Klagedrohung gegen Bund
Klima-Seniorinnen: «Gerade weil wir alt sind, wollen wir Lärm machen»

Sie sind alt, sie sind weiblich – und sie sind wütend. Die Klimaseniorinnen machen mit ihrer Drohung, den Bund zu verklagen, Furore. Was wollen die Aktivistinnen überhaupt? Und: Nützt das etwas? Ein Gespräch mit Elisabeth Joris, 70 Jahre alt und Mitgründerin des Vereins Klimaseniorinnen.

Daria Wild
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Elisabeth Joris ist frei schaffende Historikerin, Feministin, Aktivistin und Mitbegründerin des Vereins Klimaseniorinnen

Elisabeth Joris ist frei schaffende Historikerin, Feministin, Aktivistin und Mitbegründerin des Vereins Klimaseniorinnen

Pascal Meier

Frau Joris*, Sie wollen mit Ihrem am Dienstag gegründeten Verein «Klimaseniorinnen» die Schweiz verklagen. Das klingt aberwitzig.

Elisabeth Joris: Ist es aber nicht. In verschiedenen Ländern sind bereits ähnliche Klagen eingereicht worden, in Australien beispielsweise oder auf den Philippinen. In Holland hat letztes Jahr ein Gericht das Land dazu verpflichtet, den CO2-Ausstoss bis 2020 stärker als geplant zu reduzieren. Eine Klimaschutzorganisation hatte Klage eingereicht.

Aber die Regierung hat das Urteil nicht akzeptiert. Der Fall ist hängig. Versprechen Sie sich mehr von Ihrer Klage?

Jedes Land hat eigene Rechtsverordnungen. Aber klar, auch bei uns dürfte das ein langwieriger Weg werden. Wenn unsere Klage unter Umständen bis vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) geht – und das behalten wir uns vor – brauchen wir einen langen Atem. Wir stehen erst ganz am Anfang.

Warum werden Sie erst jetzt aktiv?

Warum nicht? Es ist nie zu spät. Zu sagen, es sei zu spät oder habe keinen Sinn, ist vollständige Resignation. Und das ist für mich kein Weg – sonst hätte ich längst aufgegeben.

Zur Person: Elisabeth Joris

Dr. phil. Elisabeth Joris ist 1946 in Visp geboren und lebt als frei schaffende Historikerin, Feministin und Aktivistin in Zürich. Ihr Forschungsschwerpunkt ist die Frauen- und Geschlechtergeschichte im 19. und 20. Jahrhundert. Joris ist Mutter zweier erwachsener Kinder und Grossmutter.

Trotzdem. Jetzt noch klimapolitische Ziele für das Jahr 2020 definieren zu wollen, ist, gelinde gesagt, ambitioniert.

Sie hätten das Referendum gegen das CO2-Gesetz ergreifen, oder eine Initiative lancieren können.

Klar, aber wir haben uns diese Frage gar nicht erst gestellt. Viel eher fragten wir uns: Was erwirkt internationale Resonanz und passt gleichzeitig zur Schweiz? Eine Beschwerde an den Bundesrat mit der Option, sich an den EGMR zu wenden, war der Plan, den wir von Anfang an verfolgt haben.

Warum ist die Klage reine Frauensache?

Frauen sind stärker von Hitzewellen, die der Klimawandel zu verantworten hat, betroffen – und zwar rein biologisch: Wir schwitzen generell weniger als Männer, unser Körper kühlt also schlechter ab. Zudem leben wir länger. Deshalb ist jetzt dieser Verein von Frauen geprägt. Aber Männer können uns natürlich unterstützen.

Und was macht das Alter aus?

Unsere Generation war zwar auch jene, die auf dem Buckel der Umwelt Profit maximierte und Wohlstand anhäufte, aber es gab schon immer Menschen, die sich dagegen gewehrt haben. Ich kritisiere die Nichtbeachtung der Endlichkeit dieser Welt seit 40 Jahren. Viele der Frauen, die sich jetzt engagieren, kritisieren das unbegrenzte Wachstum. Wir haben schon immer Lärm gemacht. Jetzt erst recht! Gerade eben weil wir alt sind, wollen wir weiterhin Lärm machen.

Darum geht's

Rund 50 Pensionärinnen mit Durchschnittsalter 74 haben am Dienstag den Verein «Klimaseniorinnen» gegründet. Weil ältere Menschen, besonders Frauen, körperlich unter den Folgen des Klimawandels leiden würden, sehen die Klägerinnen Verfassungsartikel 74 verletzt, wonach der Bund den Menschen und seine natürliche Umwelt vor «schädlichen oder lästigen Einwirkungen» schützen muss. Die Klimaseniorinnen fordern deshalb vom Bund, die Treibhausgasemmissionen bis 2020 stärker zu senken, als im aktuellen Massnahmenkatalog vorgesehen. Der Verein wird von Greenpeace Schweiz finanziell und personell unterstützt.