Wohlgeordnet stehen die Holzbänke auf dem menschenleeren Turbinenplatz. Einzig die Hupe eines Autos durchbricht die Stille im Zentrum des Zürcher Escher-Wyss-Areals. In unmittelbarer Nähe wohnt Stephan Willi mit seinem Lebenspartner. «Am Zurich-Pride-Festival wird es hier einiges lauter», stellt der 35-Jährige mit unverkennbarem Appenzellerdialekt fest, während er sich auf die Bank setzt.

Das Zurich-Pride-Festival – ehemals Christopher Street Day (CSD) – ist der Demonstrationstag der Homosexuellen. «Von Lesben und Schwulen», korrigiert Willi, «homosexuell klingt wie eine Krankheit», fügt er an und lacht. Dann rümpft er die Nase und rückt seine Brille zurecht: «Die CSD-Parade ist kontraproduktiv. Schwule wollen nicht als schrille Tunten, wahrgenommen werden, die in High Heels durch die Stadt trippeln.»

Mit dem weissen Hemd, demschwarzen Jackett und den Turnschuhen wirkt Stephan Willi wie ein amerikanischer Business-Mann. Er ist ein Geschäftsmann. Wie seinem Vater, einem Käser und Hotelbesitzer in Gais im Kanton Appenzell Ausserrhoden, reicht ihm ein Job alleine nicht aus: Als Brand Portfolio Manager beim Club Palais X-Tra in Zürich hat Willi die Königsdisziplin Markenführung inne.

«Mit Brüsten konnte ich nichts anfangen»

Sein wahres Königreich erstreckt sich jedoch weit über die Zürcher Partyszene hinaus: Zuerst als Geschäftsführer und jetzt als Mitinhaber der «Angels» – dem führenden Schweizer Partyveranstalter für Schwule und Lesben – organisiert Willi seit drei Jahren die wohl extravagantesten Schwulenpartys der Schweiz. Die Partys, die bis zu 3000 Schwule aus der Schweiz, aus Deutschland, Italien und Frankreich in ihrer Agenda markieren.

Stolz darauf, schwul zu sein, war Willi in seinen Jugendjahren nicht. «Als die ersten Hormone verrückt spielten, merkte ich, dass ich anders bin», erinnert er sich. Auf dem Land, und dann auch noch im konservativen Appenzellerland, wolle man nicht anders sein. «Ich war mir sicher, dass ‹es› wieder weggeht.» Doch «es» ging nicht weg. Seine längste Beziehung zu einer Frau dauerte nicht einmal 48 Stunden, «mit Brüsten konnte ich nichts anfangen», sagt er.

18 Jahre alt, kurz vor seinem Matura-Abschluss, outete er sich zuerst bei seinen Kollegen und bei seinen drei Geschwistern, die «es» sehr gelassen nahmen. In einem Streit schmetterte er die Tatsache den Eltern um die Ohren. «Für sie war es eine unfassbare und schwierige Situation. Als Gastronomen standen sie im Rampenlicht.»

Der Wendepunkt in der Phase der Akzeptanz seiner Eltern war der unerwartete Besuch des Nachbar-Wirts: «Der verheiratete Mann und Vater von drei Kindern erzählte meinen Eltern, dass er auch schwul ist und dass dies keine Schande sei.» Wer in der heutigen Zeit kein Outing mache, sei selber schuld, sagt Willi. «Je weniger Geheimnisse man hat, desto einfacher ist das Leben.»

Motto-Partys

Doch nicht im Appenzell, sondern im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ging Willi der Knopf auf, wie er sagt. «Mit 20 Jahren brach ich das Wirtschaftsstudium ab, um als Flugbegleiter zu arbeiten.» Drei Jahre lang jettete er um die ganze Welt. An einer Gay-Party in den USA fand er es zum ersten Mal in seinem Leben geil, schwul zu sein.

Nach seinem Abschluss an der Hotelfachschule in Lausanne arbeitete er als Event-Manager bei einer Zürcher Agentur. Überraschend kam die Anfrage der «Angels», ob er als Geschäftsführer wirken will. Inspiriert von Schwulenpartys auf der ganzen Welt organisiert er seither die extravaganten «Angel»-Partys im Volkshaus.

Extravagant deshalb, weil die Dekoration atemberaubend ist – «wir hatten auch schon Eisskulpturen». Und: An den Partys werfen sich die Besucher und Besucherinnen gemäss Motto in Kostüme: In weisse an der White, in schwarze an der Black, in etwas Glitzerndes und Glimmerndes an der Kitsch und in ein Superheldenkostüm an der Flash, die heuer im Anschluss an die Zürcher Street Parade zum Abtanzen einlud.

In andere Rollen schlüpfen

Kitsch, Glitzer und Glimmer – fördert er damit nicht das Tuntenhafte, das er nicht mag? «Nein, Menschen schlüpfen gerne in eine andere Rolle, indem sie sich verkleiden», entgegnet Willi und nennt die Fasnacht als Beispiel. Mit der Flash-Party gehe sicher der eine oder andere Jugendtraum in Erfüllung. «Wer wäre nicht gerne einmal Superman?» Oder Catwoman? «Frauen lieben unsere Partys. Sie können sich so sexy anziehen, wie sie wollen, alle finden sie schön, aber keiner betatscht sie.»

An den Partys verkleiden tut sich Stephan Willi aber nicht. Er ist ein unscheinbarer Partykönig – sich ins Rampenlicht stellen ist nicht sein Ding. «Als ich 2009 die Geschäftsleitung von ‹Angels› übernahm, wusste lange keiner, dass ich dahinter stecke.» Mit der Zeit wurde er in der Schwulenszene immer bekannter, die «Angels» erhielten ein Gesicht, einen König. «Das konnte ich mit der Zeit nicht mehr verhindern, sonst hätte ich mich verstecken müssen.» Trotzdem stehe aber der Veranstalter «Angels» im Vordergrund und nicht er.

Stephan Willi schaut auf die Uhr. «Ich muss zurück», sagt er. Er sei extra für das Interview von Gais nach Zürich gereist. «Meine Eltern sind in den Ferien. Mein Partner und ich führen das Hotel in dieser Zeit», erklärt er, während er Bilder von dem verträumten Bed and Breakfast zeigt. Ein neues Königreich vielleicht? «Zwischendurch», sagt er und schmunzelt schelmisch. Man wisse ja nie im Leben, wohin es einen so verschlägt.