Gesellschaft
Kita-Plätze für behinderte Kinder sind rar

Für Eltern von Handicap-Kindern ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf besonders anspruchsvoll. Denn bis heute werden nur wenige Plätze in einer Kindertagesstätte angeboten.

Karen Schärer
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Gelebte Integration: Im Kinderhaus Imago in Dübendorf ist die Hälfte der 60 Plätze für behinderte Kinder reserviert.

Gelebte Integration: Im Kinderhaus Imago in Dübendorf ist die Hälfte der 60 Plätze für behinderte Kinder reserviert.

Emanuel Freudiger

Noch keine zwei Jahre alt, schieben die Kinder in der Gruppe Bäretätzli den Puppenwagen umher, türmen Klötze auf. Die Jüngsten tapsen etwas tollpatschig durch den Raum voller Spielsachen. Auf einer Decke liegt etwas abseits vom Getümmel ein Bub, der nicht nur wegen seiner Körpergrösse auffällt.

Er ist sichtbar älter als die anderen Kinder, rollt den Kopf hin und her, greift ins Leere. Aus seinem Hals ragt eine Kanüle. Eine Betreuerin kniet neben ihm, gleich daneben steht ein Servierwagen mit seinem persönlichen Notfallmaterial bereit.

Im Kinderhaus Imago in Dübendorf ist die Hälfte der 60 Plätze für behinderte Kinder reserviert. Das im August 2008 eröffnete Kinderhaus nimmt damit eine Pionierrolle in der Schweizer Kita-Landschaft ein. Zwar wird an der Volksschule der integrative Gedanke seit einigen Jahren hochgehalten. Doch im Vorschulbereich tut sich diesbezüglich erst wenig: Werden Kinder mit Behinderungen nach Möglichkeit in Regelklassen integriert, haben Eltern von Kleinkindern mit Behinderungen vielerorts noch grösste Schwierigkeiten, einen Betreuungsplatz zu finden.

Viele Alleinerziehende

Dass eine eigentliche Betreuungslücke für behinderte Kinder im Vorschulbereich besteht, ergab eine Umfrage im Jahr 2007 bei den Mitgliedern des Vereins Visoparents Schweiz, einer Elterninitiative von blinden, seh- und mehrfachbehinderten Kindern. «Mit unserer Kita wollen wir diese Lücke schliessen», sagt Sonja Kiechl, Leiterin des Kinderhauses Imago, und fügt an: «Eltern sollen nicht diskriminiert werden, weil sie ein Handicap-Kind haben.» Sprich: Auch Mütter von behinderten Kindern sollen einer Arbeit ausser Haus nachgehen können, wenn sie dies wünschen. Oder müssen: Die Scheidungsrate von Eltern von behinderten Kindern ist überdurchschnittlich hoch; der finanzielle Druck damit ebenso.

Doch nicht nur die Eltern profitieren vom Angebot. Die Mutter eines mehrfachbehinderten Kleinkindes, das an zwei Tagen pro Woche im Kinderhaus Imago betreut und spezifisch gefördert wird, sagt: «Kinder lernen am meisten von anderen Kindern. Warum soll also unser Sohn nicht mit vielen anderen Kindern aufwachsen dürfen, nur weil er behindert ist?»

Früher kamen behinderte Kinder schon früh in ein Heim. Heute sind viele Eltern dazu nicht bereit. Allmählich wächst entsprechend das Betreuungsangebot für behinderte Kleinkinder. Pro Infirmis, zum Beispiel, betreut im Kanton Zug ein Projekt mit dem Ziel, reguläre Kinderkrippen für behinderte Kinder zugänglich zu machen. «Die Zugänglichkeit zu Spielgruppen und Kitas ist Voraussetzung, dass später einmal die Einschulung behinderter Kinder in die Regelschule klappt», sagt Mark Zumbühl von der Behindertenorganisation.

Plätze für schwerbehinderte Babys

Noch kommt es stark auf den Wohnort einer Familie an, ob für ihr behindertes Kind ein Kita-Platz zur Verfügung steht. Mancherorts gibt es Krippen, die sich auf Kinder mit besonderen Bedürfnissen spezialisieren. Andere nehmen punktuell ein behindertes Kind auf. «Für die Kita ist die Betreuung eines körperlich oder geistig behinderten Kindes sehr anspruchsvoll», sagt Edith Roos vom Sozialdepartement der Stadt Zürich. «Trotzdem gibt es Kitas, die das gern und gut machen.»

Ist die Betreuung im Kleinkindalter für eine Kindertagesstätte vielleicht noch gut möglich, wird dies bei einem körperbehinderten Vier- oder Fünfjährigen schon schwieriger – schon allein aufgrund des Gewichts. Ist der Behinderungsgrad hoch, muss die Durchschnittskita kapitulieren. «Schwere Fälle kann eine normale Kita gar nicht nehmen», sagt Carmelina Castellino, Direktorin von Visoparents Schweiz. Im Kinderhaus Imago ist die Nachfrage nach Plätzen für Babys und Kinder mit schweren Behinderungen steigend.

Die Liste der Behinderungen im Kinderhaus ist denn auch lang: 25 Krankheiten umfasst sie. Die Krippe hat im fünfjährigen Bestehen noch kein Kind aufgrund der Schwere des Krankheitsbildes abgewiesen. Für die Betreuung des Kindes mit einer Luftröhrenkanüle wird eine Pflegefachfrau eingeteilt, und auch das Leitungsteam liess sich schulen.

Eins-zu-eins-Betreuung

Werden Kleinkinder mit ihrem intensiveren Betreuungsaufwand mit einem Faktor 1,5 gerechnet, sind im Imago sogar Kinder mit einem Faktor 3 untergebracht. Das bedeutet: Sie haben nonstop eine Eins-zu-eins-Betreuung. Ein mobiles, autistisches Kind braucht ebenso eine Dauerüberwachung wie ein Kind mit einer Luftröhrenkanüle. Das hat seinen Preis: Ein Kita-Tag kann bis zu 420 Franken kosten. Eltern haben die Möglichkeit, finanzielle Unterstützung zu beantragen.

In der Gruppe Purzelbären rollen und walzen Kinder über zwei Jahren farbige Knete. Mit am niederen Tisch sitzen ein hörbehinderter Bub mit Cochleaimplantaten und ein Bub im Kindergartenalter. So ruhig er im Moment dasitzt: Er ist schwer verhaltensauffällig. Tickt er aus, schreit er endlos, spuckt, beisst. Die Einschulung in den heilpädagogischen Kindergarten musste abgebrochen werden – nun arbeitet das Kinderhaus darauf hin, dass der Bub kommendes Jahr in den Kindergarten eintreten kann.

Im Kinderhaus Imago ist es Normalität, anders zu sein. Trotzdem bringen auch Eltern von nicht behinderten Kindern diese zum Teil von weiter her nach Dübendorf. Sie unterstützen den integrativen Ansatz der Kita – und ihre Kinder profitieren mit, weil der Betreuungsschlüssel hoch ist und viele sehr gut ausgebildete Personen angestellt sind.

Bei den «Bäretätzli» ist es mittlerweile Zeit für den Kreis. Jedes Kind bekommt ein Buch zum Anschauen. Wer noch nicht selbst sitzen kann, wird in einen speziellen Hocker gesetzt. Und eine Betreuerin nimmt den Buben, der nie selbst sitzen können wird, kurzerhand auf den Schoss. In diesem Kreis gehören alle dazu.

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