Mathias Reynard

Klar wie Wasser, hart wie Stein: Der Walliser SP-Nationalrat und seine Blitzkarriere

Kein einziges Mal habe er sich selbst für einen Karriereschritt vorgeschlagen, sagt Reynard, das wäre ihm nicht in den Sinn gekommen. Nun kandidiert er SP-Präsident werden.

Kein einziges Mal habe er sich selbst für einen Karriereschritt vorgeschlagen, sagt Reynard, das wäre ihm nicht in den Sinn gekommen. Nun kandidiert er SP-Präsident werden.

Nationalrat Mathias Reynard könnte der nächste Mann an der Spitze der SP werden. Was treibt ihn an? Ein Besuch in seiner Walliser Heimat.

Mathias Reynard hat mal einen Brief erhalten, adressiert an seine Wohnadresse im kleinen Dorf Savièse im Kanton Wallis, 7700 Einwohner, er wohnt dort, seit er geboren wurde, gleich neben der Kirche, fünf Gehminuten von seinen Eltern entfernt. Im Brief stand: Si ton papà était un sal pédé comme toi, tu serais pas là, heureusement; Wäre dein Vater ein dreckiger Schwuler wie du, wärst du nicht geboren worden, zum Glück.

Mathias Reynard, 32 Jahre alt, seit acht Jahren im Nationalrat, damals mit 24 Jahren der jüngste Gewählte für Bern, SP, links politisierend seit er denken kann, hat sehr viele Briefe bekommen, seit 2013. Seit er sich für die Ausweitung der Anti-Rassismus-Strafnorm einsetzt, über welche die Schweizer Stimmbürgerinnen und -bürger am 9. Februar abstimmen werden. Und doch ist ihm dieser mit am stärksten in Erinnerung geblieben, und wenn er jetzt davon spricht, im Bistrot der Médiatèque in Sion, bricht ihm kurz die Stimme.

Aber eben, nochmals, er wolle betonen, dass es nicht darum gehe, dass irgendeiner mit ihm Mitleid hat, weil, besser, dass solche Sätze ihn treffen, und nicht diejenigen, die es wirklich in ihrer Identität trifft. Er, jung, männlich, weiss, heterosexuell, sei privilegiert. Und das sich Einsetzen für andere, das sieht er als Mindestmass an Pflicht, als Bürger, Lehrer, Politiker.

Durchsetzungsstark, aber charmant

Die Ausweitung der Anti-Rassismus-Strafnorm ist politisch betrachtet Reynards grosses Glanzstück. Es kommt in Bundesbern selten vor, dass eine parlamentarische Initiative angenommen wird und auch vor dem Volk Bestand hat. Im Grunde, sagen Weggefährten, sei das nur eine logische Konsequenz seiner Art, wie er die Dinge und die Menschen angeht. Durchsetzungsstark, aber charmant.

Er ist bekannt als einer, der sein Handwerk versteht und die Spiele der Politik auswendig kennt, er ist gradlinig, höflich - und wenn er etwas will, und Ja sagt, dann kämpft er bis zum Schluss. Und will gewinnen. Reynard ist populär, in Bern, aber auch in seiner Heimat.

Kritiker sagen, er gehe bewusst für die «einfachen» Themen auf die Strasse, und halte sich bei Themen wie Jagdgesetz und Waffen vergleichsweise zurück – weil diese Themen im Wallis umstritten sind. Darauf angesprochen, reagiert Reynard genervt, das stimme nicht, «ich habe immer klar meine Linie verfolgt», das bringe ihm im Wallis nicht immer Pluspunkte, aber dazu stehe er.

Mit 10'000 Franken in den Nationalrat

Seine Kandidatur für den Nationalrat und der überraschende Gewinn 2011 hatte im Vorfeld kaum jemand für möglich gehalten, die Kampagne hat rund 10000 Franken gekostet, die Plakate haben Freunde aufgehängt. Kein einziges Mal habe er sich selbst für einen Karriereschritt vorgeschlagen, sagt Reynard, das wäre ihm nicht in den Sinn gekommen. Auch die jetzige Kandidatur für das SP-Präsidium hätten ihm andere nahegelegt.

Für Reynard ist klar: Er hat alleine keine Chance, SP-Präsident zu werden. Nach Christian Levrat sei klar, dass eine Frau aus der Deutschschweiz den Sitz zugesprochen bekommen müsse. «Ein Co-Präsidium oder ein Vizepräsidium könnte ich mir allerdings vorstellen.» Stichtag für die Kandidatur ist der 19. Februar.

Fragt man ihn selbst, welche Eigenschaften ihn erfolgreich machen, sagt er, es seien deren drei: Bescheidenheit, harte Arbeit und Kohärenz. Die Bescheidenheit, die hat er sich eingeimpft, er sagt, es mache ihm unglaubliche Angst, sich zu verlieren, in Bundesbern den Boden unter den Füssen, in Sphären abzutauchen, die mit der Realität der einfachen Leute nichts mehr zu tun haben. «Ich habe Angst, die Menschen, die mich von Anfang an unterstützt haben, zu enttäuschen. Und auch Angst, meine Familie zu verraten.»

Der erste Akademiker der Familie

Er ist der erste in der Familie, der studiert hat, in Lausanne hat er Geschichte und Französisch abgeschlossen, nun unterrichtet er im Heimatdorf rund zehn Stunden pro Woche 14-Jährige, die ihm ins Gesicht sagen, was sie nervt, ohne Umschweife und ein ganzes Stück undiplomatischer, als Bundesbern das jemals goutieren würde. Doch für ihn ist das ein Segen, Realitätscheck, gut fürs Gemüt, gut für den politischen Kompass.

Seine Eltern und einer seiner Brüder sind Parkettverleger, dreckig und müde kommen sie nach Hause, «für solche Leute setze ich mich ein», sagt Reynard, sie hätten ihm beigebracht: Die Arbeit ist wichtig, und wer arbeitet, gehört respektiert. Manchmal hätten ihm seine Lehrer als Junge gesagt, er solle im Unterricht aufpassen, sonst ende er als Strassenfeger.

Er habe in Bern unzählige Mal zu spüren bekommen, dass er zur Arbeiterklasse gehört und nicht zur Elite, einmal hat ihm ein Parteikollege nach einem gemeinsamen Mittagessen mit Unternehmern vorgeschlagen, er gehe mal die Tischsitten mit ihm durch. Reynard hat abgelehnt. Jetzt hat er Wut in der Stimme, aber wenn man ihn nach seiner Wut fragt, mag er sie sich nicht so gerne auf die Fahnen schreiben.

Er wolle keine Gewaltrhetorik gegen die Bourgeoisie, er sei kein Radikaler, aber was ihn wütend macht, ist, wenn die Bessergestellten hinabschauen, auf Leute, die einfache Arbeiten verrichten oder nicht in Privilegien hineingeboren wurden. Auf Leute wie ihn, Leute wie seine Eltern.

Mit dem Rucksack nach Südamerika

Jenseits von Bern und dem Klassenzimmer macht er viel Sport, Mountainbiken, Joggen, Eishockey spielen in Nendaz, er hört ständig Musik, die alten französischen Chansons von Brel und Piaf und politischen Rap, wo es in den Texten um Chancengleichheit geht und Sexismus. Seit er 18 ist, reist er alle zwei Jahre im Sommer mit dem Rucksack nach Südamerika und verbringt dort einen Monat unter den Leuten, «das brauche ich, um mich wieder an die wichtigen Dinge im Leben anzubinden». Gemeinschaft, Frohsinn, Gespräche abseits des politischen Milieus.

Reynard gehört zum Politbetrieb, seit er 16 Jahre alt ist, eingetreten in die Juso Kanton Wallis, danach die Blitzkarriere, mit 24 Jahren der jüngste Nationalrat, und wenn man ihn fragt, wie es um die Liebe stehe, sagt er, es sei kompliziert, aber er wolle mit den Medien nicht darüber sprechen. Sondern lieber darüber, dass das Milizsystem dem Schweizer Politikbetrieb guttut, auch wenn es immer stärker verloren ginge.

«Die Politik in Bern ist nicht an einen einzigen Menschen gebunden, es wird weitergehen, wenn ich gehe, und das ist gut so.» Er könne dann wieder Lehrer sein oder sonst etwas machen, und müsse sich nicht sorgen, dass er nach seiner politischen Karriere nichts mehr zu tun hat. Vieles entscheide sich ohnehin in der Zivilgesellschaft und auf der Strasse, und Narzissmus und Sichtbarkeit um seiner selbst Willen, das sei nun wirklich nicht seine Art.

«Stur wie ein Maulesel»

Fast zwei Stunden am Tag nimmt die Kontaktpflege mit der Bevölkerung in Anspruch, über Mail, Instagram, Facebook, über Briefe. Reynard beantwortet sie alle. Die Statements der Bürgerinnen und Bürger sind neben den Themen, die er seit Jahrzehnten beackert, Arbeitsmarkt, Lohngleichheit, Rassismus, Service Public, eine gute Themenquelle für Bundesbern.

Oft verliere er haushoch mit seinen Vorstössen, sagt Reynard, aber das sei ihm egal, «ich mache einfach weiter». Er sei stur, das habe er von den Eltern, man sage, die Leute aus den Dörfern, aus denen sie stammen, seien stur wie Maulesel. Die Heimat, das Wallis, bedeutet ihm viel. «Ich bin den Traditionen sehr verbunden.» Man dürfe die Debatte um Heimat und Wurzeln nicht den Rechten überlassen, als hätten sie diese Begriffe erfunden. «Die Herkunft gehört uns allen.»

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