Zuwanderungsinitiative

Kolportiert der Bundesrat falsche Zahlen in der Zuwanderungsdebatte?

Die Raumansprüche der Mieter steigen, doch nicht so stark, wie der Bundesrat in der Zuwanderungsdebatte Glauben macht (Symbolbild).

Die Raumansprüche der Mieter steigen, doch nicht so stark, wie der Bundesrat in der Zuwanderungsdebatte Glauben macht (Symbolbild).

Schöne und grosse Wohnungen sind teuer und rar. Der Wohnraum pro Kopf stagniert seit Jahren. Laut Bundesrat ist die Ursache dafür nicht nur in der Zuwanderung, sondern auch den eigenen steigenden subjektiven Ansprüchen zu sehen.

Bundesrätin Simonetta Sommaruga sagte Anfang Dezember in einem Interview: «Wir beanspruchen immer mehr Wohnraum.» Auch Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann berief sich in einer Aussage auf ein ähnliches Szenario. Er machte geltend, dass eine Person 1980 noch 34 Quadratmeter Wohnfläche beansprucht habe, heute aber rund 50. Dies schreibt der «Tages-Anzeiger» in seiner Ausgabe vom Dienstag.

Recherchen des «Tages-Anzeigers» zeichnen ein anderes Bild. So sei der Wohnraum laut Bundesamt für Statistik (BFS) in Wahrheit nur wenig gestiegen, die Wohnfläche pro Kopf zwischen 2000 bis 2012 hat kaum zugenommen; durchschnittlich nämlich nur ein Quadratmeter (von 44 auf 45, zwischen 2000 bis 2012).

Das Departement Schneider-Ammann beruft sich dabei auf eine andere «Erhebungsart» als jene des BFS. Vielmehr habe er sich auf die Auswertung der Volkszählung durch das Bundesamt für Raumentwicklung (ARE) gestützt als durch das BFS. ARE ist nun von den neuen Zahlen laut Zeitung «überrascht».

Die eigentümliche Differenz von 5 Quadratmetern irritiert auch Ökonomen. Nicht der «Luxusanspruch» eines jeden einzelnen sei es, der gesteigen sei, sondern in Tat und Wahrheit die Zuwanderung. Im «Tages-Anzeiger» sagt der Freiburger Ökonom Reiner Eichenberger: «Der Bundesrat will die Folgen der Zuwanderung schönreden.» Dahinter stecke eine Strategie zur Bekämpfung der Zuwanderungsinitiative. Die 50 Quadratmeter seien politisch aufgeladen, und Bundesräte versuchten, im Vorfeld der SVP-Initiative zur Einwanderung zu belegen, dass nicht allein die Zuwanderung zur Wohnungsknappheit in der Schweiz geführt habe, sondern eben auch der individuelle Anspruch. (cls)

Die durchschnittliche Wohnfläche nach Bewohner im m2 in den Nordwestschweiz-Kantonen (Quelle: Bundesamt für Statistik):

Kanton Zürich:        1980: 34m2  1990: 39m2  2000: 44m2  2012: 44m2  Mehrbedarf in 32 Jahren: 10m2

Kanton Aargau:       1980: 34m2  1990: 40m2  2000: 46m2  2012: 49m2  Mehrbedarf in 32 Jahren: 15m2

Kanton Baselland:    1980: 34m2  1990: 40m2  2000: 46m2  2012: 47m2  Mehrbedarf in 32 Jahren: 13m2

Kanton Basel-Stadt: 1980: 36m2  1990: 39m2  2000: 43m2  2012: 42m2  Mehrbedarf in 32 Jahren:  6m2

Kanton Solothurn:    1980: 33m2  1990: 40m2  2000: 46m2  2012: 49m2  Mehrbedarf in 32 Jahren: 16m2

Schweiz:                1980: 34m2  1990: 39m 2000: 44m2  2012: 45m2  Mehrbedarf in 32 Jahren: 11m2

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