Der Schnee auf dem Aletschgletscher ist dieses Jahr früh geschmolzen. Schon Ende Mai ist das Eis sichtbar. Früher war es erst im Juli so weit.

Der Rückgang des Aletschgletschers im Zeitraffer.

An den Rückzug des grössten Gletschers der Schweiz haben sich die Walliser zwar gewöhnt. Was sie aber soeben gesehen haben, drückt im Restaurant «Derby» auf der Riederalp (VS) auf die Stimmung. Hier haben sich Gemeindevertreter versammelt, nach einem Helikopterflug über dem Gletschergebiet.

Weil immer weniger Eis gegen den Fels drückt, gerät der Berg unterhalb der Moosfluh in Bewegung. Eine zwei Quadratkilometer grosse Fläche mit einem Volumen von rund 160 Millionen Kubikmetern rutscht Richtung Tal. An gewissen Stellen bewegt sich der Fels bis zu 80 Zentimeter pro Tag. Der Hang ist durchzogen von Fels- und Erdspalten. Manche sind so klein, dass nur eine Hand hinein passt. In den grösseren könnte ein Kind verschwinden. In den ganz grossen hätte ein Chalet Platz.

Schon im Herbst liess die Gemeinde sechs Kilometer Wanderweg sperren. Der Helikopterflug hat nun gezeigt, dass neue Risse, Spalten und Felsstürze hinzugekommen sind.

Weil sich der Aletschgletscher zurückzieht, wird der Berg instabil. Oberhalb der Riederalp (VS) rutscht der Fels auf einer zwei Quadratkilometer grossen Fläche. Ein Drohnenflug zeigt das Ausmass des einzigartigen geologischen Phänomens.

Weil sich der Aletschgletscher zurückzieht, wird der Berg instabil. Oberhalb der Riederalp (VS) rutscht der Fels auf einer zwei Quadratkilometer grossen Fläche. Ein Drohnenflug zeigt das Ausmass des einzigartigen geologischen Phänomens.

Sperrgebiet um den Gletscher

Peter Albrecht (67) ist nicht nur Wirt im «Derby», sondern auch FDP-Gemeindepräsident. Er verteilt die Aufgaben. Bagger, Zäune und Verbotstafeln müssen organisiert und ein neuer Wanderweg soll erstellt werden. Bisher war das gefährdete Gebiet nur notfallmässig abgesperrt. Neugierige betraten die Gefahrenzone dennoch. Für den anstehenden Beginn der Sommersaison wird die Steinschlag gefährdete Gegend nun abgeriegelt.

Die Sicherheitsmassnahmen kosteten die kleine Gemeinde über 100'000 Franken. Die Riederalp kommt bisher aber glimpflich davon. Da sich der Fels in unbewohntem Gebiet bewegt, besteht für das Dorf keine unmittelbare Gefahr. Und das schlimmste Szenario, ein Felssturz, der den Stausee überschwappen lässt, halten die Geologen derzeit für unwahrscheinlich.

Auch die Seilbahn auf der Moosfluh ist gerüstet. Die alte Bergstation wurde wegen der Geländebewegungen abgerissen. Die neue Anlage steht auf einer beweglichen Plattform, durch die sich die Bahn um mehrere Meter verschieben lässt. Bisher war erst eine Justierung um einige Zentimeter nötig. Valentin König, Chef der Aletschbahnen, sagt: «Die Geologie hatte auf das Wintergeschäft null Einfluss.» Das Skigebiet befindet sich ausserhalb der Gefahrenzone. Dass sich unter der Schneedecke der blauen Piste tiefe Risse gebildet haben, bemerkten die Wintersportler nicht.

Der Tourismus hat von der geologischen Sensation sogar profitiert. An schönen Herbsttagen versammelten sich bis zu 300 Leute auf der Moosfluh, um das einzigartige Phänomen zu beobachten. Geologen organisierten Führungen für Fachleute. Gemeindepräsident Albrecht kann sich vorstellen, dass daraus ein touristisches Angebot wird. Auf der Riederalp ist der Klimawandel kein abstraktes Thema und schon gar keine Glaubensfrage, sondern begeh- und erlebbar. «Das könnten wir vermarkten.»

Schweiz wird besonders warm

Der Aletschgletscher ist das Symbol für die Situation der Schweiz. Das Land ist vom Klimawandel überdurchschnittlich stark betroffen. Im Vergleich zur vorindustriellen Zeit vor rund 150 Jahren sind die Temperaturen hier um 1,8 Grad gestiegen. Das ist fast doppelt so viel wie das weltweite Mittel von einem Grad.

Laut dem neusten Bericht des Umweltforums «ProClim» nehmen Hitzetage, längere und häufigere Hitzewellen sowie starke Regenfälle zu. Das beeinflusst auch die Landwirtschaft. Der Anbau von Kulturen wie Winterweizen und Kartoffeln wird unter den wärmeren Bedingungen erschwert. Auch der Wintertourismus muss teilweise neu konzipiert werden. Eine Auswertung der Daten von Schweizer Wetterstationen seit 1970 zeigt: Die Schneesaison beginnt heute 12 Tage später und endet rund 25 Tage früher.

Dieses Jahr erlebte die Schweiz den drittwärmsten Frühling seit dem Messbeginn im Jahr 1864. Besonders weit über der Norm lagen die Temperaturen Ende Mai.

Kommen die Klimaflüchtlinge?

Auch geografisch weit entfernte Klimaveränderungen haben Folgen für die Schweizer Gesellschaft. Reto Knutti, Klimaexperte der ETH, sagt: «Wenn es allen rund um der Schweiz schlechter geht, trifft uns das ebenfalls.» Waren würden teurer und die Zulieferketten änderten sich. Knutti mahnt: «Die Wertschöpfung in der Schweiz kommt von Finanzen und Dienstleistungen für das Ausland, nicht von den Schweizer Kartoffeln.»

Der Klimawandel kann sogar Folgen für die Schweizer Flüchtlingspolitik haben. Klimaforscher Thomas Stocker prophezeit, dass die Migration zunehmen wird. In Krisenländern wie Syrien gefährde der Klimawandel Ressourcen und verschärfe dadurch den Konflikt: «Die dort herrschende Dürre mindert die Weizenproduktion und belastet die Bewohner. Langfristig trägt dies neben anderen Faktoren dazu bei, dass die Menschen das Land verlassen.»

Die globalen Folgen des Klimawandels sind auch am Stammtisch auf der Riederalp ein Thema. Dass Trump aus dem Klimaschutzabkommen von Paris aussteigen will, sorgt hier für ein müdes Lächeln. Gemeindepräsident Albrecht reagiert mit einem Witz: «Wir wollen aus dem Klimawandel aussteigen.»

Am Freitagnachmittag melden die Geologen die neusten Messresultate der GPS-Sonden im Aletschgebiet. Seit der Schneeschmelze bewegt sich der Fels nach einer Ruhephase im Winter wieder schneller.