Unbekannte Schweiz
Kreuzlingen: Eine Stadt sucht ihr Zentrum

Sie ist noch da. Die Grenze, die von 22 acht Meter hohe Skulpturen des Künstlers Johannes Dörflinger markiert ist. Die Grenze zwischen Kreuzlingen und Konstanz, dem Thurgau und Baden Württemberg, der Schweiz und Deutschland.

Doris Kleck
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Die einzige «Kunstgrenze» der Welt: Bis 2006 trennte hier, auf «Klein Venedig», ein Zaun die Städte Kreuzlingen und Konstanz. Heute erinnert nur noch eine Videokamera an der Grenzverlauf.
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Ein Boulevard à la Kreuzlingen, im Hintergrund das Hochhaus «Freiegg» – bis in die 80er-Jahre ein beliebtes Kreuzlinger Postkartensujet.
Andreas Netzle, Stadtammann, vor dem Stadthaus von Kreuzlingen
Die Landesgrenze zwischen der Schweiz und Deutschland
Einkaufssäcke mit Schweizerkreuz werben für den Einkauf in der Schweiz,
Leopold Huber, Co-Leiter des Kreuzlinger See-Burgtheaters, mag Grenzgeschichten. Der Burgpark am Bodensee ist Kreuzlingens schönster Fleck.
Kreuzlingen will mehr sein als ein Vorort von Konstanz

Die einzige «Kunstgrenze» der Welt: Bis 2006 trennte hier, auf «Klein Venedig», ein Zaun die Städte Kreuzlingen und Konstanz. Heute erinnert nur noch eine Videokamera an der Grenzverlauf.

Alex Spichale

1938 wurde an der Stelle der künstlichen Grenze ein Zaun errichtet. Zuerst war es der «Judenzaun», später der «Asylantenzaun» – seit 2006 ist der Zaun weg.

Gäbe es die Grenze nicht, Kreuzlingen wäre ein Stadtteil von Konstanz. Und hätten sich die Thurgauer an den Mediationsverhandlungen unter Napoleon Bonaparte in Paris nicht von einem Aargauer Abgesandten vertreten lassen, dann wäre Konstanz heute die Hauptstadt des Thurgaus.

Gäbe, hätte, wäre. Tatsache ist: Kreuzlingen ist mit 20000 Einwohnern die zweitgrösste Stadt des Kantons Thurgau. Doch über Kreuzlingen nachzudenken, ohne über Konstanz zu reden, ist unmöglich. Denn Konstanz hat, was Kreuzlingen nicht hat: einen historischen Kern – und Charme. Das Münster prägt die Skyline von Konstanz. Das Hochhaus «Freiegg» diejenige von Kreuzlingen. Aus dem 20. Stock der «Freiegg» mag die Aussicht wunderbar sein. Doch von unten ist das höchste Gebäude ein architektonisches Missverständnis.

«Grenze gibt viele Geschichten her»

Dabei hat Konstanz seine Altstadt Kreuzlingen zu verdanken. 1944 standen die Franzosen vor Konstanz. Den Kreuzlingern wurde klar: Wird Konstanz zerstört, dann trifft es auch sie. Durch ein Loch im Zaun ermöglichten Kreuzlinger der 140-köpfigen SA-Einheit die Flucht. Und die Franzosen nahmen Konstanz kampflos ein. Leopold Huber, Co-Leiter des Kreuzlinger See-Burgtheaters, erzählt diese Geschichte, wie er viele andere auch erzählt. Mit leiser Stimme, aber deutlich. Mit viel Humor und einem Vokabular, das seine österreichische Herkunft verrät. Huber sagt: «Die Grenze gibt viele Geschichten her.»

Zäune und Bunker sind für einen Künstler wie Leopold Huber Quellen der Inspiration. «Kalter Krieg und heisse Würstli» hiess ein Stück über den Schweizer Wehrwillen, inszeniert an einem der 42 Bunker, die Kreuzlingen umgeben. Der verstorbene Thurgauer Nationalrat Ernst Mühlemann belauschte die Proben, um der Thurgauer Regierung zu rapportieren. Und ein gewisser Brigadier Roland Nef liess bei einem Besuch das Schauspielensemble wissen, dass es unter Beobachtung der Armee stehe. Das war 2004. Nun sitzt Leopold Huber in schwarzer Künstlertracht im Garten des Schlosses Seeburg, inmitten des Seeburgparks am Bodensee. Und er sinniert: «Die Grenze macht einem bewusst, was man ist.»

Doch die Grenze fordert auch heraus. Der Wechselkurs definiert das Verhältnis zwischen den beiden Städten. Er bestimmt Stimmungen und Wahrnehmungen.

Einkaufen ennet der Grenze

Rote Papiertüten mit der Aufschrift. «Ja zur Schweiz – hier kaufe ich ein», sind in den Schaufenstern an der Kreuzlinger Hauptstrasse omnipräsent. Die Detaillisten leiden unter dem starken Franken, doch Stadtammann Andreas Netzle zeichnet ein differenziertes Bild. «Für die Detaillisten ist es bitter zu sehen, wie die Autos den Boulevard entlang Richtung Konstanz fahren», sagt Netzle. «Doch, für die Einwohner ist der aktuelle Wechselkurs ein Standortvorteil. Sie profitieren von der Nähe zu Konstanz, vom grossen Angebot und den tiefen Preisen.» Und die Vorzeichen waren auch schon umgekehrt. Huber erinnert sich an Zeiten, in denen samstags in der Migros wegen der Deutschen kein Durchkommen war. Netzle sagt, dass Kreuzlingen einst ein Bally-Geschäft hatte: «Kreuzlingen hat sich gut entwickelt, weil die Deutschen hier eingekauft haben.»

Tempi passati. Auf dem Kreuzlinger Boulevard dominiert die Tristesse. Die Kreuzlinger weihten ihren Boulevard im letzten Jahr ein – just zur Zeit des Euro-Einbruchs. Boulevard heisst: Die Hauptstrasse wurde eben gemacht, die Cafés können weiter hinaus stuhlen, Fussgänger haben Vortritt, die Autos fahren nur noch 20 km/h, Bäume wurden gepflanzt, neue Bänke und Kübel sollen eine bessere Atmosphäre schaffen.

Aus drei Dörfern entstanden

Der Kreuzlinger Boulevard erfüllt noch einen anderen Zweck: Die Stadt sucht nämlich ein Zentrum. Denn Kreuzlingen ist in den 20er-Jahren aus drei Dörfern entstanden, es fehlt ein historischer Kern. «Mit dem neuen Zentrum wollen wir Identität schaffen», sagt Netzle. In Konstanz nimmt man solche Töne mit Argwohn war. Der abtretende Oberbürgermeister Horst Frank sagte kürzlich in einem Interview: «In der Politik ist es so, dass es Kreuzlingen darum geht, seine eigene Identität durch Abgrenzung zu zeigen.» Im Verhältnis der beiden Städte stecken Emotionen. Netzle will jedoch nichts von Abgrenzung wissen: «Richtig ist, wir wollen unsere Identität pflegen.» Und: «Wir sind eine eigene Stadt und nicht nur Vorort von Konstanz.» Netzle beschreibt das Verhältnis der Zwillingsstädte pragmatisch. Wo es Sinn macht, arbeiten sie zusammen. Wie beim Agglomerationsverkehr. Aber Netzle sagt auch: «Wir müssen unsere Freundschaft nicht täglich zelebrieren.»

Im Alltag kümmert diese Diskussion weder den Kreuzlinger noch den Konstanzer. Die Grenzen verwischen. Jeder vierte Einwohner Kreuzlingens ist ein Deutscher. Denn: Die Bodenpreise und die Steuern sind tiefer als ennet der Grenze. In Kreuzlingen hat das Zusammenleben mit Ausländern Tradition. Sie sind gar in der Mehrheit: 51 Prozent der Bevölkerung haben keinen Schweizer Pass. «Kreuzlingen ist sehr aufnahmefähig», sagt Netzle. Der hohe Ausländeranteil bereite keine Sorge. Doch die Stadt ist in der Integrationsarbeit auch sehr aktiv. Die Kreuzlinger sind eben aufgeschlossen, sagt Theatermacher Huber: «Die Grenze schliesst auf.»