«Burglind»

Klimahistoriker Christian Pfister: «Es war Zeit für einen Sturm»

Die Aufräumarbeiten im Wald beschäftigen die Förster. Von Spaziergängen wird abgeraten.

Die Aufräumarbeiten im Wald beschäftigen die Förster. Von Spaziergängen wird abgeraten.

Klimahistoriker Christian Pfister warnt davor, dem Klimawandel die Schuld für «Burglind» zu geben.

Der Sturm ist durch. Die Schweiz kann wieder aufatmen. Bevor es so weit war, spitzte sich die Lage am Donnerstag und Freitag zu. Erdrutsche und Lawinen gingen nieder. Die Skirennen in Adelboden am Wochenende waren gefährdet, weil die Zufahrtsstrasse durch einen Murgang beschädigt worden war.

Im Berner Oberland, im Wallis und im Unterengadin wurden Strassen und Bahnstrecken wegen Lawinen- beziehungsweise Erdrutschgefahr gesperrt. Doch dank der Wetterverbesserung und dem Einsatz von Feuerwehren, Zivilschutz und Bauarbeitern konnten bis zum Freitagabend die allermeisten Verkehrsverbindungen wieder hergestellt werden. Überschwemmungen blieben trotz hoher Pegelstände aus.

Kahlschlag im Wald

Es wird noch eine Weile dauern, bis die Schäden des Sturmes behoben sind. Zwar sind Arbeiter dabei, die Verbindungsstrasse zum Skigebiet in Adelboden wieder befahrbar zu machen (siehe Sportteil), andernorts hat «Burglind» aber längerfristige Spuren hinterlassen.

Die Wälder seien vielerorts stark heimgesucht worden, teilte der Branchenverband Wald-Schweiz am Freitag mit. Zehntausende Bäume wurden durch die starken Winde gefällt. Alleine im Kanton Zug blies der Sturm 120 000 Kubikmeter Holz um, wie die Nachrichtenagentur SDA vermeldete. Dies entspricht 600 Lastwagenladungen. Im Luzerner Wald seien 30 bis 50 Prozent der Holzmenge gefällt worden, die sonst im Durchschnitt in einem ganzen Jahr geschlagen werden.

Der Sturm Burglind weckte Erinnerungen an Lothar. Am 26. Dezember 1999 fegte dieser mit bis zu 250 Stundenkilometern durch das Mittelland. 14 Personen kamen damals ums Leben. Der Schaden belief sich auf rund sechs Milliarden Franken. «Burglind» richtete wohl um die 50 Millionen Franken Schaden an. Tote gab es keine. Umwelthistoriker Christian Pfister warnt darum vor einem Vergleich. «Lothar war eine absolute Ausnahme», sagt er.

Pfister hat Stürme und Unwetter der letzten Jahrhunderte analysiert. Ihn beunruhigt es nicht, dass die Schweiz nach dem Bergsturz in Bondo nun zum zweiten Mal innert kurzer Zeit von einem aussergewöhnlichen Naturereignis heimgesucht wurde. «In früheren Jahrhunderten waren Stürme häufiger», gibt er zu bedenken. Am 18. Januar 1739 traf etwa Sturm Prisca die Schweiz. «Er war möglicherweise noch stärker als ‹Lothar›», sagt Pfister. Einen exakten Vergleich lassen die überlieferten Daten nicht zu.

Der Eindruck einer Häufung von Unwettern liegt laut dem emeritierten Professor der Universität Bern an einer relativ katastrophenfreien Phase bis 1980. «Die ersten acht Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts brachten wenig Stürme mit sich. Immerhin wehte der Wind aber am 23. Februar 1967 zwischen Basel und Aesch ein Tram um», relativiert er.

Pfister rät davon ab, die Unwetter in den Zusammenhang mit der Klimaerwärmung zu stellen. Dazu gebe es insgesamt schlicht zu wenige Stürme in der Schweiz und damit zu wenig vergleichbare Daten über die Zeit.

Stürme werden nicht schlimmer

Stürme kämen etwa alle zwei Jahrzehnte vor. «Nach ‹Lothar› im Jahr 1999 sind wir 2018 mit ‹Burglind› also gut im Schnitt», so Pfister. Der Zeitpunkt der Stürme sei aber kein Zufall. Es handelt sich um typische Winterstürme, die zwischen Dezember und Februar vorkommen. Üblicherweise zögen diese aber nördlich der Schweiz durch. Im Vergleich mit Norddeutschland, England und Holland werde die Schweiz selten getroffen. Dies geschehe vor allem dann, wenn sich von grossen Tiefdruckwirbeln ein kleines Randtief abspaltet, das wie «Burglind» weiter südlich mit grosser Geschwindigkeit durchzieht.

Die steigenden Schadenssummen führt Umwelthistoriker Pfister auf andere Entwicklungen zurück: «Es werden immer mehr Immobilien und Infrastrukturen gebaut, die dem Sturmrisiko ausgesetzt sind. Ferner steigen die Kosten für Aufräumarbeiten und Reparaturen mit den Löhnen.»

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