Karriere
Können Frauen mit Kindern wirklich Karriere machen?

Das Thema «Top-Job und Kinder» ist wieder neu entbrannt. Nicht allein, weil nun die Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg ein klares Bekenntnis zur Vereinbarkeit von Familie und beruflicher Karriere abgibt. Eben erst stieg bei Yahoo die schwangere Marissa Mayer auf den Chefsessel.

Silvia Schaub
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Auch in der Schweiz tauchen immer mehr Mütter in den Chefetagen auf. Jeannine Pilloud, Chefin Personenverkehr bei den SBB, managt ihren Job auch mit zwei Kindern. Ebenso Suzanne Thoma, ab nächstem Jahr Chefin der BKW AG, oder Barbara Frei, ABB-Chefin Bereich Mittelmeer.

Flexibilität ist wichtig

Wieso klappt bei ihnen, was sonst als Ding der Unmöglichkeit gilt? Naheliegend wäre, diese Frauen in den Topf der Überprivilegierten zu stecken, die sich bequem eine Nanny und Putzhilfe leisten können und ohnehin nicht viel vom Mütteralltag mitbekommen. Der entscheidende Faktor ist indes ein anderer: Sie haben den richtigen Mann an der Seite.

«Ich bin nicht die Superfrau, die nach sieben Uhr nach Hause kommt, den Znacht auf den Tisch zaubert und noch rasch Schul- und Arztbesuche der Kinder organisiert», sagte Barbara Frei in einem Interview mit dieser Zeitung. Viele dieser Aufgaben übernimmt ihr Mann. Nicht, dass er als Hausmann in der Küche stehen würde, aber er bietet mit seinem Beruf als selbstständiger Rechtsanwalt die richtige Voraussetzung.

Der richtige Beruf des Partners, der Flexibilität gewährleistet, ist das eine; das andere bringt Managerin Barbara Frei auf den Punkt: «Die Bereitschaft des Partners, die Rolle des anderen anzuerkennen.» Eine Grundbedingung, wenn Frau Karriere machen will, wie Irmtraud Lang bestätigt. Sie ist Mutter von drei Kindern und Headhunterin mit eigener Firma im Life-Science-Bereich. «Es ist wichtig, die Karriereplanung gemeinsam zu diskutieren.» Und das nicht erst, wenn sich das erste Kind ankündigt. «Die berufliche Entwicklung beider muss ein zentraler Punkt sein, wenn es um die Familienplanung geht», betont Daniel Huber, Geschäftsführer der Fachstelle UND Familien- und Erwerbsarbeit. Seine Erfahrung zeigt, dass dieses Thema häufig nicht angesprochen wird.

Oft stehen bei einer Schwangerschaft andere Themen im Vordergrund. Deshalb hat die Pro Juventute den Extrabrief «Vereinbarkeit von Familie und Beruf» lanciert. «Es braucht eine grosse innere Überzeugung, den eigenen Weg zu gehen», sagt Stéphanie Kebeiks, Leiterin Pro Juventute Elternbriefe. Der Ratgeber unterstützt Eltern zu Themen wie Erwerbsarbeit, Familienleben, Arbeitsrecht oder Kinderbetreuung.

In der Schweiz konnte sich das traditionelle Modell der Arbeitsteilung länger und stärker halten als in anderen europäischen Ländern. Erst in den letzten ein, zwei Jahren hat ein Umdenken stattgefunden. «Schliesslich hat man als Paar ein Kind», betont Kebeiks. Man müsse das Thema deshalb partnerschaftlich angehen, damit eine Chancengleichheit gewährt sei.

«Es hängt viel von der Einstellung ab, wenn beide ihren Weg gehen wollen», ist Esther Kinzel überzeugt. Die zweifache Mutter arbeitet mit einem 60-Prozent-Pensum im Personalbereich bei Novartis in einer Führungsposition. Disziplin und Flexibilität – ein gegenseitiges Geben und Nehmen sieht sie als Schlüssel zum Erfolg. «Natürlich ist es für die Männer unbequem, wenn auch die Frau ihre Ansprüche stellt.» Da bleibt auch mehr Arbeit beim Mann hängen.

Die Männer sind gefordert, halten sie doch gerne an ihrer Ernährerrolle fest. Die Gründe kennt Daniel Huber von der Fachstelle UND: mangelnde Vorbilder und fehlende Anerkennung. Dabei wären Möglichkeiten vorhanden, zum Beispiel eine befristete Teilzeitarbeit. Nur werde das zu wenig eingefordert, stellt er fest. Zwar würden Männer den Wiedereinstieg der Frauen unterstützen, «aber sie schauen es als Frauenproblem an und nicht als Paarsache».

Positiver Effekt auf Ehe

Selbstverständlich ist es auch immer eine Frage der Möglichkeiten, ob und wie sich die Berufskarrieren beider vereinbaren lassen. Gefährlich wird es, wenn die Frauen zu lange hinten anstehen müssen, glaubt Irmtraud Lang. «Gerade Kaderleute gehen im Beruf häufig voll auf und vernachlässigen Frau und Kinder.» Nicht selten ist die Konsequenz, dass die Frauen die Trennung vorschlagen. Ist das Gegenteil der Fall, kann das einen positiven Effekt auf die Ehe haben, wie eine Langzeitstudie unter Deutschschweizer Elternpaaren mit egalitärer Rollenteilung des Instituts für Sozialforschung, Analyse und Beratung ergab. Unter den Befragten haben weniger Berufswechsel und Scheidungen oder Trennungen stattgefunden im Vergleich zu Familien mit «traditioneller» Verteilung.

«Die Thematik Familie und Beruf betrifft aber nicht nur die Eltern, sondern auch die Arbeitgeber», sagt Kebeiks. Neben umfassenden Informationen dient der Extrabrief auch als Leitfaden für eine familienfreundliche Personalpolitik. Das wird für Unternehmen verstärkt zu einem Fokus. Denn: Eine Familie zu managen, verlangt Fähigkeiten wie Organisationstalent, Belastbarkeit, Flexibilität, Teamfähigkeit. Voraussetzungen, die auch im Berufsleben gefragt sind. Mütter und Väter sind ideale Arbeitskräfte und bedeuten ein Potenzial für Unternehmen. Irmtraud Lang: «Bringen Frauen und Männer Kompetenz aus dem Familienalltag mit, sind sie auch als Führungspersonen menschlicher und glaubwürdiger.»