Parlament
Knigge fürs Bundeshaus: Darauf sollten neue Parlamentarier achten

Wer kennt es nicht: Die erste Sitzung beim neuen Arbeitgeber, das erste Training im Handballverein - wenn man zu neuen Ufern aufbricht, begleitet einen ein mulmiges Gefühl. Nicht viel anders dürfte es den 60 National- und Ständeräten am Montag gehen.

Antonio Fumagalli
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Durch diese Türe kann nicht jeder gehen: Viele Parlamentarier beschreiten am Montag zum ersten Mal den Nationalratssaal.

Durch diese Türe kann nicht jeder gehen: Viele Parlamentarier beschreiten am Montag zum ersten Mal den Nationalratssaal.

Keystone

Am Montage werden die neu gewählten Volksvertreter zum ersten Mal ins Bundeshaus schreiten.

«Da kann man noch so abgebrüht sein: Eine gewisse Ehrfurcht ergreift in dem Moment jeden», sagt Nationalrat Beat Flach (GLP, AG), der dieses Gefühl vor vier Jahren erlebte.

Die frisch gewählten Parlamentarier werden sich in den kommenden drei Wochen mit Grenzkontrollen, Unternehmenssteuern und vor allem der Wahl eines neuen Bundesrats beschäftigen.

Doch nicht nur inhaltlich sind die Herausforderungen gross, im neuen Amt stellen sich auch eine ganze Reihe praktischer Fragen. Oder wer weiss schon, dass man – um Manipulationen durch Sitznachbarn zu unterbinden – beim Abstimmen mit beiden Händen auf zwei verschiedene Knöpfe drücken muss?

Auch die ETH Zürich hat dieses Jahr Neuland betreten. Inspiriert von einem Ausbildungsprogramm der US-Elite-Uni Harvard, hat sie den Neugewählten auf freiwilliger Basis in einer Art Crashkurs die grossen Linien der Schweizer Politik erklärt.

In drei Tagen lernten die Teilnehmer die Grundzüge der Aussenpolitik, des Sozialversicherungsrechts und der Volkswirtschaft. Die Flughöhe ist bewusst hoch. Doch damit findet sich ein Parlamentarier in seiner ersten Woche im Bundeshaus noch nicht zwingend zurecht.

Mit einem Augenzwinkern haben wir deshalb diejenigen Punkte zusammengestellt, welche die Novizen idealerweise beherzigen sollten – und diejenigen, auf die sie besser verzichten.

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Das ist erlaubt:

Hände schütteln

Wer es bis ins Bundesparlament geschafft hat, dürfte darin schon geübt sein. Also am besten gleich weitermachen – es schadet nicht, wenn die anderen Parlamentarier einen kennen. Übertreiben sollte man es aber nicht: Wer alle Sitzreihen abklappert und sich hundertfach vorstellt, macht sich zum Affen. Besser eine bilaterale Gelegenheit abwarten.

Verfahren und Abläufe studieren

Was bedeutet es schon wieder, wenn ein traktandiertes Geschäft der Kategorie IIIb zugeordnet ist? Und wie muss man genau vorgehen, wenn man einen Rückkommensantrag formulieren möchte. Das Parlamentsrecht ist komplex – ein Glück, dass die älteren Kollegen (zumeist) den Überblick haben.

Oropax mitnehmen

Wer noch nie im Nationalratssaal war, ist ob des stetigen Geräusch-, um nicht zu sagen Lärmpegels mindestens irritiert. Dutzende Parlamentarier reden wild durcheinander. Will man den Saal nicht verlassen und sich trotzdem konzentrieren, hilft nur eines: Oropax. Es gibt mehrere Parlamentarier, die darauf schwören.

Dicke Haut haben

Die verbale Gangart kann gerade im Nationalrat schon mal heftig sein. Wer sich dabei persönlich angegriffen fühlt, wird schnell unglücklich. Da hilft es, sich eine dicke Haut zuzulegen – und dem politischen Gegner bei einem Feierabendbier auch mal vergeben zu können. Gelegenheiten dazu gibt es genügend.

Du sagen

Im Gegensatz zu früher kommunizieren die Parlamentarier heute in aller Regel per Du. Wer länger im Rat ist, bietet es dem neuen Mitglied normalerweise an. Das gilt aber nur fürs informelle Gespräch. Sobald man im Saal oder in der Kommission einen Kollegen direkt anspricht, wird auf Sie gewechselt – sogar innerhalb der eigenen Partei.

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Keine gute Idee

Nicht gleich mit Lobbyisten anbandeln

In der Wandelhalle tummeln sich Dutzende Interessensvertreter. Sie können einen mit nützlichen Informationen versorgen. Ein Neo-Parlamentarier sollte aber vorsichtig sein. Wer den Inhalt eines eigenen Vorstosses kaum kennt, weil irgendein Lobbyist ihn geschrieben hat, macht sich schnell unglaubwürdig.

Nicht ans Rednerpult stürmen

Früher galt das ungeschriebene Gesetz: In seiner ersten Session soll ein neuer Parlamentarier noch nicht das Wort ergreifen. Das ist heute überholt. Doch wer seinen Kollegen gleich zu Beginn als Kommentare getarnte Fragen stellt – viel mehr kann ein Neuling in der Regel nicht tun – macht sich nicht beliebt.

Keine Handygespräche im Saal

Der Geräuschpegel im Nationalratssaal ist zwar hoch, doch das rührt nicht von Telefongesprächen. Diese sollen in der Wandelhalle oder gar in einer der Telefonkabinen geführt werden. Wer einen Nationalrat anruft, muss am Anfang deshalb oft ein paar Sekunden warten, bis dieser den Saal verlassen hat.

Shorts zu Hause lassen

Im Gegensatz zum Ständerat gibt es im Nationalrat (für Männer) zwar keine Krawatten- und Jacketpflicht. Die Strandkleider lässt man aber doch besser zu Hause im Schrank – sonst geht man wie jener alt Nationalrat in die Geschichte ein, der seine langen Hosen an heissen Tagen jeweils kurzerhand zu Shorts umfunktionierte.

Keine Kaffeekränzchen

Im britischen Parlament sind die Platzverhältnisse zwar noch prekärer, aber auch in der Schweiz gibt es auf den Pulten nicht allzu viel Ablagefläche. Ein Kaffee wird knapp geduldet, Kuchen und Ähnliches sind aber definitiv verpönt. Ob sich jemand mit einem Kebab oder Big Mac in den Saal gewagt hat, ist nicht überliefert.

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