Betreuungsdienst
Krankes Kind, fremde Betreuerin: Vielen Deutschschweizern gefällt die Vorstellung nicht

Fiebriges Kind daheim, das Büro ruft: Das sind die besten Zutaten für gestresste Eltern. Abhilfe schafft die «Kinderbetreuung zu Hause» des Roten Kreuzes.

Jonas Schmid
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Spontaner Einsatz im Krankheitsfall: Im Jahr 2015 leistete das SRK in fast 4000 Familien rund 110000 Einsatzstunden.Remo Nägeli

Spontaner Einsatz im Krankheitsfall: Im Jahr 2015 leistete das SRK in fast 4000 Familien rund 110000 Einsatzstunden.Remo Nägeli

REMO NAEGELI

Es ist ein Gefühl der Ohnmacht. Welche Eltern kennen es nicht? Das eigene Kind steckt mit Fieber im Bett und ausgerechnet heute steht ein wichtiger Geschäftstermin an. Der Partner ist unabkömmlich, die Kinderkrippe überfüllt, das Grosi in den Ferien. Was nun?

Eine unkomplizierte Lösung auf die Schnelle bietet die «Kinderbetreuung zu Hause» vom Schweizerischen Roten Kreuz (SRK). Ein Anruf auf die Hotline genügt und innert Stunden kommt eine SRK-Mitarbeiterin an den Wohnort der Familie und kümmert sich um das angeschlagene Kind – und das zu einem bezahlbaren Preis: Die Tarife sind sozial abgestuft und bewegen sich je nach Einkommen zwischen 5 und 40 Franken pro Stunde. Damit werden die Kosten nicht gedeckt, das Rote Kreuz ist auf zusätzliche Spendengelder angewiesen.

«Unsere Kinderbetreuung springt ein, wenn Kinder krank sind oder Eltern eine schwierige Zeit durchmachen», sagt Sabine Blatty vom SRK. Nicht alle Kantone haben ein entsprechendes Angebot. Auch variieren die Dienstleistungen von Kanton zu Kanton.

Mentalitäts-Röstigraben

Vor dreissig Jahren wurde der Dienst in der Romandie als Selbsthilfeprojekt einiger Mütter gegründet und danach auf der nationalen Ebene weiterentwickelt. Im Jahr 2015 leistete das SRK in fast 4000 Familien rund 110 000 Einsatzstunden. Ein Grossteil davon wird nach wie vor in der Westschweiz vollbracht. Grund dafür ist ein Mentalitätsunterschied: «Westschweizer Eltern haben tendenziell weniger Berührungsängste, ihre kranken Kinder in fremde Obhut zu geben», sagt Blatty. Für Deutschschweizer sei diese Hemmschwelle hingegen höher. «Aber nur beim ersten Mal», sagt Christa Moeri Gaechter, die in Solothurn für das Angebot zuständig ist. «Danach ist das Eis gebrochen.»

Eigentlich seien es die Eltern, denen die Vorstellung, ihr krankes Kind einer fremden Betreuerin anzuvertrauen, Mühe macht. «Die Kinder können sich aber sehr gut auf diese Situation einstellen, sofern die Eltern die Kinder altersgerecht informieren.» Wichtig sei, dass die Betreuung am Wohnort der Familie stattfindet und das Kind in seiner vertrauten Umgebung bleiben könne.

15 Betreuerinnen sind im Kanton Solothurn auf Stundenlohn-Basis und Abruf angestellt. Sie werden vom SRK fünf Tage lang ausgebildet und besuchen jährliche Weiterbildungskurse. «Die meisten sind um die fünfzig Jahre alt. Sie haben die aktive Familienphase hinter sich und bringen viel Lebenserfahrung mit», sagt Moeri Gächter. Sie wollten etwas Sinnvolles machen und dort anpacken, wo Not ist.

Betreuungs-Abo für Firmen

Arbeitgeber haben die Möglichkeit, beim SRK ein Abonnement für ihr Personal zu lösen. Sie kaufen eine bestimmte Anzahl Stunden, um Notsituationen ihrer Mitarbeiter zu überbrücken. Die Rechnung geht direkt an die Firmen. Anders als für Familien setzt das SRK die Tarife für Arbeitgeber kostendeckend an. Vor allem grössere Firmen wie Skyguide, Nestlé, Billag, Johnson & Johnson und die Migros machen vom Betreuungsdienst Gebrauch. I

Auch in der Deutschschweiz zeigen Firmen steigendes Interesse an der Dienstleistung – rennen dem SRK aber noch nicht die Türen ein: «Firmen fragen uns an und suchen nach Lösungen», sagt Blatty. So stark wie in der Westschweiz sei man aber im deutschsprachigen Landesteil noch nicht verankert.

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