Die Jugendkriminalität hat gegenüber dem Jahr 2009 um 40 Prozent abgenommen, wie eine Publikation des Bundesamtes für Statistik zeigt. «Klar, die schauen ja alle nur noch auf ihr Smartphone!», meinen die Kulturpessimisten. Wir sind optimistischer. Stefan Blülle ist Mitglied der Eidgenössischen Kommission für Kinder- und Jugendfragen (EKKJ) und versucht zu erklären.

Sind die Jugendlichen heute einfach zivilisierter als früher?

Stefan Blülle: Zivilisierter ist nicht der richtige Ausdruck, denke ich. Es geht vielmehr darum, dass die kulturellen Strömungen nicht mehr so viel Konfliktpotential bieten wie noch in den 80ern. Die Welten der Jungen und der Alten haben immer mehr Überschneidungen und die Generationen kommen sich näher. Die Jugend ist zufriedener und will Teil haben an der Gesellschaft.

Aber sollte sie nicht radikal und aufrührerisch sein?

Radikalität ist keine Frage des Alters, wie verschiedene Beispiele aus dem heutigen Leben zeigen. Diese Zuschreibung an die Jugend​ basiert auf entsprechenden Phasen in den 70er und den 80er Jahren. Damals stimmte das. Nun glaubt jeder, dass das die Jugend sei. Dass sie vorher aber nur selten diese Attribute erfüllte, ging vergessen. Manche haben die Vorstellung, dass eine aufrührerische Jugend normal sei, dass stimmt aber nicht.

Viele sind der Meinung, dass Smartphones die Jungen zu passiven Zombies machen.

Ich sehe das nicht so. Die Jungen nehmen am öffentlichen Leben teil, sie beschäftigen sich mit den gleichen Themen wie die Erwachsenen: Flüchtlingskrise, Klimawandel und so weiter. ​Der Grenzverlauf ist hier nicht mehr so stark auf Jung und Alt fokussiert, sondern liegt woanders. Es kann natürlich sein, dass in Zukunft Themen in den Fokus rücken, in denen sich die Generationen wieder mehr gegenüberstehen.

Also hat das Smartphone in dieser Hinsicht keinen Einfluss?

Smartphones und Social Media sind mittlerweile allgegenwärtig. Es wäre blauäugig, ihnen jeglichen Einfluss abzusprechen. Sie haben die Begegnungsformen durchaus verändert. Worauf das alles hinausläuft, wird sich zeigen.

Glauben Sie, die vermehrte Kontrolle von Jugendlichen durch die Polizei hat diese eingeschüchtert?

So sehr wurde die Polizeipräsenz nun auch nicht erweitert. Nach meiner Einschätzung ist es nicht zusätzliche Repression, die zum Rückgang der Jugendkriminalität geführt hat.

Was war es dann?

Die Jungen sind einfach zufriedener und haben ihren Platz in der Gesellschaft mehrheitlich gefunden. Es gibt immer noch Einzelfälle, die intensivere Hilfe benötigen, aber allgemein geht es der Schweizer Jugend gut, und so verhält sie sich auch.

Also haben wir heute die beste Jugend, die es je gegeben hat?

Das ist zu überspitzt formuliert. Es ist schwer, solche Veränderungen zu werten. Schlussendlich ist jede Generation ihren Weg gegangen. Diesen für die jetzige vorauszusagen, ist unmöglich.

Aber braver war die Jugend noch nie, oder?

Die Welten der Generationen existieren nicht mehr klar abgetrennt voneinander. Manche teilen den selben Musikgeschmack und die politischen Ansichten, andere nicht. Das hat aber immer weniger mit dem Alter, sondern mit anderen Umständen zu tun. Das heisst nicht nur, dass die Jungen «erwachsener» geworden sind, sondern auch, dass viele Erwachsene sich für Themen interessieren, die vorher für die Jugend reserviert waren.

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