Kontroverse

Konzern-Initiative: Ein Holocaust-Vergleich führt zu einem deftigen Streit zwischen Kirche und Christinnen

Im Clinch: Ständerätin und CVP-Fraktionschefin Andrea Gmür und ihr Schwager Bischof Felix Gmür.

Im Clinch: Ständerätin und CVP-Fraktionschefin Andrea Gmür und ihr Schwager Bischof Felix Gmür.

Die Schweizer Bischöfe kritisieren ihr eigenes Medienportal kath.ch als zu aggressiv. Es steht im Zentrum einer beinhart geführten Auseinandersetzung um die Konzernverantwortungsinitiative.

In seiner Kolumne «Rauchzeichen» griff Raphael Rauch zur äussersten Moralkeule, die es gibt: zum Holocaust. «Hätte es damals ein Gesetz zur Konzernverantwortung gegeben, wäre es den Schweizer Banken deutlich schwerer gefallen, Hitlers mörderische Maschinerie zu finanzieren», schrieb der Redaktionsleiter des Portals kath.ch.

Auch Daniel Kosch lud die Debatte moralisch auf. «Wer die Initiative allein im Licht wirtschaftlicher Interessen oder zu erwartender Nachteile für die Schweiz beurteilt», schrieb der Generalsekretär der Römisch-katholischen Zentralkonferenz (RKZ) auf kath.ch, «kann meines Erachtens nicht für sich beanspruchen, eine christlich verantwortete Position zu vertreten.»

Zwischen der Kirche und den Gegnern der Konzerninitiative (KVI) ist ein beinharter Konflikt im Gang. Zentrum dafür ist kath.ch und sein Redaktionsleiter Raphael Rauch. Das katholische Portal wird im Auftrag der Bischofskonferenz (SBK) und der Römisch-katholischen Zentralkonferenz (RKZ) betrieben.

«Kirchen-Bashing» und «Hexenverbrennungen»

So richtig los ging die Auseinandersetzung, als 35 christliche Frauen in einem offenen Brief das Engagement der Kirchen für die KVI und damit «die Triage in ‹gute› und ‹weniger gute›» Christinnen kritisierten.

Viele der Frauen sind prominente bürgerliche Politikerinnen wie FDP-Präsidentin Petra Gössi. In den Fokus von kath.ch geriet aber vor allem CVP-Fraktionschefin Andrea Gmür. Sie hatte die Initiative für den Brief ergriffen. Dass sie die Schwägerin von Bischof Felix Gmür ist, prominentester kirchlicher KVI-Befürworter, machte die Sache noch delikater.

Bischof Gmür sprach auf kath.ch von «Kirchen-Bashing». CVP-Fraktionschefin Gmür konterte auf dem gleichen Portal. Frauen, die nicht für die KVI seien, würden öffentlich angeprangert, sagte sie. «Was momentan abläuft, erinnert an Hexenverbrennungen.»

«Kath.ch wurde zum Kampagnenportal»

Damit war die Eskalation in Gang geraten. Andrea Gmür wurde auf kath.ch zum Dauerthema. Sie argumentiere «rassistisch», sagte die Afrika-Expertin Lorena Rizzo. Und der Islamwissenschafter Reinhard Schulze warf Gmür vor, sie argumentiere «wie ein Kolonialherr» im 19. Jahrhundert.

«Der Holocaust hatte viele Unterstützerinnen und Unterstützer in der Schweiz»: Raphael Rauch, Redaktionsleiter von kath.ch.

«Der Holocaust hatte viele Unterstützerinnen und Unterstützer in der Schweiz»: Raphael Rauch, Redaktionsleiter von kath.ch.

«Kath.ch ist zum KVI-Kampagnenportal geworden und langsam hat man das Gefühl, die Kirche sei die KVI-Partei», sagt CVP-Nationalrätin Marianne Binder. Eingefahren ist ihr der Holocaust-Vergleich: «Er geht definitiv zu weit. Er besagt, wer gegen diese Initiative sei, habe eine Denke, die Nationalsozialisten zudient.» Das will Binder nicht stehen lassen: «Ich erwarte von den Bischöfen eine Kritik am Verfasser und eine öffentliche Distanzierung von solchen Verunglimpfungen auf ihrem Portal.»

«Tiefpunkt einer gehässigen Kampagne»

Auch CVP-Fraktionschefin Gmür bezeichnet den Vergleich als «jenseits von Gut und Böse». Er sei der «Tiefpunkt einer gehässigen Kampagne», sagt sie. «Das macht mich sprachlos.» Gmür findet, die Kirche als «moralische Instanz müsste klarstellen, dass eine Kampagne, wie sie zurzeit läuft, nicht akzeptabel» sei.

«Das macht mich sprachlos»: CVP-Fraktionschefin Andrea Gmür.

«Das macht mich sprachlos»: CVP-Fraktionschefin Andrea Gmür.

Recherchen zeigen, dass die Bischofskonferenz tatsächlich reagiert hat. Mit einer schriftlichen Kritik, unterschrieben von Präsident Gmür. Das bestätigt Sprecherin Encarnación Berger-Lobato. «Die SBK hat eine gewisse Aggressivität in der Arbeit von Raphael Rauch festgestellt. Sie hat sich deshalb in Gesprächen an die RKZ und schriftlich an den Vorstand des Vereins Katholisches Medienzentrum Zürich gewandt.»

Redaktionsleiter Rauch ist gebürtiger Deutscher. Er studierte Geschichte und Theologie und promovierte mit den Holocaust-Erinnerungen in deutschen TV-Serien. Er war tätig bei ARD, ZDF und SRF («Rundschau») – und fiel überall durch Forschheit auf.

Steht eine Kündigung im Raum? Martig: «Kein Kommentar»

Rauchs Chef Charles Martig, Direktor des katholischen Medienzentrums, findet die Zuspitzung bei Ständerätin Gmür und Bischof Gmür «problematisch». «Wir sind im Medienzentrum daran zu klären, was da genau abgelaufen ist», sagt er. «Massnahmen haben wir noch keine ergriffen. Da es um arbeitsrechtliche Fragen geht, kann ich nichts mehr sagen.» Steht eine Kündigung im Raum? Martig: «Kein Kommentar.»

Rauch selbst nimmt kein Blatt vor den Mund. Etwa beim umstrittenen Holocaust-Vergleich. «Der Holocaust hatte viele Unterstützerinnen und Unterstützer in der Schweiz», hält er fest. Hitlers System habe nur funktioniert, weil er auf ausländisches Kapital zurückgreifen konnte. «Die Schweiz trägt eine Mitverantwortung dafür, was in den Ländern des Südens passiert.» Darum gehe es ihm. Hätte das Ausland 1938 anders gehandelt, hätte der Holocaust verhindert werden können.

«So etwas kennt man nur von den Neuen Rechten»

Der KVI-Endspurt sei «aggressiv», sagt er. «Wir bemühen uns um Sachlichkeit.» Rauch betont, Andrea Gmür und Christoph Mäder, Präsident von Economiesuisse, hätten Gastbeiträge veröffentlichen können. «Ich bedauere, dass die KVI-Gegner den Dialog mit kath.ch verweigern. So etwas kennt man eigentlich nur von den Neuen Rechten: Anfragen ignorieren, aber sich dann beschweren.»

Gmür und Mäder hingegen ist die Lust auf kath.ch vergangen. Gmür umso mehr, da sich Rauch nie meldete, als sie bat, das Wort «Hexenverbrennung» aus dem Interview zu nehmen. Und Economiesuisse teilte Rauch schriftlich mit, die Absage habe mit dem Holocaust-Vergleich zu tun. Er sei «absolut unethisch, unmoralisch und einer seriösen Plattform unwürdig».

Autor

Othmar von Matt

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