Ende September ist es wieder so weit. Bundesrat Alain Berset verkündet die Krankenkassenprämien für das nächste Jahr. Die aktuellen Zahlen des Bundesamts für Gesundheit (BAG) versprechen viel: Die Kosten pro Versicherten sind in den ersten sechs Monaten dieses Jahres um 2,9 Prozent gesunken.

Vor allem die Spitäler verzeichnen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 7 bis 9 Prozent tiefere Kosten. Allerdings warnen die Krankenversicherer davor, aus dem Kostenmonitoring des BAG Rückschlüsse für die Prämien des kommenden Jahres zu ziehen. «Es fehlen die Rechnungen von vielen grossen Spitälern», sagt Verena Nold, Direktorin des Krankenkassenverbands Santésuisse. Schuld am Rückstau sei die Änderung des Ärztetarifs Tarmed, deren Auswirkungen sich noch nicht abschätzen liessen. «Die Rechnungen werden kommen. Wir wissen aber noch nicht, wie hoch sie ausfallen werden.»

Allerdings haben auch Ärzte und Heime im laufenden Jahr weniger Kosten in Rechnung gestellt. Verschiedene Krankenkasse gehen von einer durchschnittlichen Prämienerhöhung zwischen drei und vier Prozent aus für das nächste Jahr. Laut Gesetz müssen sich die Prämienerhöhungen an der Kostenentwicklung orientieren.

Doch der Anstieg der Gesundheitsausgaben zu prognostizieren, ist äusserst anspruchsvoll. Veranschaulicht wird dies durch Zahlen des letzten Jahres. So kündigte der Bundesrat für 2017 an, dass die Prämien um 4,5 Prozent steigen sollen. Laut Santésuisse lag das effektive Prämienwachstum bei 3,2 Prozent. Die Gesundheitskosten stiegen dagegen aber lediglich um 1,7 Prozent. Laut Berechnungen dieser Zeitung haben die Krankenversicherer somit über 800 Millionen Franken zu viel eingenommen.

14 Millionen für Versicherte

Damit stellt sich die Frage: Was passiert mit diesem Überschuss? Klar ist, dass das Geld nicht einfach in die Taschen der Versicherer abfliessen kann. Es gehört den Versicherten und geht in die Reserven der Krankenkassen. Laut Helga Portmann, Leiterin Versicherungsaufsicht des BAG, bestand 2017 ein grosser Nachholbedarf: «Weil die Prämien im Vorjahr eher zu tief waren, mussten sie stärker erhöht werden, und einige Krankenversicherer mussten ihre Reserven wieder aufbauen.» Das bestätigen grosse Kassen wie Groupe Mutuel.

Seit 2016 sieht das Gesetz aber auch einen Ausgleich vor. Diese Woche machte die Krankenkasse Sympany mit einer Medienmitteilung darauf aufmerksam, dass sie bereits zum dritten Mal entstandene Überschüsse an ihre Versicherten zurückzahlt. Da dies pro Kanton berechnet wird, erhalten beispielsweise die Kunden der Vivao-Grundversicherung abhängig vom Wohnkanton einen unterschiedlichen Betrag. Versicherte aus den beiden Basel etwa erhalten 190 Franken pro Person, im Aargau sind es 170 Franken.

Insgesamt erhalten die Kunden in der Grundversicherung in diesem Jahr 14,3 Millionen Franken zurück. Sympany-Chef Michael Willer zeigt sich überrascht, dass Sympany die einzige grosse Krankenversicherung ist, die Überschüsse zurückzahlt. «Wir gehen mit den Prämiengeldern unserer Kunden treuhänderisch um», sagte er. Deshalb stehe ausser Frage, dass den Versicherten allfällige Überschüsse zurückbezahlt würden. Keine Freude an dieser Darstellung hat die Konkurrenz.

Die Branche schnödet über Sympany, es handle sich um einen billigen PR-Trick. Unabhängig davon sagt Helga Portmann vom BAG: «Da es sich bei den Prämien um schwierige Schätzungen handelt, kann es vorkommen, dass man im Nachhinein feststellt, dass sie nicht ganz den Kosten entsprachen. Die Rückerstattung der Prämie sollte aber die Ausnahme bleiben. Versicherer sollten Geld nicht auf Vorrat verlangen.»

Die Krux mit den Reserven

Entgegen der eigenen Darstellung ist Sympany jedoch nicht die einzige grosse Krankenversicherung, die Geld an ihre Kunden zurückführt. Die Concordia zahlt ebenfalls Geld an ihre Versicherten zurück. Im kommenden Jahr würden 55 Millionen Franken ausbezahlt, sagt eine Sprecherin. In diesem Jahr seien es 27 Millionen Franken gewesen. Allerdings geschehe dies nicht über den Ausgleich zu hoher Prämieneinnahmen, wie dies bei Sympany der Fall ist. Concordia zahle das Geld zulasten der Reserven an die Grundversicherten. Auch diesen Weg hält das Gesetz den Krankenkassen offen. Im Gegensatz zu Sympany erhalten alle Concordia-Kunden gleich viel Geld, egal, in welchem Kanton sie wohnhaft sind. Eine vierköpfige Familie erhält so 288 Franken zurück; eine Einzelperson 120 Franken, sofern sie älter als 25 ist.

Und was ist mit den Prämien? Wenn die Reserven gut gefüllt sind, könnten ja auch die Prämien etwas weniger stark steigen? Diesen Weg würden sich einzelne Versicherer zwar wünschen. Helga Portmann verweist aber auf die Berechnung der Prämien, die sich an den Kosten orientieren muss. Das BAG habe nur einen kleinen Spielraum, um Prämien zu gewähren. «Wenn ein Krankenversicherer üppige Reserven hat, kann er ein etwas grösseres Risiko eingehen.» Das heisst, die Prämien etwas tiefer ansetzen. Entscheidend ist aber die Entwicklung der Kosten. Und da scheinen die Krankenversicherer etwas optimistischer zu sein als auch schon.