150-Jahr-Jubiläum
Krieg, Bombenhagel, Gefangenschaft: Die bewegte Geschichte der Schweizer Botschaft in Berlin

Jahrelang stand das Gebäude im Niemandsland, Bern wollte es verkaufen. Dann fiel die Mauer, und die Schweiz fand sich plötzlich im Zentrum der Macht wieder. Die bewegte Geschichte der Schweizer Botschaft in Berlin, die vor 150 Jahren eröffnet wurde.

Christoph Reichmuth, Berlin
Merken
Drucken
Teilen
Schweizer Botschaft in Berlin
4 Bilder
Die Schweizer Fahne im Herzen des deutschen Machtzentrums: Die Schweizer Botschaft in Berlin (im Hintergrund: Das Kanzleramt, in dem Angela Merkel residiert).
Christine Schraner Burgener ist seit August 2015 Schweizer Botschafterin in Berlin.
Christine Schraner Burgener ist seit August 2015 Schweizer Botschafterin in Berlin.

Schweizer Botschaft in Berlin

EDA

Wie ein Sinnbild der Heimat, die auch wie ein Wunder, inmitten einer durch Krieg verwüsteten Umgebung, unversehrt dastand.» Das notierte ein Mitarbeiter der Schweizer Gesandtschaft wenige Wochen nach Kriegsende 1945 beim Anblick des Gebäudes der Schweizer Botschaft in seinem Tagebuch. Fast gespenstisch mutete der Anblick einer fast unversehrt dastehenden Villa auf dem Gelände vor dem Reichstag an. Rundherum war alles zerstört, niedergebrannt, lagen sämtliche Gebäude in Schutt und Asche, waren Ruinen stumme Zeugen eines einst blühenden Viertels.

Solch eindrückliche Aussagen von Zeitzeugen hat der ehemalige Schweizer Gesandte in Berlin und Historiker Paul Widmer in jahrelanger akribischer Forschung für sein Buch «Die Schweizer Gesandtschaft in Berlin» zusammengetragen. Der heute 67-jährige St. Galler leitete in der ersten Phase des wiedervereinigten Deutschlands von 1992 bis 1999 die Schweizer Vertretung an der Otto-von-Bismarck-Allee 4 in Berlin. 1867, vor 150 Jahren, hatte der Bundesrat in Bern beschlossen, eine diplomatische Vertretung in der Hauptstadt des damaligen Königreichs Preussen zu eröffnen.

Bundesrat Maurer hält Festrede

150 Jahre Schweizer Botschaft in Berlin – das muss gefeiert werden. Wird es auch, und zwar mit einem festlichen Abend in der Residenz von Botschafterin Christine Schraner Burgener. Erwartet werden mehr als 1000 Gäste aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft, darunter Bundesrat Ueli Maurer, der die Festrede hält, und alt Bundesrat Moritz Leuenberger. Auf der Gästeliste finden sich ferner vier ehemalige Schweizer Botschafter in Berlin. So zum Beispiel Thomas Borer und Tim Guldimann. Prominenz auch unter den Gästen aus dem Kultur- und Showbusiness: Erwartet werden unter anderem die Regisseure Markus Imboden und Markus Imhoof sowie Adolf Muschg, Emil Steinberger und Pepe Lienhard.

«Die verlassenste Ecke Berlins»

Seit Oktober 1919 gehört die altehrwürdige Villa im Herzen Berlins der Eidgenossenschaft. Die Schweiz als kleine Nation, die weder in der EU noch in der Nato ist, ist mit ihrer Botschaft prominenter vertreten als wichtige Staaten wie die USA oder Russland. In unmittelbarer Nachbarschaft zu der 1870 im Auftrag eines renommierten Mediziners erbauten Villa stehen Kanzleramt und Reichstag. Blickt die Kanzlerin aus dem Fenster in ihrem Arbeitszimmer, sieht sie im Osten die im Winde wehende Schweizer Flagge. Die Geschichte des Gebäudes und seiner Bewohner ist bewegt und beeindruckend zugleich. Während des Kalten Krieges war die Villa vorwiegend Generalkonsulat, dann Aussenstelle der Schweizer Botschaft in Bonn. Das Haus an der Otto-von-Bismarck-Allee befand sich im geteilten Berlin im Niemandsland, unmittelbar hinter der Botschaft erstreckte sich im Osten die Mauer.

«Als ich 1992 nach Berlin kam, war die Botschaft in der verlassensten Ecke der gesamten Stadt», erinnert sich Widmer. «Im Umkreis von mindestens einem Kilometer war kein einziges Haus bewohnt.» Noch während des Kalten Krieges versuchte die Eidgenossenschaft, ihr unattraktiv gelegenes Gebäude zu verkaufen, doch nicht einmal der Berliner Senat signalisierte Interesse. «Der Fall der Mauer holte die Liegenschaft dann aber aus ihrem Dornröschenschlaf», erzählt Widmer. Die Hauptstadt des wiedervereinigten Deutschlands sollte Berlin werden, das Regierungsviertel mit Kanzleramt und Bundestag sollte im Spreebogen hochgezogen werden. Und plötzlich interessierte sich Deutschland doch wieder für den Sitz der Eidgenossenschaft. Doch Bern konnte den Avancen widerstehen.

Vom Bombenhagel verschont

Schon einmal drohte die Schweiz ihren heutigen Standort beim Reichstag zu verlieren. Die Liegenschaft war den Plänen Adolf Hitlers und seines Architekten Albert Speer für die Hauptstadt Germania im Wege. Hitler beauftragte Speer, auf dem Gelände mit der «grossen Halle» für 150 000 Menschen das grösste Gebäude der Welt als gigantisches Symbol für das Tausendjährige Reich zu errichten. Speer wollte die Schweizer Delegation in ein Gebäude im Tiergarten unterbringen, ein entsprechendes Haus wurde tatsächlich errichtet, 1943 im Bombenhagel allerdings zerstört.

Ein Teil der Schweizer Delegation hielt bis Kriegsende mit einigen Dutzend Mitarbeitern in der Botschaft aus. Das Gebäude wurde in den Kriegswirren zunehmend Zufluchtsort für Menschen, die vor den Bombenangriffen Schutz im Keller der Botschaft suchten. Wie durch ein Wunder wurde das Gebäude mit der Schweizer Flagge als einziges kaum beschädigt. Historiker Widmer hält die These, dass die Alliierten die Schweiz absichtlich verschonten, für nicht plausibel. «Die Schweizer Gesandtschaft hatte zweifelsohne ausserordentliches Glück», schreibt er in seinem Buch. Während der Schlacht um Berlin und zur Vorbereitung des Sturms auf den Reichstag nahm die Rote Armee die Schweizer Botschaft als Hauptquartier in Beschlag. Die verbliebenen Botschaftsmitarbeiter gerieten während einiger Zeit in sowjetische Gefangenschaft.

Die bewegte Geschichte des Hauses macht sich für seine Bewohner bis heute bemerkbar. «Das Gebäude hat eine enorme Ausstrahlungskraft, der man sich kaum entziehen kann», sagt alt Botschafter Widmer. Für Tim Guldimann, von 2010 bis Sommer 2015 Schweizer Botschafter in Berlin, ist das Gebäude im «Zentrum des Berliner Machtapparats mit all den Brüchen der deutschen Geschichte» ein Symbol für «schweizerische Kontinuität».

Von Bismarck bis Merkel – dazwischen die deutschen Katastrophen und zweimal Fussball

- Am 17. April 1867 beschloss der Bundesrat, provisorisch eine schweizerische diplomatische Vertretung in Berlin zu schaffen. Berlin war damals die Hauptstadt des Königreichs Preussen und gleichzeitig des ebenfalls 1867 geschaffenen Norddeutschen Bundes. Das Deutsche Reich wurde erst 1871 von Otto von Bismarck gegründet.

- Die Schweizer Botschaft in Berlin bestand bis 1945. Der Botschafter zur Zeit der Herrschaft der Nationalsozialisten, Hans Frölicher, gilt heute als umstritten. Frölicher kam 1938 nach Berlin und unterhielt enge Kontakte zu führenden Nazigrössen. Zudem verweigerte er dem zum Tode verurteilten Schweizer Hitler-Attentäter Maurice Bavaud jeglichen konsularischen Beistand. Frölicher wurde am 8. Mai 1945, genau am Tag der deutschen Kapitulation, vom Bundesrat abberufen.

- 1949 eröffnete die Schweiz im westdeutschen Bonn eine Botschaft. Diese hatte bis 1999 Bestand, zwischen 1957 und 1977 war sie in Köln. Erst 1973 richtete die Schweiz in der DDR eine Botschaft in Ostberlin ein. Seit 1999 ist die Schweizer Botschaft für das wiedervereinigte Deutschland wieder an ihrem heutigen Standort in Berlin.

- Besonders nach den «deutschen Katastrophen» im 20. Jahrhundert verschaffte sich die Schweizer Diplomatie in Deutschland grosse Sympathien. Allerdings waren es eher die Sportfunktionäre, denn der Kriegsverlierer Deutschland sollte nach 1945, aber auch nach 1918, auch diplomatisch geächtet werden. Beide Male war es die Schweiz, die den Kontakt wieder aufnahm und den Deutschen ein Fussballländerspiel anbot. Am 27. Juni 1920 schlug die Schweiz die Deutsche Republik auf dem Zürcher Utogrund vor 8000 Zuschauern mit 4:1. Die Deutschen begingen nur zwei Fouls während der ganzen Partie. Das deutsche Aussenministerium kam für die Spesen auf und zahlte 14 000 Reichsmark. Dafür hatten die Schweizer alle Mühe, im Verband eine Spaltung zwischen der Romandie und der Deutschschweiz zu verhindern. Nach stundenlangen Diskussionen konnte das abgewendet werden.

- Am 22. November 1950 im völlig überfüllten Stuttgarter Neckar-Stadion (vormals «Adolf-Hitler-Kampfbahn») war die Schweiz wieder «erster Gegner». Welsche und Deutschschweizer traten vereint und als Favorit an. Aber die Deutschen siegten im Morast mit 1:0. Den Siegeselfmeter schoss der Vater des späteren Nationaltorhüters Dieter Burdenski. (dlw(/chb)