USR-III-Debakel

Krisen-Bewältigung: «Ihn müssten sich die Wirtschaftsführer vermehrt zum Vorbild nehmen»

Der ehemalige Raiffeisen-Chef und aktuelle Leonteq-Verwaltungsratspräsident Pierin Vincenz verzichtet nach dem Gewinneinbruch im Geschäftsjahr 2016 auf einen Teil seiner Vergütungen. (Archiv)

Der ehemalige Raiffeisen-Chef und aktuelle Leonteq-Verwaltungsratspräsident Pierin Vincenz verzichtet nach dem Gewinneinbruch im Geschäftsjahr 2016 auf einen Teil seiner Vergütungen. (Archiv)

Die Schweizer Wirtschaftskapitäne geniessen bei der Stimmbevölkerung nur mehr wenig Kredit. Das zeigt das Abstimmungsergebnis zur Unternehmenssteuerreform vom Sonntag. Ex-Raiffeisen-CEO Pierin Vincenz erklärt, woran das liegt und warum Unternehmer Peter Spuhler ein Vorbild bei der Krisenbewältigung sein kann.

Verschiedene Zeitungen schrieben nach der Niederlage der Unternehmenssteuerreform-Befürworter von einem «Vertrauensverlust», von einer «Ohrfeige» für die wirtschaftlichen Führungsriegen. Ist dieser Vertrauensverlust verantwortlich für die Ablehnung der Reform?

Pierin Vincenz: Grundsätzlich war das natürlich eine komplexe Vorlage mit sehr vielen Aspekten. Es war offenbar schwierig, diese Aspekte verständlich darzulegen und aufzuzeigen, welche Auswirkungen die Vorlage auf den Markt und auf den einzelnen Stimmbürger gehabt hätte.

Also hat die Stimmbevölkerung ihr Vertrauen in die Wirtschaft gar nicht verloren?

Die Wirtschaft hat gewisse Fehler gemacht bei dieser Abstimmung, aber es entstand mehr eine Verunsicherung als ein Vertrauensverlust. Es waren ja diverse Wirtschaftsverbände, wirtschaftliche Vertreter und politische Parteien für die Reform. Die Frage ist jetzt natürlich, welche Lehren man aus dieser Geschichte ziehen muss. Aber noch einmal: Mangelndes Vertrauen in die Prognosen der Bürgerlichen und der Wirtschaftsverbände war neben der Komplexität der Vorlage nur ein Aspekt, der zu diesem Resultat geführt hat.

Was ist denn der Grund für diesen Vertrauensverlust?

Die Präsenz der Wirtschaftsvertreter in der Öffentlichkeit war in letzter Zeit unzureichend. Wirtschaftsvertreter sollten präsenter sein in der öffentlichen Wahrnehmung und sich auch zu allgemeinen gesellschaftlichen Themen äussern. Nur so können sich die Leute mit den Exponenten der Wirtschaft identifizieren.

News und Reaktionen: Verfolgen Sie unseren Live-Blog zur Unternehmenssteuerreform III hier

Also müsste sich die Schweiz ein Vorbild nehmen an Wirtschaftsvertretern wie Elon Musk (Tesla) oder Larry Page (Google/Alphabet), die sehr gerne zu verschiedensten Dingen öffentlich Stellung nehmen?

Es braucht vor allem den Willen, sich Zeit zu nehmen, um sich um politische Belangen zu kümmern. Ein einzelner Auftritt reicht dafür nicht. Man muss sich immer wieder äussern, sich immer wieder zeigen. Nur dadurch erreicht man die nötige Öffentlichkeitswirkung. Das wiederum ist natürlich ein Spannungsfeld, als Wirtschaftsführer zu wirken und sich gleichzeitig regelmässig für die Schweiz einzusetzen.

Gibt es dafür ein Schweizer Vorbild?

Mit Peter Spuhler (Anm.: Eigentümer Stadler Rail) haben wir sicher so jemanden, der sich als Unternehmer öffentlich klar positioniert. Vor 20 Jahren gab es noch viel mehr Beispiele wie Herrn Spuhler. Ihn müssten sich die heutigen Wirtschaftsführer wieder vermehrt zum Vorbild nehmen. Es muss ja nicht gleich ein politisches Mandat damit verbunden sein.

Was ist passiert in den letzten 20 Jahren, dass das heute kaum noch möglich ist?

Die Globalisierung hat da natürlich ihren Anteil dazu beigetragen. Der Fokus liegt heute viel mehr auf globalen Themen und viel weniger auf der Schweiz. Dadurch ist die Belastung gestiegen. Es ist heute aus verschiedenen Gründen um ein Vielfaches schwieriger, sich nebenbei auch noch politisch zu engagieren.

Man müsste also ein Stück weit wegkommen vom globalen Fokus und zurückfinden zur klassischen Rolle des Patrons, der für seine Mitarbeiter einsteht und sich
öffentlich für eine gesunde Schweizer Wirtschaft engagiert.

Man müsste die modernen Konzernstrukturen anpassen, dass ein permanentes Engagement wieder möglich wird, dass Führungskräfte mehr Zeit haben, sich mit kritischen Stimmen auseinanderzusetzen und eine aktive Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben.

Sie haben es selber schon angetönt: Die Unternehmenssteuerreform war eine sehr komplexe Vorlage. Soll die Schweizer Stimmbevölkerung in Zukunft einfach den Kenntnissen der Wirtschaftsexperten vertrauen, genau wie die Höhlenbewohner in Platons Höhlengleichnis blind den Philosophenkönigen glauben müssen?

In der direkten Demokratie gibt es komplexe Fragen, um die man als Stimmbürger nicht herumkommt. Die Vorlagen werden in Zukunft sicher nicht einfacher, die Komplexität bleibt. Ich denke da etwa an die Altersvorsorge. Die Politik und die Wirtschaft sind gefordert, Vorlagen zu schaffen, die nachvollziehbar und erklärbar sind. Es ist auf jeden Fall wichtig, dass die Stimmbürger sich aktiv mit den Vorlagen auseinandersetzen und ein Gefühl für die politischen Themen entwickeln. Die politischen Parteien können sie dabei unterstützen, sie dürfen ihnen das Denken aber nicht abnehmen.

Man kann die Ablehnung der Steuerreform ja auch so betrachten: Die Schweizer Stimmbevölkerung liess sich von jenen Wirtschaftsvertretern nicht erpressen, die damit gedroht hatten, dass grosse Unternehmen bei einem Nein zur Reform aus der Schweiz wegziehen würden. Das ist doch auch ein Ausdruck eines neuen, gesunden Schweizer Selbstverständnisses, nicht?

Hier von Erpressung durch die Wirtschaft zu sprechen finde ich falsch. Schliesslich könnte man der Linken ebenso gut Populismus in dieser Kampagne vorwerfen. Klar ist aber; das Schweizer Volk hatte schon immer ein starkes Selbstverständnis. Ich glaube nicht, dass sich hier etwas Fundamentales verändert hat.

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