Gemeindepräsidentin
«Kleine Dörfer sind im Nachteil»

Nach 24 Jahren im Himmelrieder Gemeinderat tritt Gemeindepräsidentin Helen Gianola zurück. Sie kritisiert, dass kleine Gemeinden zu viel an den Kanton und an grössere Gemeinden zahlen müssen. Fusionen kommen für die 59-Jährige aber nicht in Frage.

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Helen Gianola

Helen Gianola

bz Basellandschaftliche Zeitung

Andreas Maurer

Weshalb treten Sie für die Himmelrieder Gemeinderatswahlen vom kommenden Sonntag nicht mehr an?

Helen Gianola: Weil ich jetzt seit 24 Jahren im Gemeinderat war und schon vor vier Jahren angekündigt habe, dass ich nicht mehr kandidieren werde.

Weil Sie genug haben?

Gianola: Nein, das Amt macht mir nach wie vor Freude. Ich habe nicht den Verleider. Aber es ist jetzt an der Zeit, etwas Neues zu machen.

Was für eine Bilanz ziehen Sie nach diesen 24 Jahren?

Gianola: Eine positive. Ich würde es wieder machen, obwohl ich immer gesagt habe, dass ich nie in die Politik gehen werde. Als wir zwei Jahre in Himmelried wohnten, wurde ich angefragt, mich auf die Gemeinderatsliste setzen zu lassen. Mich kannte niemand. Deshalb werde ich sicher nicht gewählt, dachte ich. Es kam anders. Ich wollte mich eigentlich schon in der Gemeinde engagieren, habe mir aber nicht den Gemeinderat vorgestellt und schon gar nicht das Gemeindepräsidium.

Zur Person

Ihr juristisches Studium schloss Helen Gianola mit einer Doktorarbeit im Kindschaftsrecht ab. Später bildete sie sich zur Familientherapeutin aus. Seit 1992 arbeitet sie als Ehe- und Scheidungsberaterin. Ihre politische Karriere begann 1985 mit der Wahl in den Himmelrieder Gemeinderat. Diesen präsidiert sie seit sechzehn Jahren. Nun tritt sie zurück. Das Gemeindepräsidium wird sie dem heutigen Vizepräsidenten Roland Schmid (CVP) übergeben. Von 1993 - 2005 vertrat Gianola die FdP im Solothurner Kantonsrat. In dieser Zeit kandidierte sie erfolglos für den Nationalrat. Die 59-Jährige hat drei Söhne und wurde kürzlich Grossmutter. (öpf)

Was würden Sie rückblickend anders machen?

Gianola: Spontan fällt mir nichts ein.

Was werten Sie als Ihren grössten Erfolg?

Gianola: Mein grösster Erfolg ist, dass man in Himmelried die Finanzen im Lot behalten konnte. Wir konnten die Schulden abbauen und den Steuerfuss senken. Des Weiteren freue ich mich, dass wir immer noch einen Kindergarten und eine Primarschule haben. Auch die Stimmung im Dorf ist gut. Als meinen grossen Erfolg sehe ich aber die Führung der Gemeinde im Gesamten, nicht ein einzelnes Projekt.

Vor Kurzem ist Himmelried aber nach langer Zeit erstmals wieder in die roten Zahlen gerutscht.

Gianola: Die Rechnung 08 wird wieder mit einer schwarzen Null abschliessen. In die roten Zahlen rutschten wir vorübergehend wegen Steuerausfällen. Mit diesem Problem sind wir nicht alleine. Unter den Gemeinden herrscht eine grosse Unzufriedenheit wegen des Lastenausgleichs und der Aufteilung der Finanzströme zwischen Kanton und Gemeinden. Das geht vor allem zu Lasten der kleinen Dörfer. Die grösseren Gemeinden mit Zentrumsfunktionen profitieren vom Lastenausgleich auf Kosten der kleinen. Die Zeiten werden härter. Die Gemeinden müssen deshalb stärker zusammenarbeiten.

Kleine Gemeinden wie Himmelried haben also in ihrer heutigen Form keine Zukunft?

Gianola: Doch. Keine Zukunft haben dagegen kleine Gemeindeverwaltungen. Da müssen wir Synergien schaffen. Es wäre aber falsch, Gemeindeverwaltungen wie Poststellen überall zu schliessen. Die Gemeinden müssen kundenfreundlich bleiben und weiterhin vor Ort einen Ansprechpartner anbieten.

Die politischen Grenzen sind aber unantastbar?

Gianola: Im Moment schon. Vor allem, wenn dabei eine gut florierende Gemeinde mit einer, der es finanziell nicht so gut geht, zusammenkommt. Für Fusionen ist es zu früh.

Wie sehen Sie Ihre eigene Zukunft? Ist Ihre politische Karriere mit Ihrem Rücktritt als Gemeindepräsidentin beendet?

Gianola: Ich werde weiterhin ein waches Auge haben. Nach wie vor bin ich in der Begleitgruppe der Regio Basiliensis und im Vorstand des Forum Regio Plus. In der Region möchte ich weiterhin mitreden und meine Erfahrung anbieten. Ich werde aber sicher nicht wieder für den Kantons- oder Nationalrat kandidieren.

Als Frau gehören Sie in der Politik zu einer Minderheit. Fühlten Sie sich deswegen je benachteiligt?

Gianola: Früher hatte ich das Gefühl, dass sich Frauen manchmal stärker durchsetzen müssen, um anerkannt zu werden. Diese Zeiten sind aber längst vorbei. Im nächsten Himmelrieder Gemeinderat sitzen drei Frauen und vier Männer. Das hat es noch nie gegeben. Heute ist es normal. Auf Gemeindeebene habe ich mich nie als nicht-gleichberechtigt gefühlt. Als Auswärtige wurde ich anfangs etwas skeptisch aufgenommen, dann aber schnell akzeptiert. Sonst wäre ich nicht so lange im Rat geblieben.

Beruflich sind Sie als Ehe- und Scheidungsberaterin tätig. Ihr Tipp für ein glückliches Zusammenleben?

Gianola: Toleranz, Offenheit und Kommunikation.

Leben Sie als Familientherapeutin privat das perfekt harmonische Familienleben?

Gianola: Absolut nicht, das wäre ja stinklangweilig. Wir sind eine ganz normale Familie mit Auf und Abs. Es ist ein grosser Unterschied, ob man selber von einem Konflikt betroffen ist oder Aussenstehende berät.

Man kennt Sie als gewiefte Juristin und engagierte Politikerin. Was ist Ihre private Leidenschaft?

Gianola: Eine ist unser Garten, eine andere unser Hund. Ich bin gerne in der Natur und wandere gerne. Ich habe aber auch eine kreative Ader. Diese ist bis jetzt zu kurz gekommen. Zum Beispiel möchte ich gerne häufiger Glasblasen.

Planen Sie eine Ausstellung?

Gianola: Nein. Dafür bin ich noch nicht gut genug.

Werden Sie die Aufmerksamkeit nicht vermissen, die Sie in all den Jahren genossen haben?

Gianola: Nein, überhaupt nicht. Im Kantonsrat war mir die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zeitweise zu gross. Ich kam zu oft in der Zeitung. Man ist nicht nur beliebt, wenn man ständig in der Öffentlichkeit steht.

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