Senioren-Malus

Krankenkassenprämien: Das Tessin bezahlt wegen der vielen Senioren mehr – ein Nationalrat will das nun ändern

Viele Deutschschweizer leben im Tessin. Das sorgt mitunter für Unmut.

Viele Deutschschweizer leben im Tessin. Das sorgt mitunter für Unmut.

In Kantonen, in denen viele ältere Menschen leben, sind die Prämien höher. Der Tessiner Nationalrat Bruno Storni will das Problem nun angehen.

Wenn im Herbst jeweils die Krankenkassenprämien bekannt gegeben werden, ist der Aufschrei gross, weil fast immer eine Erhöhung resultiert. Im September sprach der Tessiner Gesundheitsdirektor Raffaele De Rosa angesichts eines 2,5-prozentigen Anstiegs für 2021 gar von einer «Ohrfeige» und machte Bundesrat Alain Berset persönlich dafür verantwortlich. Tatsächlich rangiert das Tessin unter den Kantonen mit den höchsten Krankenkassenprämien. Die mittlere Prämie für einen Erwachsenen liegt in diesem Jahr bei 421 Franken. Nur Genf, Basel-Stadt und Neuenburg kennen höhere Ansätze. Zum Vergleich: Im Kanton Aargau liegt die Durchschnittsprämie bei 345.80 Franken.

Der Tessiner SP-Nationalrat Bruno Storni ist überzeugt, dass die demografische Zusammensetzung eines Kantons eine entscheidende Rolle für die unterschiedlichen Prämienhöhen spielt. Der Grund: Je älter die Bevölkerung, desto mehr Gesundheitskosten. Überalterte Kantone wie das Tessin oder der Jura hätten überdurchschnittlich hohe Prämien.

Eine doppelte Ungerechtigkeit?

Storni schlägt daher in einem kürzlich eingereichten Postulat vor, dass der Bundesrat einen Mechanismus für einen Risikoausgleich erarbeiten soll, um die Unterschiede abzufedern. Im Tessin beispielsweise betrage der Anteil der über 65-Jährigen 23 Prozent, während das landesweite Mittel bei 18,5 Prozent liege. «Die Einwohner von peripher gelegenen Kantonen, die wirtschaftlich schon benachteiligt sind, müssen also auch noch die höheren Krankenkassenprämien bezahlen», sagt Storni. Kantone wie Zürich seien nicht nur wirtschaftlich stärker und böten höhere Löhne, sondern könnten auch noch mit geringeren Prämien punkten. Aus seiner Sicht eine doppelte Ungerechtigkeit.

Was ist von einem solchen Ausgleichsfonds gemäss den Alterspyramiden der Kantone zu halten? Bei der Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren (GDK) will man sich nicht offiziell zum Postulat äussern. Allerdings hält die GDK auf Anfrage fest, dass es schon einen gewissen Risikoausgleich gebe und dieser in den letzten Jahren stark verfeinert worden sei. Dabei erfolgt die Berechnung des Risikoausgleichs aber immer kantonal zwischen den Krankenkassen und nicht zwischen den Kantonen. Indikatoren wie «Alter», «Geschlecht», «Aufenthalt in einem Spital oder Pflegeheim im Vorjahr» werden berücksichtigt, seit 2020 auch sogenannte pharmazeutische Kostengruppen in Folge von Krankheiten wie beispielsweise Diabetes, Asthma oder multiple Sklerose, die öfter bei älteren Menschen auftauchen.

Viele Deutschschweizer Senioren im Tessin

Nationalrat Storni will den Altersausgleich auf verschiedene Kantone ausweiten. Sein Postulat haben viele SP-Fraktionsmitglieder, aber auch einige bürgerlichen Politiker von FDP und CVP unterzeichnet. Auf offizielle Unterstützung aus seinem Heimatkanton kann Storni kaum hoffen. Bereits vor zwei Jahren hatte die Kantonsregierung der Forderung nach einem «interkantonalen Risikoausgleich» in Bezug auf alte Menschen eine Absage erteilt. FDP-Grossrat Fabio Schnellmann hatte in einer Anfrage darauf hingewiesen, dass die überdurchschnittlich hohen Prämien im Tessin auch mit einem hohen Anteil an Deutschschweizer Senioren, die im ­Tessin ihren Lebensabend verbringen, zusammenhängen könnten. Daher sei ein Lastenausgleich aus ihren Herkunftskantonen geboten.

Die Kantonsregierung teilte dieses Ansinnen nicht, weil der Anteil der Deutschschweizer Senioren in Bezug auf die Gesundheitskosten keine relevante Grösse erreiche. Im Weiteren wurde darauf hingewiesen, dass bei der Festlegung der Zahlungen im Rahmen des seit 2008 gültigen Nationalen Finanzausgleichs den unterschiedlichen Altersstrukturen der Kantone bereits Rechnung werde. Zudem profitiere ein Kanton wie das Tessin etwa bei den Vermögenssteuern auch vom Zuzug von Deutschschweizern.

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