der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz für die Berufspraktika zuständig ist. Mit neuen Studiengängen reagiert die FHNW auf das bekannte Problem: Ab Herbst soll die Kluft zwischen Theorie und Praxis durch die verstärkte Verarbeitung von Praxiserfahrungen in so genannten Reflexionsseminarien geschmälert werden. Unter Anleitung eines Dozenten reflektieren Studierende einzelne Erlebnisse, die sie während des Praktikums im Schulzimmer hatten. Dies soll praktische Erfahrung und Theorie verknüpfen und den Studierenden ermöglichen, beim nächsten Mal professioneller zu reagieren. Für Konrektor Inglin bedeutet die vermehrte Abkehr vom Kontaktunterricht der Methodiklehrperson mit den Kandidierenden eine qualitative Verschlechterung der praktischen Berufsausbildung. Neu ist ab Herbst auch, dass die Eignungsabklärung wieder fester Bestandteil der Lehrerbildung wird: Nach dem ersten Berufspraktikum gibt ein Mentor eine Einschätzung dazu ab, ob der oder die Studierende für den Lehrerberuf geeignet ist.

Lehrermangel ist da

Für den Dachverband Schweizer Lehrerinnen und Lehrer steht fest: Der Lehrermangel ist bereits da - auch wenn auf den Schulbeginn alle offenen Stellen besetzt werden können. «Es werden bewusst Qualitätseinbussen in Kauf genommen, weil andernfalls Stellen unbesetzt bleiben», stellt der Lehrerverband fest. So sind bis zu einem Viertel der Lehrpersonen auf Sekundarstufe I nicht in Besitz eines Diploms für diese Schulstufe. Angesichts des ausgetrockneten Markts ist man am Gymnasium Leonhard dazu übergegangen, Lehrkräfte direkt zu rekrutieren: Statt Stellen auszuschreiben, versucht Konrektor Inglin Leute, die er von Stellvertretungen her kennt, davon zu überzeugen, ihre fachwissenschaftliche Ausbildung mit dem Lehrerdiplom zu ergänzen.

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