Pädophilen-Initiative
Klinikdirektor gegen Pädo-Initiative: «Hinschauen ist enorm wichtig»

Die Pädophilen-Initiative will Pädophilen den Umgang mit Kindern lebenslang verwehren. Warum der forensische Psychiater und Basler Klinikdirektor Marc Graf gegen das Volksbegehren ist.

Rinaldo Tibolla
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Marc Graf ist Klinikdirektor und Chefarzt der universitären forensisch-psychiatrischen Klinik in Basel. Kenneth Nars

Marc Graf ist Klinikdirektor und Chefarzt der universitären forensisch-psychiatrischen Klinik in Basel. Kenneth Nars

Kenneth Nars

Herr Graf, wie stehen Sie zur Pädophilen-Initiative?

Marc Graf: Das Anliegen ist zu radikal. Die Klärung der Fälle muss vor einem rechtsstaatlichen Hintergrund stattfinden. Wir müssen die Gewaltentrennung beibehalten und die Kompetenz bei den Richtern lassen. Wenn ich selber, als Opfer oder Angehöriger, davon betroffen wäre, würde ich auch stark reagieren. Genau aus diesem Grunde haben wir die Rechtsprechung an die Richter delegiert.

Wann ist ein Mann pädophil?

Nicht jede sexuelle Attraktivität eines Kindes für Erwachsene führt zur Diagnose Pädophilie. Es müssen Kriterien erfüllt sein: die zeitliche Stabilität der Vorliebe, dass jemand entsprechend gehandelt und einen anderen Menschen missbraucht hat.

Gibt es auch bei Frauen Pädophilie?

Es ist in der Literatur beschrieben, dass es sie gibt. Persönlich kenne ich keine. Als Hilfestellerinnen kommen Frauen gelegentlich vor. Darüber wissen wir noch sehr wenig. Eine erst kürzlich erschienene Studie mit Zwillingen hat gezeigt, dass der genetische Aspekt einen sehr kleinen Anteil hat, weit unter 20 Prozent. Andere Faktoren sind soziale und psychologische. Oft sind es Personen, die sehr früh ein Selbstwertproblem haben, sich selber als Erwachsene nicht attraktiv erleben und deshalb zu Kindern hingezogen fühlen.

Wer verübt Übergriffe an Kindern?

80 Prozent der Täter sind aus dem sozialen Nahfeld, also Familie und Bekannte. Nur 20 Prozent sind nichtfamiliäre Täter. 80 Prozent der Betroffenen sind Mädchen.

Ist Pädophilie heilbar?

Nein. Die Betroffenen können aber lernen, damit umzugehen, ohne dass jemand zu Schaden kommt. Wenn erwachsene Formen der Sexualität nicht gänzlich verschüttet sind, versuchen wir diese zu aktivieren. Bei den kernpädophilen Patienten geht es hingegen darum, dass sie lernen, ohne ihre Sexualität zu leben – ohne entsprechende Masturbationsfantasien und ohne Kinderpornografie, weil dies den Weg zum Missbrauch bahnen kann.

Was erreicht man in der Therapie?

Wir können die Rückfallrate halbieren. Neueste Studien zeigen Erfolgsquoten von über 80 Prozent. Die anderen, nicht erfolgreich behandelbaren Täter werden aber nicht automatisch rückfällig. Wir können mit einer hohen Treffsicherheit sagen: Dieser Täter stellt ein Hochrisiko dar. Ausschliessen, dass ein Täter rückfällig wird, können wir aber nicht.

Wird medikamentös behandelt?

Ja, chemische Kastration kommt auch bei uns infrage. In der Schweiz werden Salvacyl oder andere Substanzen, die den Testosteronlevel sehr stark reduzieren, immer häufiger verwendet. Sie haben eine stärkere Wirkung als die chirurgische Kastration, und die Spritzen können alle drei Monate verabreicht werden. Damit und mit Testosteronmessungen im Blut sind wir sicher, dass die Therapie auch stattfindet. Die Nebenwirkungen hingegen können gravierend sein. Aber auch Kastrationen verhindern Übergriffe nicht in jedem Fall. Es kommt vielleicht nicht mehr zur Vergewaltigung, aber zur sexuellen Nötigung.

Wie müssten wir mit dem Problem Pädophilie umgehen?

Sicher nicht, indem wir Ängste schüren und eine neue Gruppe von Menschen – die Pädophilen – ausgrenzen. So steigt die Gefahr, dass es mehr Opfer gibt. Wer von dieser Störung betroffen ist, würde sich nicht rechtzeitig die Hilfe suchen, die dafür sorgen könnte, Übergriffe zu verhindern. Auch innerfamiliärer Missbrauch würde wohl unter den Teppich gekehrt, statt dass eine Kinderschutzbehörde handeln könnte.

Wie schützen wir die Opfer?

Opfer werden häufig Kinder, die ein nicht ausreichend befriedigtes Bedürfnis nach Zuwendung, Anerkennung und Aufmerksamkeit haben. Täter nutzen dies dann gezielt aus. Sensibilisierung, Aufklärung und eine adäquate Sexualerziehung sind deshalb wichtige Aufgaben. Stichwort: Mein Körper gehört mir. Kinder müssen lernen, Nein zu sagen. Wichtig wäre auch die Verhaltensbeobachtung des Umfelds. Es geht darum, zu beobachten, zu welchem Zeitpunkt ein Kind eine Entwicklungsveränderung aufweist oder problematische Verhaltensweisen zeigt, wenngleich es keine für einen sexuellen Missbrauch spezifischen Auffälligkeiten gibt. Lehrpersonen müssen also entsprechend geschult werden, und die Schulen benötigen entsprechende Sozialarbeiter. Schon wenn die Auffälligkeiten aufgedeckt werden, stoppt dies in der Regel den Missbrauch. Das Hinschauen ist enorm wichtig.