Aufruf

Kirchengeläute soll auf den Frauenstreik hinweisen – und im September auf die Klima-Demo

Viele Kirchengeläute werden am 14. Juni manuell programmiert für aussergewöhnliches Läuten.

Viele Kirchengeläute werden am 14. Juni manuell programmiert für aussergewöhnliches Läuten.

Die christkatholische Kirche St. Peter und Paul in Bern lässt ihre Glocken am 14. Juni von 11 bis 11.15 Uhr erklingen, genauso wie das Kloster Visitation Solothurn. Gleichentags werden dies auch die katholische Pfarrei Peter und Paul Aarau tun und die reformierte Kirchgemeinde Uetikon am See (ZH), von 15.30 bis 15.40 Uhr.

Das sind nur vier Beispiele. Die Kirchenglocken sollen generell für den Frauenstreik läuten. Und zwar an zwei Uhrzeiten. Das hat damit zu tun, dass unterschiedliche Gruppierungen aktiv wurden.

Zunächst meldete sich die Dachorganisation der 17 Frauenhäuser der Schweiz. Sie will die Glocken um 11 Uhr läuten lassen, am ersten nationalen Programmpunkt. Das Glockengeläute soll auf die Gewalt gegen Frauen aufmerksam machen. «Es geht dabei um ein Gleichstellungsthema», sagt Marlies Haller, Geschäftsführerin der Stiftung gegen Gewalt an Frauen und Kindern. «Je gleichgestellter eine Frau ist, desto eher kann sie sich und ihre Kinder vor Gewalt schützen, desto weniger entsteht eine Dynamik hin zu Machtausübung und Abhängigkeit.»

Zugesagt haben reformierte Kirchgemeinden wie Bolligen, Stettlen, Ostermundigen und Bern (BE). Aber auch katholische Pfarreien wie Worb, Ostermundigen, Bern, Köniz und Belp (BE), Reussbühl und Maihof (LU), die Dreikönigspfarrei Balgach (SG) und das katholische Bildungshaus Propstei Wislikofen (AG). Die Schwestern des Klosters Visitation schrieben in ihrer Zusage: «Unser Gebet für dieses Anliegen ist Ihnen gewiss.»

Parallel wurde der Aargauische Katholische Frauenbund aktiv mit der Idee, die Kirchenglocken ertönen zu lassen. Und zwar um 15. 30 Uhr. Dann haben die Frauen ihr Tagwerk verrichtet, weil sie 20 Prozent weniger verdienen, so das Argument. Schnell sagten Aargauer Pfarreien wie Aarau und Rudolfstetten zu.

Ein nationaler Aufruf

Diesen Impuls nimmt nun der Schweizerische Katholische Frauenbund (SKF) mit seinen 130000 Mitgliedern zum Anlass für einen schweizweiten Aufruf. «Es könnte viele Nachahmer geben bei katholischen und reformierten Kirchgemeinden», sagt Vroni Peterhans, Vizepräsidentin des SKF. «Deshalb rufen wir alle Kirchgemeinden in der Schweiz auf, die Kirchenglocken um 15.30 Uhr zu läuten.» Einen Aufruf, den der SKF in den nächsten Tagen auch noch gemeinsam öffentlich machen wird «mit den Evangelischen Frauen Schweiz (EFS), der IG feministische Theologinnen und der feministisch-theologischen Zeitschrift Fama», wie Peterhans sagt.

Doch wie gehen die Frauen vor, damit die Glocken am 14. Juni erklingen? Bei den katholischen Pfarreien werde man sich mit den Verantwortlichen absprechen, sagt Vroni Peterhans vom SKV. Für das Läuten zuständig sind die Sakristane, und das sind heute zu über 50 Prozent Frauen. Und aussergewöhnliches Geläute lässt sich manuell einstellen.

Komplizierter und ein wenig umstrittener sieht die Situation bei den reformierten Kirchen aus. Die einzelnen Kirchgemeinden können zwar frei entscheiden, wann sie ihre Glocken ertönen lassen, heisst es beim Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund (SEK). Ein nationales Läuten empfehle der SEK aber nur in Ausnahmesituationen, sagt Mediensprecherin Michèle Graf-Keiser. Etwa bei Naturkatastrophen oder Gewaltereignissen.

Ähnlich geht die Reformierte Kirche des Kantons Zürich vor. «Wir mahnen beim Einsatz von Glockengeläute für politische Zwecke zu grosser Zurückhaltung», sagt Nicolas Mori, Leiter Kommunikation. Flächendeckend geläutet wurde im Kanton Zürich letztmals am 8. Mai 1945, am Ende des Zweiten Weltkrieges. Einzelne Kirchgemeinden wie das Grossmünster lassen die Glocken aber auch schon mal erklingen, wenn sich die Schweiz für die Fussball-Weltmeisterschaft qualifiziert.

Die Aufrufe zum Kirchenläuten auf verschiedensten Ebenen belegen, dass der Frauenstreik 2019 «eine breite, vielfältige, unstrukturierte Bewegung ist», wie es Christine Flitner formuliert, Zentralsekretärin des Verbands des Personals öffentlicher Dienste VPOD. «Die Aktivitäten schiessen wie Pilze aus dem Boden. Das ist toll.» Jede Frau und jede Gruppe entscheide selbst, was für sie im Vordergrund stehe. Theologin Elisabeth Zingg sagt gar: «Vieles ist chaotisch und unorganisiert. Da kommt mir Ruach – Gottes Geist – in den Sinn. Die hebräische Göttin schwebt über dem Chaos, aus dem dann die Schöpfung entsteht.»

Zwei zentrale Forderungen kristallisieren sich heraus: Lohnfrage und unbezahlte Arbeit. Dass die Lohndiskriminierung – der unerklärbare Lohnunterschied bei gleichwertiger Arbeit – noch 7,7 Prozent betrage, sei «verfassungswidrig und hat weitreichende Konsequenzen für die Frauen», sagt Nationalrätin Irène Kälin. Sie bündelt die Aktivitäten der Grünen. Das Thema unbezahlte Arbeit sei «noch einigender als die Lohnungleichheit, denn alle Frauen leisten unbezahlte Arbeit», sagt Kälin. «Es umklammert alles.» Frauen arbeiteten zwei Drittel ihrer Zeit gratis, Männer zwei Drittel gegen Lohn.

Glocken auch an Klima-Demo?

Dass die Kirchenglocken am Frauenstreik ertönen, ist erst ein Anfang. Sie sollen auch am 28. September zu hören sein, wenn die nationale Klima-Demonstration auf dem Bundesplatz stattfindet. Der Katholische Frauenbund (SKF) gehört zu den 80 Organisationen der Klima-Allianz, welche die Demo organisiert. «Wir arbeiten daran, dass die Kirchenglocken auch im September läuten», sagt Vizepräsidentin Peterhans. «Im christlichen Glauben besteht ein wichtiger Auftrag darin, die Wunder der Schöpfung zu bewahren.»

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Autor

Othmar von Matt

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