Genaue Zahlen kennt zwar niemand, doch Fachkundige gehen davon aus, dass es immer mehr Betreuungseinrichtungen für Kinder und Betagte gibt, die eng zusammenarbeiten. Vielerorts werden sie Generationenhäuser genannt. Vorderhand geht es um die Überalterung der Gesellschaft: Immer mehr Senioren stehen immer weniger Kindern gegenüber. Die Betreuung der Betagten kostet die öffentliche Hand viel Geld, Synergien wollen genutzt werden.

Die Überalterung ist nur die eine Seite der demografischen Entwicklung. Wegen der zunehmenden Kinderlosigkeit und der steigenden Mobilität reisst der Kontakt zwischen Jungen und Alten mehr und mehr ab: Menschen, die keine Kinder hatten, bleiben auch im Alter ohne Grosskinder. Doch Grosskinder sind es, mit denen Alte am ehesten im Kontakt mit der jungen Generation bleiben. Nicht einmal Grosseltern sind jedoch davor gefeit, den Kontakt zu den Jungen zu verlieren. Dann etwa, wenn ihre Kinder und deren Sprösslinge ganz woanders wohnen und arbeiten als sie selbst.

Die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft (SGG) hat sich das Thema auf die Fahne geschrieben. Sie geht davon aus, dass der alltägliche Kontakt zwischen alten und betagten Menschen und Kindern viel stärker gepflegt werden sollte. «Wenn man als Kind keinen Bezug zu Betagten hat, wie reagiert man dann in Zukunft auf die grosse Zahl alter Menschen?», fragt Monika Blau, die das Programm Intergeneration der SGG betreut. Letztlich schlummert darin sogar ein Generationenkonflikt: Wenn Junge und Alte kaum mehr miteinander zu tun haben, könnte dies dazu führen, dass das Verständnis für die Bedürfnisse der anderen schwindet.

Einen möglichen Ausweg sieht die SGG in generationenverbindenden Treffen in den Betreuungseinrichtungen beider Altersgruppen. Letztes Jahr gab es erstmals eine Tagung mit Modellprojekten und der Forschung dazu. Nächsten November ist in Aarau eine zweite Tagung geplant. Auch mehr Einrichtungen, in denen Betagte und Kinder unter einem gemeinsamen Dach tagesbetreut werden, sollen gefördert werden.

Hohe regulatorische Hürden

Doch wie viele solche Einrichtungen gibt es überhaupt? Monika Blau kennt allein in Basel fünf bis sechs intergenerative Projekte. Sie geht von ähnlichen Zahlen in den anderen grossen Deutschschweizer Städten aus. Gesamthaft aber sei die Zahl überschaubar. In der Deutschschweiz seien es eher weniger als hundert.

Ein Modell, bei dem Betagte, Senioren und Kinder so eng miteinander agieren wie im Papillon in Linden BE, das die «Nordwestschweiz» besucht hat, ist eine grosse Ausnahme. Gefördert wurde es auch mit Geldern der Age-Stiftung, die Wohnformen fürs Älterwerden in der Deutschschweiz unterstützt. Für die Förderbeiträge zuständig, kennt Karin Weiss von der Age-Stiftung das Papillon sehr gut. «Es ist in der umgesetzten Form beispielhaft und in dieser geglückten Form wohl einmalig», sagt sie zur «Nordwestschweiz». Mehrgenerationenhäuser dieser Art seien aus regulatorischer Sicht allerdings anspruchsvoll und die Rahmenbedingungen für die Erbringung von Pflegeleistungen von Kanton zu Kanton unterschiedlich, betont sie. «Solche Modelle sind nicht beliebig umsetzbar.»

Wenn Kita und Betagtenheim sich unter demselben Dach befinden, dann heisst das aber noch lange nicht, dass sich die Bewohner und betreuten Kinder auch tatsächlich näherkommen. Karin Weiss nennt Bedingungen: «Wenn Begegnungen zwischen den Generationen ein zentrales Element in Institutionen sein sollen, dann müssen entsprechende Betreuungskonzepte umgesetzt und die Aktivitäten zwischen den Generationen moderiert werden.» Man könne nicht davon ausgehen, dass alle Kinder wie auch alle älteren Menschen ein gegenseitiges Interesse aneinander hätten. Wichtig sei vor allem auch, dass die Freiwilligkeit bei den Kontakten gewahrt werde.

Wer aktiviert wen?

Wie Gespräche zeigen, entspricht der Wunsch nach engem Kontakt zwischen den Generationen jedoch mehr den Betagtenheimen denn der Kitas. Kibesuisse, der Verband Kinderbetreuung Schweiz, anerkennt zwar durchaus Vorteile für die Kinder, sieht aber auch Risiken: «Es darf nicht einseitig der Aktivierung der Betagten dienen», sagt Nadine Hoch, Sprecherin von Kibesuisse.

Bei der Tagung zum Thema im letzten Jahr sorgten solche Einwände für heftige Diskussionen. Der Kita-Dachverband schlug vor, dass Kinder unter zwei Jahren von den regelmässigen Kontakten mit den Betagten ausgenommen werden sollten, weil diese nicht deutlich artikulieren könnten, wenn es ihnen missfällt. Die Betagtenheime wiederum liessen dieses Argument nicht gelten. Schliesslich würden doch auch Demenzkranke etwa nicht deutlich ihr Missfallen kundtun können. Hier müsse das Personal eben ganz genau hinsehen.

Jung und alt nicht trennen – den Kommentar zum Thema lesen Sie hier.