Facebook-Phänomen

Kompletter Unsinn: Aber Tausende teilen diesen Asylbewerber-Leserbrief

Bereits 29'000 Mal wurde der Leserbrief der Pensionärin Elsbeth Kälin auf Facebook geteilt. Und er wird es immer noch – seit mehr als einem Jahr. Dabei ist der Text fast drei Jahre alt und das, was drinsteht, kompletter Unsinn.

«Hätten Sie es gewusst?» – so beginnt der Leserbrief der Pensionärin Elsbeth Kälin, ursprünglich erschienen im Lokalblatt «Marchanzeiger». Es ist ein Pamphlet gegen die Sozialhilfebeiträge für Asylbewerber, die gemäss Kälin fast gleich viel Geld zu Verfügung hätten wie Pensionäre. Kälin rechnet vor und kommt zum Schluss: «Diese Sozialhilfe für Asylanten ist eine Ohrfeige für alle Rentnerinnen und Rentner.» 

Doch Kälin rechnet falsch. Der Betrag, auf den sie sich bezieht, ist eine Pauschale an die Kantone pro Asylbewerber und kein Sackgeld. Kleider kriegen Asylbewerber genauso wenig geschenkt wie die Zahnreinigung – der Vergleich mit den AHV-Beträgen ist an den Haaren herbeigezogen.

Viel Empörung, wenig Kritik

Trotz Kälins Fehlinformation verbreitet sich der Brief ohne Ende. 2013 hält er Einzug in die Blogspalte der «Berner Zeitung», wird in einem Leserbrief der Südostschweiz zitiert, im FCZ-Forum besprochen und landet im Januar 2014 schliesslich – eineinhalb Jahre nach der Veröffentlichung im «Marchanzeiger» – auf Facebook. Dort dreht die virale Maschine: 29'000 Menschen teilen das Foto, das Facebook-User Christian S.* auf seiner Chronik gepostet hat.

Ihm wurde das Foto irgendwann von einem Freund zugeschickt, sagt S. auf Anfrage. Mit Kälin hat er nichts am Hut, aber ihre Wutschrift trifft bei ihm einen Nerv. Und auch bei seiner Facebook-Community ist die Empörung ob der von Kälin genannten, falschen Zahlen, gross. Nur ein kleiner Teil äussert sich kritisch. Ein User schreibt unter den Post: «Die falschen Behauptungen dieser Elsbeth Kälin werden nicht plötzlich zur Wahrheit, nur weil sie geteilt werden!»

Aber warum verbreiten sie sich dann so rasant?

«Das kann unter Umständen üble Folgen haben»

Gregor Waller, Medienpsychologe an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW), erklärt die «enorme Viralität» des Briefs gerade damit, dass so vieles daran kreuzfalsch ist. Das Teilen auf Facebook diene dazu, den Inhalt zu prüfen. «Damit kann man die Reaktion des sozialen Umfelds auffangen», sagt Waller.

Ein weiterer Motor für die Viralität sei der Newswert einer Meldung. «Eine Falschmeldung hat per se Newswert, weil es die Information bisher ja nirgends gab», erklärt Waller. Wichtig sei dabei aber die Quelle, die in diesem Fall seriös scheine. «Die Botschaft kommt im Zeitungslayout daher. Der Titel ‹Hätten Sie das gewusst?› wirkt redaktionell gesetzt. Da fragt man sich: ‹Kann es nicht sein, dass das stimmt?›»  

Es liege daher auch in der Verantwortung einer Redaktion, den Wahrheitsgehalt eines solchen Leserbriefs zu überprüfen. Waller: «Dass ein Leserbrief mit Falschinformationen eine solche Verbreitung findet, kann unter Umständen üble Folgen haben.» Bei der Redaktion des «Marchanzeigers» weist man die Verantwortung dafür von sich: «Wenn ein Lesername und nicht die Redaktion unter dem Text steht, überprüfen wir die Fakten nicht», heisst es auf Anfrage. 

«Elsbeth Kälin, Pin-Up-Dame für Asylkritiker»

Nicht als gefährlich, sondern einfach nur nervig, bezeichnet der Stadtzürcher Gemeinderat Alan David Sangines den Leserbrief, der seit Monaten immer wieder an ihn herangetragen werde. In einem Blogeintrag vom März 2015 zerpflückt der SP-Politiker Kälins Argumente und fragt, an Kälin gerichtet: «Wie hätten Sie damals wissen können, dass Sie mit diesem Leserbrief zu einer Art Pin-Up-Dame für alle Asylkritiker würden?»

«Das hätte ich wirklich nicht gedacht», sagt Kälin auf Anfrage. «Und wenn ich das gewusst hätte, hätte ich ihn wohl gar nicht geschrieben.» Doch hinter dem Inhalt ihres Leserbriefs steht die Pensionärin, die sich auch heute noch beim Thema Sozialhilfebeiträge für Asylbewerber in Rage schimpft. Letztlich sei die Verbreitung des Textes – das sagt auch Facebook-User Christian S. – ein Zeichen dafür, dass das Thema den Leuten unter dem Nagel brenne. Korrekte Zahlen hin oder her. S. sagt: «Ich glaube eher unseren Pensionären als dem Bundesrat.»

Was konkret ist falsch am Leserbrief? Hier die Erklärungen:

1. Fehler: Alle Asylbewerber leben von Sozialhilfe

Kälin legt in ihrer Streitschrift gerade mal mit einer pauschalen Aussage los: «Die armen Asylanten der Schweiz bekommen Sozialhilfe in der Schweiz ...»

Das ist – in dieser Absolutheit – falsch. Das Bundesamt für Statistik zählt per 30. Juni 2014 19'815 Sozialhilfebeziehende im Asylbereich. Rund zwei Drittel davon sind Asylsuchende, ein Drittel vorläufig aufgenommene Personen mit weniger als 7 Jahren Aufenthalt in der Schweiz.  

Die Sozialhilfequote aller Sozialhilfeempfänger im Asylbereich belief sich dabei auf 83,5 Prozent. 16,5 Prozent der Asylsuchenden beziehen also keine Sozialhilfe, sondern Nothilfe.

Übrigens: Arbeiten dürfen Asylbewerber die ersten drei Monate nicht. Danach entscheiden die Kantone. Und selbst dann ist es ihnen fast unmöglich, einen Job zu bekommen: Der Inländervorrang legt fest, dass eine Person mit dem Schweizer Pass oder aus dem EU-Raum zuerst berücksichtigt werden muss. 

2. Fehler: 56 Franken Sackgeld!

Kälin schreibt weiter: «Die armen Asylanten der Schweiz bekommen Sozialhilfe in der Schweiz und dies sind gemäss aktuellen Medienberichten 56 Franken pro Person und Tag.»

Das ist falsch. Kälin bezieht sich auf den Pauschalbeitrag, den die Kantone pro Asylbewerber bekommen (damals etwas unglücklich in diesem Artikel als Unterstützungsbeitrag formuliert). 

Nochmals deutlicher formuliert: Für die Kantone gibt's 56 Franken, für den Asylbewerber einen Bruchteil davon. 

Dieser Bruchteil ist ein sehr viel kleinerer Betrag: Die zum Zeitpunkt von Kälins Leserbrief gültigen Unterstützungsgelder belaufen sich – je nach Kanton – auf circa 11 bis 15 Franken. 

3. Fehler: Asylsuchende bekommen alles geschenkt

«Zugegeben», schreibt Kälin, Rentner würden zwar zwei Franken mehr als die 56 Franken bekommen, jedoch mit dem Unterschied, dass die Schweizer davon Krankenkasse, Versicherungen, Mietzins, Zahnarzt und Kleider bezahlen würden. 

Das ist nicht richtig. Auch die Leistungen für Asylsuchende unterscheiden sich von Kanton zu Kanton. In Bern beispielsweise müssen die 15.40 Franken für sämtliche Lebenshaltungskosten reichen.

4. Fehler: Rentner werden nicht kriminell

«Und trotzdem», schreibt Kälin weiter, «werden auch die ärmsten Rentner, die lediglich 27'840 Franken in 12 Monaten bekommen (...) nicht kriminell».

Auch das ist eine leider kreuzfalsche Pauschalaussage. Die Kriminalitätsrate der über 50-Jährigen steigt seit Jahren. In diesem watson-Artikel gibt's anschauliche Grafiken dazu.

5. Fehler: Asylbewerber ohrfeigen Rentner

«Diese Sozialhilfekosten für Asylanten», kommt Kälin zum Finale,« ist eine Ohrfeige für alle Rentnerinnen und Rentner, die ein Leben lang gespart und gearbeitet haben.» Auch das ist Unsinn. 

Die Einzahlung in die Pensionskasse ist obligatorisch, neben der AHV stehen Rentnern also auch diese Gelder zu Verfügung. Der Vergleich zwischen den AHV-Beiträgen und Sozialhilfebeiträgen für Asylbewerber hinkt also schon aus dem Grund, dass die AHV-Rente «nur» die erste von drei Säulen der Altersrente ist.

Ausserdem können Pensionäre mit tiefen AHV-Renten Ergänzungsleistungen beantragen – zum Beispiel Leistungen für die Krankenkasse. 

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