Thurgau
Kriegsspiele von Türken-Schülern – 5 Fragen und Antworten zum Propaganda-Skandal

Der lange Arm von Erdogan reicht bis in die Ostschweiz: Im Rahmen ihres von der türkischen Botschaft organisierten Heimatkunde-Unterrichts mussten sechsjährige Schweiz-türkische Buben einander niederschiessen. Politiker von links bis rechts fordern nun schärfere Kontrollen der Kurse. Das müssen Sie wissen.

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Kinder posieren mit Gewehren.

Kinder posieren mit Gewehren.

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1. Was ist passiert?

Es sind verstörende Szenen. Kleine Schweiz-türkische Buben spielen in einer Mehrzweckhalle in Uttwil TG Krieg. Schüler halten Spielzeug-Gewehre in ihren Armen, spielen Leichen, zugedeckt von türkischen Flaggen. Sie glorifizieren das Osmanische Reich – ganz nach dem Gusto von Türkei-Präsident Recep Erdogan. Das Propaganda-Theater ist im Rahmen des türkischen Unterrichts für heimatliche Sprache und Kultur (HSK) entstanden, wie der Sonntagsblick aufdeckte. Ähnliche Kurse gab es offenbar in Solothurn und im Kanton Aargau.

Treibende Kraft hinter der Darbietung ist laut der Zeitung die türkische Botschaft in Bern, im Publikum sassen Ehrengäste aus Ankara. Für die Heimatkunde arbeitet die Botschaft mit den Kantonen zusammen. Diese stellen etwa Klassenzimmer zur Verfügung, der Besuch wird im regulären Zeugnis vermerkt.

2. Was sind das für Kurse?

In der Schweiz besuchen zehntausende Kinder den Unterricht für heimatliche Sprache und Kultur (HSK). Laut «Blick» bietet alleine der Kanton Zürich Unterricht in 27 Sprachen, darunter Türkisch, Albanisch oder Tamilisch. Die Kurse finden in den Volksschulen statt, diese stellen auch Hefte und Stifte zur Verfügung. Durchgeführt und finanziert werden die Kurse meist von den Botschaften der entsprechenden Länder. Sie bestimmen auch, wer die Kinder unterrichtet.

Da liegt ein Hauptproblem. Denn die Kantone kontrollieren praktisch nicht, was in den HSK-Kursen den Kindern gelehrt wird. «Das liegt in der Verantwortung der Botschaften», sagte etwa ein Vertreter der Berner Erziehungsdirektion. Im Kanton Zürich werden die Unterrichtseinheiten alle drei Jahre überprüft.

3. Das sagen Politiker

Die verstörenden Bilder des Kriegs-Theaters entsetzen Politiker von links bis rechts. Für die türkischstämmige Nationalrätin Sibel Arslan (Grüne/BS) ist das Schauspiel ein «Missbrauch des Vertrauens und der Toleranz», wie sie im Blick sagt. Sie forderte bessere Kontrollen an den HSK-Kursen. «Wir dürfen die heimatlichen Sprachkurse nicht den Botschaften überlassen, sondern die Lehrer selbst ausbilden.»

CVP-Präsident Gerhard Pfister findet drastische Worte: «Das sind Seperationsübungen getarnt als Integration.» Es überrasche ihn aber nicht, da hierzulande sogar der türkische Staat die Integration in die westliche Kultur zu verhindern versuche.

4. Das sagt die Expertin

Für Islam-Expertin Saïda Keller-Masshali ist klar: Das Ziel der Botschaft sei, die Kinder auf Erdogan-Kurs zu bringen. «Mit der Propaganda will Erdogan erreichen, dass Schüler das ‹Türkentum› und den Islam zu ihrer Sache machen», sagt die Präsidentin des «Forums für einen fortschrittlichen Islam» zu 20 Minuten.

Für sie ist es nicht erklärbar, weshalb eine öffentliche Schule es zulässt, dass eine ausländische Botschaft «Zugriff auf ihre Räume und Schüler erhält». Die Schule habe sich vom türkischen Staat instrumentalisieren lassen. Die Kantone müssten der Türkei klarmachen, dass eine politische Instrumentalisierung des Unterrichts nicht akzeptabel sei.

5. Das sagt der Organisator

Die türkische Botschaft wollte sich zum Theater nicht äussern. Nazim Nacalkan koordiniert den HSK-Kurs für die Botschaft. Er räumt ein, dass das militaristische Schauspiel wohl etwas zu weit gegangen sei. Die Kinder hätten aber «nur» ein historisches Ereignis nachgespielt – die Schlacht von Gallipoli 1915, ein blutiges Gefecht im Ersten Weltkrieg mit mehr als 100’000 Toten. (amü)

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