Kommentar
Impfverweigerer im Altersheim: Die Freiheit der Ältesten, zu sterben

Das Coronavirus bedroht vor allem die Altersheimbewohner. Trotzdem wollen sich überraschend viele von ihnen nicht impfen lassen. Weiter leben um jeden Preis, ist keine Währung.

Stefan Schmid
Stefan Schmid
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Auch im Alters- oder Pflegeheim gibt es keinen Impfzwang.

Auch im Alters- oder Pflegeheim gibt es keinen Impfzwang.

Bild: Chris Iseli / FRE

Die Ostschweiz – insbesondere St.Gallen – steht in Teilen der Bevölkerung und der Zürcher Sonntagspresse am Pranger. Es gab in der zweiten Welle zu viele Todesfälle, die mit strikteren Massnahmen möglicherweise hätten verhindert werden können.

Wer will schon Todesfälle rechtfertigen oder schönreden? Niemand. Wer Todesfälle anprangert, steht moralisch auf der sicheren Seite.

Dabei gilt hier wie anderswo in dieser Pandemie: Es gibt nicht nur schwarz oder weiss.

Aufhorchen lassen Zahlen aus St.Galler Altersheimen: Da gibt es Häuser, wo sich nur jeder dritte Bewohner gegen Covid-19 impfen lässt, wie «Tagblatt»-Recherchen zeigen. Andernorts sieht es zwar besser aus und einige verzichten auch aufs Impfen, weil sie gerade Corona hatten. Fakt aber bleibt: Ausgerechnet jene Altersgruppe, die am direktesten vom Tod bedroht ist, sollte sie an Covid-19 erkranken, lässt sich nicht im grossen Stil durchimpfen.

Die Gründe dafür mögen vielfältig sein. Thomas Münzer, Chefarzt an der Geriatrischen Klinik in St.Gallen sagt: «Wir unterschätzen die Weisheit dieser Altersgruppe. Viele blicken auf ein gutes Leben zurück und wollen keine lebensverlängernden Massnahmen oder auf eine Intensivstation.» Offenbar gilt das Motto: Wenn es passiert, dann passiert es halt.

Es liegt nicht an uns Jüngeren, darüber zu urteilen. Wer sterben will, darf sterben. Anders ist der Fall freilich beim Pflegepersonal gelagert: Es verdichten sich die Hinweise, dass sich viele nicht impfen lassen.

Selbstverständlich hat jeder und jede das Recht, einen Piks abzulehnen. Doch dass sich ausgerechnet das Pflegepersonal überdurchschnittlich impfkritisch gebärdet, irritiert. Sind das nicht jene Frauen und Männer, für die wir im Frühling auf dem Balkon geklatscht haben? Jene, die seit Beginn der Pandemie keine Gelegenheit auslassen, höhere Löhne und gesellschaftliche Solidarität einzufordern?

Jetzt aber, wo die Solidarität der Pflegenden mit den am meisten Gefährdeten gefragt wäre, hapert es. Wer Solidarität einfordert, sollte umgekehrt auch solidarisch handeln.