Verkehr
Können wir bald ohne Ampeln über die Kreuzung fahren?

Ein brandaktueller Bericht zeigt auf: Der Verkehr der Zukunft hat nicht mehr viel mit heute zu tun. Doch wann ist es soweit?

Antonio Fumagalli
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Sieht der Verkehr in Zukunft so aus wie in dieser Szene aus dem Film «Total Recall» von 2012? Sicher ist: Die Digitalisierung löst Umwälzungen aus.

Sieht der Verkehr in Zukunft so aus wie in dieser Szene aus dem Film «Total Recall» von 2012? Sicher ist: Die Digitalisierung löst Umwälzungen aus.

Ein Blick in die Zukunft ist immer auch ein Blick in die Kristallkugel – zu viele Parameter sind noch unbekannt, um genau vorauszusagen, welche Entwicklungen zu welchem Zeitpunkt stattfinden werden. Und doch wirkt das, was der Bundesrat gestern in seinem Bericht zum «Automatisierten Fahren» festgehalten hat, in Teilen wahrlich konkret – und atemberaubend.

Klar ist: Selbstfahrende Fahrzeuge werden in Zukunft nicht mehr aus unserem Alltag wegzudenken sein. Bereits heute existieren weltweit zahlreiche Pilotversuche, etwa beim Fahrzeugvermittler Uber, der in Pittsburgh Autos ohne Fahrer testet. Und das ist erst der Anfang. Auch wenn noch viele technische, rechtliche und ethische Hürden zu überspringen sind, wird sich der Verkehr in folgenden Bereichen grundlegend verändern:

Die Fahrzeuge

Man muss zwischen teil-, hoch- und vollautomatisierten Fahrzeugen unterscheiden. Letztere verkehren jederzeit selbstständig, während Erstere den Fahrer lediglich unterstützen. Varianten davon sind oftmals heute schon in Neuwagen eingebaut – etwa der Spurhalteassistent oder der Abstandsregeltempomat. Zu Ende gedacht, sind Fahrzeuge in (ferner) Zukunft nur noch «Transporthüllen», die Insassen sind Reisende – denn zum Steuern, Überwachen oder Tanken braucht es sie nicht mehr.

Die Fahrweise

Die Autos der Zukunft kommunizieren jederzeit miteinander und können sich damit gegenseitig vor Gefahren warnen, dichter hintereinander fahren, Staus ausweichen und die Strassenkapazitäten viel besser nutzen. Das heisst konkret: Fahrzeuge können durch die Vernetzung zu einem Gespann gekoppelt werden und mit minimalem Abstand hintereinanderfahren, wobei das vorderste Fahrzeug «steuert».

Das sogenannte «Platooning» dürfte vor allem für den Güterverkehr interessant sein. Beim Parkieren zeichnet sich ab, dass es schon bald vollautomatisch ablaufen wird. Der Fahrer steigt also vor dem Parkfeld aus, den Rest erledigt das Fahrzeug. Damit lässt sich erst noch Platz sparen, weil die Türe des geparkten Autos nicht mehr geöffnet werden muss.

Der öffentliche Verkehr

Bereits heute kennen wir Car-Pooling, wo die Fahrwünsche von Nutzern gebündelt werden («Sammeltaxis»). Würde dies in grossstädtischen Räumen konsequent angewendet, könnte die Zahl der Fahrzeuge um bis zu 90 Prozent gesenkt werden. Langfristig ist denkbar, dass fahrerlose Fahrzeuge ohne fixen Fahrplan und vordefiniertes Liniennetz verkehren.

Die Nutzer bestellen die Autos über ihr Handy und bestimmen Zeitpunkt und Route der Fahrt. Zudem ist davon auszugehen, dass selbstfahrende Fahrzeuge neue Nutzergruppen erschliessen, etwa Betagte, Kinder und Menschen mit Behinderung.

Die Verkehrsleittechnik

«In Zukunft kann auf eine physische Beschilderung und auf Lichtsignalanlagen bei Knoten weitgehend verzichtet werden», hält der Bundesrat in seinem Bericht fest. Das geht aber natürlich nur, wenn auf den betroffenen Strassen keine «normalen» Fahrzeuge mehr verkehren.

Die Sicherheit

Dank dem Austausch von Daten zwischen den Fahrzeugen steigt die Sicherheit im Strassenverkehr. Bremsmanöver werden aufeinander abgestimmt, sodass es trotz verringerten Abständen nicht zum Crash kommt. Derzeit sind mehr als 90 Prozent der Verkehrsunfälle auf menschliches Versagen zurückzuführen – dieses Risiko fällt bei selbstfahrenden Fahrzeugen weg. Ganz ohne Unfälle wird es aber auch in Zukunft nicht gehen, nur schon weil auch weiterhin nichtroboterisierte Fahrzeuge und Fussgänger unterwegs sein werden.

Das Verkehrsaufkommen

Eine präzise Aussage ist dazu nicht möglich. Wenn die Verkehrsströme umfassend gebündelt werden, könnte die Anzahl Fahrzeuge massiv reduziert werden. Das setzt aber voraus, dass die von Emotionen geprägte Bindung ans eigene Auto abnimmt.

Die durchschnittliche Auslastung pro Auto könnte aber ebenso gut auch abnehmen – zum Beispiel dann, wenn die künftigen Nutzer sich morgens zur Arbeit fahren lassen, danach das Auto leer nach Hause schicken, damit es zuerst das Kind in die Schule bringt und danach Einkäufe abholen geht. Je nach Szenario braucht es entsprechend mehr oder weniger Verkehrsfläche.

Die Arbeitswelt

Sollte die Bindung ans eigene Auto abnehmen, steigt der Kostendruck auf die Herstellerfirmen. Vor allem aber steht das Transportgewerbe vor grundlegenden Veränderungen – Chauffeure braucht es wohl schon bald nicht mehr, weil alles automatisch fährt.