Von den 1730 gemeldeten Fällen handelte es sich bei 663 – das sind fast 40 Prozent – um psychische Misshandlungen. Gerade bei diesen dürfte die Dunkelziffer hoch sein, da sie weder blaue Flecken noch sichtbare Wunden hinterlassen.

Dazu Markus Wopmann, Leiter der Fachgruppe Kinderschutz der schweizerischen Kinderkliniken und Chefarzt der Kinderklinik am Kantonsspital Baden: «Als psychische Misshandlung gilt zum Beispiel, wenn ein Kind zu Hause permanent beschimpft wird, als strohdumm bezeichnet wird, ihm mit dem Heim oder gar dem Tod gedroht wird.»

In der Statistik tauchen diese Fälle nur auf, wenn das betroffene Kind davon erzählt oder beispielsweise eine Lehrperson aufgrund schulischer Auffälligkeiten Alarm schlägt.

Oft leiden Kinder auch unter Gewalt, die sich nicht direkt gegen sie richtet. Unter psychisch misshandelt fallen auch Kinder, die «Gewalt zwischen den Eltern miterleben, zum Teil dabei intervenieren und zu schlichten versuchen oder selber die Polizei rufen, weil sie in Angst und Sorge sind», schreibt die Schweizerische Gesellschaft für Pädiatrie in ihrer Medienmitteilung.

In den vergangenen Jahren gingen einige Kantone – darunter der Aargau – dazu über, bei Polizeieinsätzen wegen häuslicher Gewalt in Haushalten mit Kindern jedes Mal auch eine Kinderklinik einzuschalten. «Allein in Baden haben wir jede Woche ungefähr sieben bis zehn Fälle», sagt Markus Wopmann. Bei einem Teil davon sei der Tatbestand der psychischen Misshandlung erfüllt.

Die Bevölkerung ist sensibilisiert

Die registrierten Fälle psychischer Misshandlung sind von 381 im Vorjahr auf 663 im Jahr 2017 angestiegen, diejenigen körperlicher Misshandlung von 381 auf 663. Der Anstieg erkläre sich mindestens zum Teil dadurch, dass Kinderkliniken öfters einbezogen und so die Fälle besser erfasst werden, vermutet Wopmann. Auch sei die Bevölkerung besser sensibilisiert.

Das bestätigt Xenia Schlegel, Geschäftsführerin der Stiftung Kinderschutz Schweiz: «Es ist nicht anzunehmen, dass die Misshandlungen tatsächlich zugenommen haben», sagt sie. «Doch wenn wir die Dunkelziffer einbeziehen, sind die Fallzahlen erschreckend hoch. Jedes zweite Kind erlebt körperliche oder psychische Gewalt in irgendeiner Form.»

Die Stiftung empfiehlt deshalb, im Gesetz über die Verbesserung des Schutzes gewaltbetroffener Personen, das in der laufenden Session im Ständerat diskutiert wird, dem Kindesschutz noch mehr Gewicht zu geben. Unter anderem sollen Personen, die bei häuslicher Gewalt intervenieren, in Weiterbildungen spezifisch darauf geschult werden, auf das Wohl involvierter Kinder zu achten.

Psychische Misshandlung findet fast ausschliesslich in der Familie statt. Bei körperlicher Misshandlung gilt dies in 78 Prozent der Fälle. Betroffenen sind zu ungefähr gleichen Teilen Knaben und Mädchen. Anders sieht es beim sexuellen Missbrauch aus: Da sind Mädchen viermal häufiger Opfer als Knaben. 271 Fälle sind in der Statistik zum letzten Jahr erfasst, das sind 35 weniger als im Vorjahr.

Markus Wopmann betrachtet die Abnahme als statistische Schwankung, sieht jedoch eine langfristige Verbesserung: «Was sexuellen Missbrauch betrifft, ist die Situation heute deutlich besser als vor zwanzig Jahren. Die jahrelangen Sensibilisierungskampagnen haben gewirkt.»