Klimaaktivisten
Berner Forscher: «Ich kann den Frust verstehen – aber es sind auch viele positive Prozesse in Gang»

Viele fühlen sich machtlos und resignieren angesichts der immerzu schlechten Nachrichten zum Klima. Radikale Veränderungen hin zum Guten seien manchmal allerdings erstaunlich schnell zu erreichen, sagt der Politikwissenschafter Lukas Fesenfeld.

Stephanie Schnydrig
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Menschen demonstrieren im März 2022 in Zürich gegen die Klimapolitik und für einen sicheren Klimaschutz.

Menschen demonstrieren im März 2022 in Zürich gegen die Klimapolitik und für einen sicheren Klimaschutz.

Ennio Leanza / Keystone

Alarmstimmung macht sich seit letztem Sommer bei Klimaaktivisten breit, aus purer Verzweiflung kleben sie sich auf Strassen fest oder beschütten Kunstwerke mit Suppe. Können Sie die Hoffnungslosigkeit nachvollziehen?

Lukas Fesenfeld: Ich kann den Frust verstehen. Denn es lässt sich nicht beschönigen: Aus wissenschaftlicher Sicht stehen wir eindeutig mit dem Rücken zur Wand. Die Zeit läuft uns unglaublich rasch davon, um die existenziellen Auswirkungen noch abzumildern, die mit der Klimakrise auf uns zukommen. Nichtsdestotrotz sehen wir in letzter Zeit viele positive Prozesse, beispielsweise in der EU und den USA, wo grosse Investitionen in klimafreundlichere Strukturen getätigt werden. Ausgelöst wurden viele dieser Entwicklungen oft durch «Fridays for Future». Die Bewegung hatte eine unglaubliche Wirkung und die demokratische Politik so tiefgreifend verändert, wie kaum etwas anderes in den letzten vierzig Jahren. Dieses Momentum lässt sich als positiver Kipppunkt beschreiben.

Was meinen Sie mit positiven Kipppunkten?

Kipppunkte sind plötzliche Veränderungen in einem System, die kaum mehr umkehrbar sind. In der Klimawissenschaft spricht man oftmals von negativen Kipppunkten. Ein solcher könnte etwa eintreffen, wenn das Grönlandeis unaufhaltsam zu schmelzen beginnt und verheerende Prozesse in Gang setzt. Bislang hat man sich in der Forschung und öffentlichen Debatte stärker auf diese negativen Kipppunkte fokussiert. Es sind aber auch gesellschaftliche und technologische Veränderungen möglich, die Prozesse zum Guten beschleunigen können.

Beobachten Sie solche fürs Klima positiven Kipppunkte bereits?

Aus meiner Sicht hat das Energiesystem einen positiven Kipppunkt in Teilen schon überschritten. Die erneuerbaren Energien sind inzwischen so billig, auch dank staatlicher Förderung zu Beginn, dass sie absolut konkurrenzfähig sind mit fossilen Energieträgern. Der Wandel hin zu einem nachhaltigen Energiesystem beschleunigt sich deutlich, der Ukraine-Krieg hat diesen Prozess sogar nochmals befeuert. Kein vernünftiger Investor wird mittelfristig sein Geld noch in Kohle stecken. Und auch Ländern wie Katar und Saudiarabien ist klar, dass Öl und Gas keine Zukunft haben. Sie investieren deshalb schon jetzt in Solarkraft und Wasserstoff. Auch wenn sie kurzfristig natürlich noch so viel Profit mit den fossilen Energien herausholen möchten wie möglich.

Der Transformationsforscher

Lukas Fesenfeld – Politologe
Universität Bern / Vera Knöpfel

Lukas Fesenfeld – Politologe

Lukas Fesenfeld forscht an der Universität Bern im Bereich der internationalen Umweltgovernance, der politischen Ökonomie und der politischen Psychologie. Er beschäftigt sich insbesondere mit der politischen Machbarkeit einer transformativen Klima- und Ernährungspolitik.

Was ist mit der Elektromobilität, nähern wir uns auch hier einem Kipppunkt?

Bei der Elektromobilität ist es komplizierter. Natürlich verdrängen Elektrowagen die Verbrenner nach und nach. Aber ich würde diese Veränderung nicht als den entscheidenden Systemwandel bezeichnen, den wir benötigen.

Das müssen Sie erklären.

Um die Klimaziele zu erreichen und uns an Extremwetter anzupassen, müssen wir stärker wegkommen vom Individualverkehr und unser Mobilitätsverhalten verändern: weniger Autofahren und nicht mehr Fliegen. Eigentlich sollten Strassen deutlich weniger Platz einnehmen und stattdessen Bäume gepflanzt werden, um insbesondere Städte bei zunehmenden Hitzewellen zu kühlen. Das wiederum bedeutet, dass die Leute bereit sein müssten, auf ihr eigenes Auto – insbesondere in Innenstädten – zu verzichten und verstärkt auf Sharing-Optionen, Fahrräder sowie öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen. Dafür benötigen wir auch einen raschen Ausbau der entsprechenden Infrastruktur.

Das klingt utopisch.

Tatsächlich beobachten wir Entwicklungen in diese Richtung, auch wenn sie noch sehr langsam vonstattengehen. Aber wir wissen aus unserer Forschung, aus repräsentativen und experimentellen Umfragen, dass die Unterstützung der Schweizer Bevölkerung für ambitionierten Klimaschutz deutlich höher ist, als die meisten vermuten. Das an der Urne abgelehnte CO2-Gesetz wird oftmals als vermeintlicher Beweis angeführt, dass die Schweizer Bevölkerung nicht mehr Klimaschutz will, wenn dieser mit Kosten und Einschränkungen verbunden ist. Aber durch die gleichzeitige Abstimmung über die zwei Agrar-Initiativen wurden die Gegner des Klimagesetzes überproportional mobilisiert. Wäre die Abstimmung zum CO2-Gesetz nicht parallel zu den anderen Abstimmungen gewesen, hätte das Resultat anders aussehen können. Es ist daher falsch, das Ergebnis als Vorwand zu nutzen, keine ambitionierte Klimapolitik zu betreiben.

Sehen Sie Anzeichen, dass die Schweizer Klimapolitik im 2023 aufholen wird?

Es ist klar, dass die Schweiz im internationalen Vergleich ziemlich zurückliegt mit ihren Klimaambitionen. Ich bin skeptisch, ob sich das schnell ändern wird. Denn in der Schweiz ist radikaler Wandel institutionell eigentlich gar nicht vorgesehen. Das System ist vielmehr darauf bedacht, Kompromisse auszuhandeln und kleine Schritte zu tätigen. Zudem ist die Klimapolitik an vielen Stellen blockiert, weil viele Massnahmen stark polarisieren. Jedoch gibt es durchaus auch hoffnungsvolle Anzeichen und einen Vorteil der kompromissorientierten Verhandlungskultur. Wir beobachten, dass es gelingen kann, zuvor unversöhnlichen Blöcke gemeinsam an einen Tisch zu bringen und in einen gut moderierten, vertrauensvollen Verhandlungsprozess zu integrieren. In diesem Prozess bemerken die Akteure dann oftmals, dass sie eigentlich in vielen Dingen ähnliche Interessen verfolgen. So können neue und überraschende Koalitionen des Wandels entstehen.

Und so kann dann ein Knopf gelöst und Kipppunkt erreicht werden?

Im besten Fall, ja. Wir wissen aus der Forschung, dass sich Veränderungen deutlich beschleunigen lassen, wenn Polarisierung minimiert, Innovation gezielt gefördert, und Verlierer angemessen kompensiert werden. Wir versuchen noch herauszufinden, wie genau die institutionellen Strukturen aufgebaut sein müssen, um solche Dynamiken entfalten zu können. Diesbezüglich sehe ich jedoch ein Potenzial für die Schweiz als Laboratorium für den Wandel.