Alle kennen den Ballenberg. 109 historische Häuser aus allen Regionen der Schweiz, für die Nachwelt vor dem Abriss gerettet, auf 66 Fussballfeldern bei Brienz zu einer heilen Welt zusammengebaut. Nur: Herr und Frau Schweizer besuchen ihr Freilichtmuseum nicht mehr. In zehn Jahren ist die Zahl der Eintritte um einen Drittel auf 200 000 Gäste gefallen. Der Ballenberg hat ein Marketing- und Kommunikationsproblem. Damit nicht genug: Auch letztes Jahr schrieb man rote Zahlen, minus 950 000 Franken . Rekordverdächtig.

Wenn das Freilichtmuseum dieses Wochenende zum 40. Mal seine Tore öffnet und die Stiftung das 50-Jahre-Jubiläum feiert, bekommen die Besucher von all dem nichts mit. Auf dem Ballenberg ist die Welt in Ordnung. Ein paar Schritte nach der Kasse tritt die Villa Schafroth aus den Bäumen. Bald zieht das Haus eines Textilfabrikanten aus Burgdorf vorüber. Und wir lassen das Städtische hinter uns und treten über ins Land- und Handwerkerleben des Berner Mittellandes vor ein-, zweihundert Jahren. Zum Beispiel im und um das stattliche Bauernhaus von Madiswil. Ein paar Schritte weiter folgt bereits der Aargau.

Doch zurück ins Hier und Jetzt. Ist ein Produkt erst einmal so bekannt wie der Ballenberg, dessen Name sogar Synonym geworden ist für eine Schweiz, wie sie nie mehr sein werden wird, dann, denkt man, sollte es kein Problem sein, Besucher anzulocken. Swissness-Wahn und die neu entdeckte Authentizität lassen grüssen. Doch weit gefehlt. Offenbar genügt es heute auch für eine Institu- tion mit Kult-Status nicht mehr, einfach nur bekannt zu sein. Sie muss mehr bieten. Aber was?

Gesucht: Junge Besucher

«Es ist jetzt der Moment, den Gründerinnen und Gründern merci zu sagen», verschafft sich Peter Flück mit Verweis auf das runde Jubiläum eine Kunstpause. Dann sinniert der Stiftungspräsident: «Mit der Eröffnung der historischen Ziegelei aus Péry im Berner Jura ist das Museum beinahe fertiggebaut.» Und ja, die sinkenden Besucherzahlen, erst recht das happige Defizit bereiten auch ihm Sorgen. Der Standortkanton Bern hat seinen jährlichen Beitrag aber um 0,5 auf 1,1 Millionen Franken verdoppelt, und der Bund zahlt «zum Glück» weiterhin eine halbe Million. Kopfzerbrechen bereitet Flück jedoch die Frage, wie die nächste Generation auf den Ballenberg findet: «Den Jungen in den Zentren fehlt heute weitgehend der Bezug zum Landleben.» Sie hätten keine Grosseltern mehr, die davon erzählen. Auch der Bezug zu den Nutztieren gehe verloren; woher die Milch oder die Wurst oder die Eier kommen. Erschwerend komme hinzu, dass Schulen wegen Sparprogrammen weniger Geld zur Verfügung hätten für Landschulwochen oder Ausflüge. «Einmal im Leben sollte doch jedes Kind den Ballenberg sehen», sagt Peter Flück. «Hier können wir punkten, wenn wir es geschickt machen.» Statt Häuser, Maschinen oder Werkzeuge soll darum der Mensch ins Zentrum rücken. Zuschauen, selber machen, heimnehmen ist die neue Devise.

Offenbar fehlt dazu jedoch ein überzeugendes Marketing. Schlagzeilen machte der Ballenberg in den letzten Jahren vorab negative. Dabei schien alles gut aufgegleist, vor sechs Jahren: Nach dem Rücktritt des langjährigen Geschäftsführers Walter Trauffer und dessen langjährigem wissenschaftlichen Leiter wurde mit Katrin Rieder eine engagierte und kritische Historikerin gewählt. Bekannt geworden war sie mit ihrer Dissertation über die unrühmliche Geschichte der Burgergemeinde der Stadt Bern zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Schnell war klar: Die junge Frau hat eine Vision und findet den Draht zu den 200 Mitarbeitern.

Dennoch musste sie nach zweieinhalb Jahren wieder gehen. Im Machtkampf gegen den geschäftsleitenden Ausschuss zog sie den Kürzeren. Der Stadtberner «Bund» schrieb darauf von einer Verschwörung rechts-nationaler, ländlicher Kreise im Stiftungsrat gegen die urbane Historikerin. Gar vom letzten Gefecht ums Erbe der Geistigen Landesverteidigung war die Rede, auch wenn sie bereits weit vor dem Ballenberg erfunden worden ist. Für die ländliche «Berner Zeitung» dagegen war es schlicht ein Generationenkonflikt, wie er in besten Firmen vorkommen kann. Auch Ballenberg-Vertreter stellten lokalpolitische Gründe stets in Abrede. Rieder hält sich eisern an das vereinbarte Stillhalteabkommen.

Nach einer ersten erfolglosen Ausschreibung hat der Ballenberg inzwischen wieder einen Betriebsdirektor. Einen Mann aus der Region. Und nach dem jüngsten Personal-Eklat im letzten Sommer verantwortet nun auch das Marketing wieder ein Berner Oberländer. Damit, so hört man, sei die Leitung wieder in Einklang gebracht mit lokalen Bedürfnissen.

Ballenberg-Syndrom in Reinkultur. Fürs Haslital ist der Ballenberg nämlich zuerst ein einträgliches Geschäft. Nebst Fest- und Teilzeitstellen hängen auch viele Zulieferbetriebe daran.

Immer wieder zu kurz kommt die Ausstrahlung in die ganze Schweiz. Darüber, ob mehr Familien oder mehr Asiaten oder Individualtouristen aus Fernost angesprochen werden sollen, gibts verschiedene Ansichten. Das zeigte zuletzt der offen ausgetragene Marketing-Knatsch. Während andernorts junge Besucher mit Museumsnächten, Feierabendbier oder Nachtwandern angelockt werden, droht der Ballenberg sich selbst abzuhängen. Sparen, damit es einschenkt, führt nämlich vorab zu Kürzungen beim personalintensiven Rahmenprogramm.

Szenenwechsel. Zürich, Kreis 8, Villa Patumbah, Sitz des Schweizer Heimatschutzes. Als der Bundesrat in den 1960er-Jahren entscheiden musste, ob das Freilichtmuseum der Schweiz bei Luzern, in Bern, Zürich oder im Haslital entstehen soll, opponierte ausgerechnet der Heimatschutz. Viele Mitglieder waren dagegen, dass alte Häuser und die bäuerliche Tradition in ein totes Museum verpflanzt würden. «In der Industrialisierung und vor allem in der Hochkonjunktur hat man aber schnell gemerkt, dass der Ballenberg eine gute neue Heimat ist», sagt Patrick Schoek. Wichtig ist dem stellvertretenden Direktor des Heimatschutzes, dass Kantone und Gemeinden ihre Geschichte nicht einfach im Freilichtmuseum entsorgen können: «Der Ballenberg hat klare Spielregeln und ist nur die allerletzte Lösung.» Und ja, man habe sich längst versöhnt. Die Mitglieder erhalten heute gar einen Eintrittsrabatt.

Ähnlich klingt es in Bern, am Sitz der Stiftung Landschaftsschutz. Sie kämpft für den Erhalt, die Pflege und Aufwertung des kulturhistorischen Erbes. Aber nicht in einem Museum, sondern zur Weiternutzung vor Ort.

«Die Bedeutung des Ballenbergs als Denkmalzentrum und Archiv ist in den letzten Jahren stark gestiegen», sagt Geschäftsführer Raimund Rodewald. «Der Ballenberg funktioniert heute wie ein Zoo, der hilft, die Artenvielfalt zu erhalten.» Dessen sei man sich im Berner Oberland «leider zu wenig bewusst, sonst nähme man den Ballenberg als gewichtige ‹Stimme› stärker wahr.»

Zurück ins Berner Oberland. Einer, der mit dessen Klischees längst seine Marketingmaschine schmiert, ist der Sänger Marc A. Trauffer. Von der Musikszene gemieden, in die Schmuddel-Folklore-Ecke gedrängt, füllt der selbst ernannte «Alpentainer» inzwischen auch im Flachland Konzerthallen. Der 38-Jährige ist aber auch ein gewiefter Geschäftsmann, führt in Brienz seit acht Jahren in dritter Generation die Holzspielwaren Trauffer AG. Das ist die Firma mit den rot oder grün gefleckten Holzkühen. Was dieser Marc A. Trauffer mit dem Ballenberg zu tun hat? Nichts. Vordergründig jedenfalls nichts mehr. Doch die Geschichte des Freilichtmuseums ist eng verknüpft mit jener der Familie Trauffer. Der langjährige Direktor vor Katrin Rieder war Marc A. Trauffers Onkel und Götti. Und seine Tante führte einen Museumsshop. Und ja, kurzzeitig war der Sänger, Holzspielwarenfabrikant und Gemeinderat von Hofstetten auch Stiftungsrat und in der Gastronomie des Ballenbergs leitend. Doch nach dem Rücktritt Rieders hat sich alsbald auch deren Gegenspieler und zwischenzeitlich neuer starker Mann im Ballenberg zurückgezogen. Stellung zu den Turbulenzen bezog Marc A. Trauffer nie. Auf Anfrage schweigt der Haslitaler Tausendsassa auch heute.

Ist die Talsohle erreicht?

Auch Peter Flück ist ein Lokalmatador. Als Gemeindepräsident führte er Brienz 2005 durch das Horror-Hochwasser, politisiert für die FDP im Grossen Rat und war Nationalrat. Nach bisweilen turbulenten Jahren ist der 60-Jährige nun zuversichtlich, die Talsohle sei erreicht: «Die Besucherzahl steigt langsam wieder an.» Und ab nächster Saison sollen auch «die Defizite Geschichte» sein. Statt auf einmal bei der Politik die hohle Hand zu machen, will der Stiftungspräsident den Ballenberg nun scheibchenweise à jour halten. «Jedem Kanton, der bei uns ein Haus hat, werden wir aufzeigen, was dessen Unterhalt in den nächsten zehn Jahren kostet.» So solle die Substanz erhalten bleiben, worauf man dann aufbauen könne. Denn eines ist klar: Öffentliche Gelder gibt es nur als Museum mit wissenschaftlichem Anspruch. Allen Unkenrufen zum Trotz stellt Flück klar: «Ich will keinen Freizeitpark mit Jubel und Trubel.»

Eine Vision in zwei, drei knacki- gen Sätzen gibt es vom Brienzer aber nicht. Und so befürchten Kenner der Szene, dass das Profil des Ballenbergs verwässert wird.

Statt von allem ein bisschen wollte die abgesetzte Direktorin am Ballenberg einst quasi die nächste Stufe zünden. Nach vier Jahrzehnten Aufbau verordnete sie dem Freilichtmuseum mehr Faktentreue und wissenschaftliche Tiefe und wollte zugleich beim Besucherangebot in die Breite gehen. Ein Sanierungsplan wurde ausgeheckt, ein Depot für die Sammlung war in Planung, und es sollte Geld in die Kulturvermittlung gesteckt werden. Aber eben, Geld fehlt auf dem Ballenberg, obschon die Institution seit je stolz auf ihren Eigenfinanzierungsgrad verweist (aktuell gut 80 Prozent, einst über 90). Das ist für Kulturinstitutionen beachtlich. Gar rekordverdächtig. Doch es nützt nichts, wenn gleichzeitig das Publikum fehlt und am Ende nichts zu investieren übrig bleibt.

Unterwegs auf den Kieswegen, durch saftig grüne Matten und entlang von bunten Bauernhausgärten, fallen in der zusammengewürfelten Mini-Schweiz immer wieder die Mitarbeiter auf. Sie tragen keine Trachten oder historische Gewänder, sondern Berufskleider mit «Ballenberg»-Logo. Das soll signalisieren, dass das Spinnrad, das die Mitarbeiterin bedient, oder der Pflug, den das Pferd mit vermeintlichem Bauern zieht, zwar original ist. Im Gegensatz zur weitverbreiteten Bluemetrögli-Schweiz rund um das Freilichtmuseum soll der Ballenberg aber keinesfalls eine falsche heile Welt vorgaukeln.

Anders als beim Marketing und der Kommunikation wurde bei der inhaltlichen Aufarbeitung und Positionierung des Freilichtmuseums in den letzten Jahren nämlich weitergearbeitet.