Geisel-Affäre

«Kontakt nach Libyen ist abgebrochen»

Anwalt Charles Poncet arbeitete für die libysche Regierung. Foto: Key

Anwalt Charles Poncet arbeitete für die libysche Regierung. Foto: Key

Diktator Muammar al-Gaddafi ist die Kontrolle über sein Land entglitten. Auf den Strassen von Tripolis schiessen Söldnertruppen wahllos Menschen nieder. Charles Poncet vertrat Libyen – für ihn ist die Affäre um Hannibal Gaddafi beendet.

Diktator Muammar al-Gaddafi ist die Kontrolle über sein Land entglitten. Auf den Strassen von Tripolis schiessen Söldnertruppen wahllos Menschen nieder, doch die Opposition hat weite Teile Libyens übernommen.

Der Regierungsapparat funktioniert nur noch begrenzt. «Mein Kontakt nach Libyen ist abgebrochen», sagt auch der Genfer Anwalt Charles Poncet der az. Der Alt-Nationalrat vertrat in der Affäre um den Diktatorensohn Hannibal Gaddafi die Interessen der libyschen Regierung vor Gericht. «Es herrscht völlige Funkstille. Meine Kontaktpersonen im libyschen Aussenministerium antworten nicht – weder auf Telefonate noch auf E-Mails.» Einer von Poncets libyschen Kollegen lebte während mehrerer Jahre in Genf. Seine Anrufe seien deshalb «nicht von beruflicher Natur», betont der 64-Jährige. Er mache sich Sorgen um das Wohlergehen seiner Kollegen und deren Familien.

Kein populäres Mandat

Es war Mitte Juli 2008, als zwanzig Polizisten Hannibal Gaddafi in einem Genfer Luxushotel verhafteten. Darauf übernahm Charles Poncet als Schweizer Anwalt die Verteidigung der libyschen Regierung. Vier- bis fünfmal reiste er in dieser Zeit nach Tripolis, wo er auf einen gekränkten Hannibal Gaddafi traf.

Mit dem Mandat machte sich der Genfer nicht sonderlich beliebt: Aus Rache für Hannibals Verhaftung hielt der Gaddafi-Clan die zwei Schweizer Max Göldi und Rachid Hamdani während knapp zweier Jahre fest. Das Schicksal der zwei Geiseln löste in der Schweiz grosse Betroffenheit aus. Warum nahm Poncet den Job trotzdem an? «Ein echter Anwalt» müsse unabhängig sein, sagte er 2009, man dürfe «keine Furcht haben, unpopuläre Fälle anzunehmen.»

Als der Gaddafi-Clan die Geisel Max Göldi im Juni des letzten Jahres endlich freiliess, stellte Libyen mehrere Bedingungen: Eine davon war die Einsetzung eines internationalen Schiedsgerichtes, das über die Rechtmässigkeit von Hannibal Gaddafis Verhaftung befinden sollte.

Affäre beendet

Kurz vor Ausbruch des Volksaufstandes hatten sich die Schweiz und Libyen nach langem Ringen auf einen Vorsitzenden für das dreiköpfige Gremium geeinigt. Vor fünf Tagen dann hat die Schweiz ihre Teilnahme «suspendiert». Das Aussendepartement begründete den Schritt mit der Gewalt, welche das libysche Regime gegen das eigene Volk anwende. Die Libyen-Affäre sei so oder so zu Ende, erklärt Poncet: «Eine nächste Regierung wird sich mit Sicherheit um andere Angelegenheiten kümmern als die Fortsetzung des Schiedsgerichts. Auch wenn das Regime überraschend überleben sollte, hätte die Schweiz mit Sicherheit keine Priorität mehr.»

Wahrscheinlich hat der Volksaufstand in Libyen der Schweiz eine Blamage erspart: Das Schiedsgericht hätte sich nur mit der Frage beschäftigt, ob die Verhaftung Hannibal Gaddafis rechtmässig war. Die grausame Festhaltung der zwei Schweizer Geiseln hingegen wäre kein Thema gewesen. Weil Hannibal Gaddafis Verhaftung 2008 aber eher rabiat vonstattenging, hätte die Schweiz nach Ansicht namhafter Rechtsprofessoren das Verfahren wohl verloren.

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