Familie

Kinder zuhause unterrichten? Nein danke! Nur wenige Eltern wollen Homeschooling

Die Kinder selbst zuhause unterrichten? Bei einigen Eltern wuchs der Wunsch während der Coronazeit. Bei vielen aber nicht.

Die Kinder selbst zuhause unterrichten? Bei einigen Eltern wuchs der Wunsch während der Coronazeit. Bei vielen aber nicht.

In den Kantonen Luzern und Zürich sind Gesuche für Privatunterricht zuhause stark gestiegen. Die allermeisten Eltern schicken die Kinder aber wieder in die Schule.

Wochenlang waren die Kinder zuhause, die Schulhäuser blieben leer. Und die Eltern waren beim Fernunterricht mitgefordert. Dass Kinder daheim unterrichtet werden können, hat einige Eltern auf den Geschmack gebracht: In den Kantonen Zürich und Luzern sind die Gesuche fürs Homeschooling nach den coronabedingten Schulschliessungen stark gestiegen: Im Luzernischen sind bisher 20 Anträge gestellt worden. Dies dürfte zu einer Zunahme «von gut 12 bis 15 Familien und etwa 20 zusätzlichen Kindern» führen, sagt Amtsleiter Charles Vincent ‑ ein Anstieg also um rund einen Drittel, zählt man aktuell doch 71 Kinder in 33 Familien, die zuhause unterrichtet werden.

Auch im Kanton Zürich ist die Nachfrage stark gestiegen: Seit Mitte März wurden 65 Kinder neu für den Privatunterricht gemeldet – zu den bisherigen 265. «Diese Zahlen weisen darauf hin, dass im Moment die Anzahl Kinder im Homeschooling stärker als im langjährigen Durchschnitt steigt», sagt Myriam Ziegler, Leiterin des Zürcher Volksschulamtes.

Der Föderalismus kann hier so richtig wuchern

Ein schweizweiter Trend scheint dies allerdings nicht. Dies zeigt eine Umfrage bei den Deutschschweizer Kantonen. Abgesehen von Zürich und Luzern meldet kaum ein Kanton einen Anstieg der Gesuche. Dies heisst allerdings auch wieder nicht, dass die Eltern dies nicht tun möchten: Fast nirgends spielt der Föderalismus so stark wie bei der Frage des Homeschoolings. Jeder Kanton hat andere Regeln, ob und wie Kinder zuhause unterrichtet werden können. So ist im Aargau oder im Kanton Zürich der Privatunterricht nicht bewilligungs-, sondern lediglich meldepflichtig. Es reicht vorerst also quasi ein Brief - auch wenn später durchaus kontrolliert wird, ob Kinder den Schulstoff beherrschen.

Andernorts aber, beispielsweise im Kanton Solothurn oder in Freiburg sind die Hürden viel höher: Wer sein Kind dort zuhause unterrichten will, braucht ein Lehrerpatent. Die Kantone können die Regeln gar so streng ausgestalten, dass das Homeschooling praktisch verunmöglicht wird. Im Kanton Zug etwa brauchen Eltern nicht nur ein Lehrdiplom oder müssen einen Lehrer anstellen: Sie müssen auch nachweisen, dass eine Isolation des Kindes durch den Einzelunterricht vermieden wird. Bewilligungen werden aber auch dann nur dann erteilt, wenn die Eltern besondere Gründe geltend machen können wie einen ständigen Aufenthaltsortswechsel. Die Regeln sind also so streng, dass es im Kanton Zug denn auch kaum Gesuche gibt.

Lange war Homeschooling bei Evangelikalen beliebt

Anspruch auf Homeschooling besteht aber auch nicht: Dies hat das Bundesgericht vergangenes Jahr festgehalten, am Falle einer Familie aus Basel-Stadt. Auch dort sind die Vorschriften so streng, dass es in der Regel nicht mehr als ein Gesuch pro Jahr gibt. Nicht einmal in Berggebieten, wo sich ein Homeschooling aufgrund langer Schulwege anbieten könnte, wird dieses rege genutzt. Auch die Kantone Uri oder Graubünden kennen sehr restriktive Regeln, bzw. erlauben das Homeschooling de facto nicht. Gesuche sind in beiden Kantonen in den letzten Jahren nicht eingereicht worden. Begründet wird dies beispielsweise mit der Chancengleichheit für alle Kinder, oder damit dass sich eher begüterte Eltern das Homeschooling leisten könnten. Auch könnten Kindern soziale Kontakte fehlen.

Eltern, die Kinder zuhause unterrichten, betonen dagegen die Möglichkeit, individueller auf die Kinder eingehen zu können. Grund können auch gesellschaftliche Vorbehalte sein: So war das Homeschooling lange besonders in evangelikalen Kreisen beliebt. Homeschooling bedeutet viel mehr als Fernunterricht In den vergangenen Jahren hat das Homeschooling zwar zugenommen. Dennoch ist es alles andere als verbreitet: Auch im liberalen Kanton Bern werden lediglich 0,6 Prozent der 105901 Kindern (also 667) zuhause unterrichtet. Im Aargau sind es 305 von 76728 Kinder und Jugendlichen. Im Thurgau sind es rund 30 von 30000 Kindern.

Und vielleicht scheuen letztlich die Eltern das Homeschooling auch, wenn sie sehen, welchen Aufwand Lehrer leisten: So hatte man im Kanton St. Gallen zwar rund zehn Anfragen von Eltern, die nach dem coronabedingten Fernunterricht selbst ihre Kinder unterrichten wollten. Schliesslich aber wurde kein Gesuch eingereicht. Den Eltern wurde in Gesprächen aufgezeigt, dass zwischen «Fernunterricht» und «Homeschooling» doch ein grosser Unterschied besteht.

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